Bayern 2 - radioWissen


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Die dunkle Zeit

Von: Volker Eklkofer / Sendung: Brigitte Kohn

Stand: 11.12.2013 | Archiv

GeschichteHS, RS, Gy

Geschichten von Rittern, Burgen, Mönchen und Hexenverbrennung prägen heute das Bild vieler Menschen vom fernen Mittelalter. Wir schauen in die Vergangenheit, geben Einblick in die Gesellschaftsordnung und zeigen, wie komplex das Leben damals war.

Eine Epoche namens Mittelalter

Die Absetzung des letzten weströmischen Kaisers im Jahr 476 nach Christus kann als Datum gewählt werden, um eine Trennlinie zwischen Antike und Mittelalter zu markieren. Nach Meinung zahlreicher Gelehrter dauert diese Epoche bis in frühe 16. Jahrhundert. Zu dieser Zeit beginnen Europäer die Welt zu erkunden, Amerika wird entdeckt. Martin Luther setzt 1517 die Reformation in Gang und die Neuzeit beginnt. Nach Auffassung anderer Experten bereitet jedoch erst die Aufklärung dem Mittelalter ein Ende.

Herrschaftsbereiche entwickeln sich

Europa erfährt im Zuge der Völkerwanderung einen tief greifenden Wandel, die römische Verwaltung bricht zusammen. Erst mit dem Frankenreich und vor allem mit Karl dem Großen (747/748-814), der in Rom vom Papst zum Kaiser gekrönt wird, sind wieder Ansätze stabiler Staatlichkeit zu erkennen. Nach Karls Verständnis ist das Römische Reich an die Franken übergegangen. Unter Karls Nachfolgern zerfällt das Reich erneut, die Stammesherzogtümer verfolgen zunehmend eigene Interessen. Herrscher wie Otto der Große (912-973) beschränken zwar die Macht der Herzöge, doch am Ende der - Jahrhunderte andauernden - Entwicklung steht die Bildung von Einzelstaaten. Die Lehen werden erblich und mit dem Aufkommen der Kurfürstentümer und der Regelung der Reichsverfassung durch die "Goldene Bulle" 1356 ist der Kaiser als Machtfaktor stark geschwächt. Fortan wird in Deutschland vorwiegend Fürsten- und Ländergeschichte geschrieben.

Das Ringen zwischen Kaiser und Papst

Kaiser/König (Imperium) und Papst (Sacerdotium), zwei wichtige Säulen mittelalterlicher Entwicklung, kooperieren zunächst eng miteinander. Otto der Große versucht bereits das Papsttum zu dominieren und macht Bischöfe zu Reichsbeamten. Die vom Kloster Cluny in Burgund ausgehende Reformbewegung hält dagegen. Sie fordert die Unabhängigkeit des Papsttums und verlangt schließlich die kirchliche Universalherrschaft, also die Kontrolle über die weltliche Macht. Darüber kommt es zum Investiturstreit. Gegen die Einsetzung von Bischöfen und Äbten durch Laien lehnt sich der Papst im 11. Jahrhundert auf. Nach erbitterten Auseinandersetzungen legt das Wormser Konkordat 1122 fest, dass in Deutschland Bischöfe durch die Geistlichen (Domkapitel) in Anwesenheit des Königs oder eines Vertreters gewählt werden. Am Ende des 13. Jahrhunderts steht das Papsttum mit Bonifatius VIII. (1235-1303) auf dem Höhepunkt seiner Macht. Schließlich setzt der französische König Philipp IV. (1268-1314) dem kirchlichen Anspruch auf Weltherrschaft ein Ende.

Der Mensch im Mittelalter

Das Weltbild der Menschen ist statisch und streng hierarchisch geordnet. Individualismus nach heutigem Verständnis gibt es nicht. Die gemeinsame Religion ist Grundkonsens, Abweichler (Ketzer) werden nicht geduldet. Buße und Sühne sind fester Bestandteil des Alltags, der unter christlich-kirchlicher Aufsicht abläuft. Die Masse der Bevölkerung arbeitet auf dem Land. Viele Menschen leben von der Hand in den Mund, sie sind zu Abgaben und Frondiensten verpflichtet. Zunächst Klöster, dann zunehmend Burgen und Fürstenhöfe sind Zentren der Verwaltung und Kultur.

Die Ständegesellschaft

In der mittelalterlichen Gesellschaft entscheidet die Geburt über den Status des Menschen. Im 11. und 12. Jahrhundert bilden sich die drei tragenden Stände heraus: Adel, Bauer, Geistlichkeit. Als Kämpfende, Arbeitende und Betende üben sie wichtige Funktionen aus.

Der Aufstieg der Städte

Städte gab es schon in der Römerzeit, aber viele verschwanden in den Wirren der Völkerwanderung. Erst ab 900 entstehen neue Siedlungen, die sich mit dem Zuzug von Handwerkern und Kaufleuten entwickeln. Markt, Mauer und vor allem die eigene Gerichtsbarkeit werden die Hauptmerkmale der mittelalterlichen Stadt. Sie ist auch Zufluchtsort für Menschen, die sich der Grundherrschaft und der Unfreiheit entziehen ("Stadtluft macht frei").

Die Universitäten - Eine Errungenschaft des Mittelalters

Im Zuge der Bildungsreform Karls des Großen werden Klosterschulen und Domschulen an den Bischofssitzen gegründet. Herrscher wie Friedrich I. "Barbarossa" (um 1122-1190) verleihen solchen Institutionen besondere Privilegien - eine Art früher Hochschulautonomie. Im 12. Jahrhundert entstehen Universitäten in Paris und Bologna. Die erste Universität im Reich ruft Kaiser Karl IV. (1316-1378) in Prag ins Leben.


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