Bayern 2 - Land und Leute


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Die Kuisls Wie aus Henkern ehrbare Leute wurden

Oliver Pötzsch ist mütterlicherseits ein Nachfahre der Kuisls. Mehrere historische Kriminalromane hat er bislang veröffentlicht, die sich seinen Henkersahnen widmen. Für "Land und Leute" ging er auf Spurensuche, befragte Verwandte, stöberte in alten Archiven - und begegnete einer faszinierenden Familie, die es über einen langen Zeitraum geschafft hat, sich vom Ruch des ehrlosen Henkers zu befreien. - Ein persönlicher Streifzug durch die Jahrhunderte anhand einer ungewöhnlichen Familie.

Von: Oliver Pötzsch

Stand: 05.03.2017 | Archiv

Henker mit Beil | Bild: colourbox.com

Gefürchtete Henker, Folterknechte und Schinder - als Scharfrichter gehörten die Kuisls einem verabscheuten, ehrlosen Stand an. Vom 16. bis ins 19. Jahrhundert hinein übte diese Familie ihr blutiges Handwerk in vielen bayerischen Städten aus. Sie gilt als eine der bekanntesten Henkersfamilien hierzulande. Ein Wechsel in andere Berufe war den Kuisls nicht möglich; wer in dieser Familie aufwuchs, blieb sein Leben lang ein Verstoßener.

"Am 19. Mai 1546 beging ein Handwerker Selbstmord, weil er im Zustand der Trunkenheit mit dem Scharfrichter gezecht hatte. Dieser hatte den hartnäckigen Trunkenbold erfolglos abzuwehren versucht. Tags darauf entzog ihm die Zunft die Arbeitserlaubnis, weil er durch die Vertraulichkeit mit dem Scharfrichter unehrlich geworden sei. Der Gemaßregelte verfiel in Traurigkeit und nahm sich schließlich das Leben."

(Historische Begebenheit)

Die Stadt zahlte den Henkern viel Geld

Tod durch Enthaupten und Raedern, Bamberg 1507

Scharfrichter waren nicht arm, im Gegenteil: Die Stadt zahlte für Foltern, Hängen und Verbrennen gutes Geld. Henker kümmerten sich nebenbei um die Müllentsorgung, beaufsichtigten das Glücksspiel oder führten Bordelle. Familien wie die Kuisls machten die fehlende gesellschaftliche Anerkennung mit Geld und Bildung wett. Sie konnten lesen und schreiben, besaßen Bibliotheken und Grundstücke und profitierten von steuerlichen Vergünstigungen. Mancher Henker stieg mit der Zeit sogar zum angesehenen Bürger auf.

Über die Hälfte ihres Einkommens verdienten die Kuisls erstaunlicherweise nicht mit Hinrichtungen, sondern mit der Medizin. Bis Ende des 18. Jahrhunderts war der Henker nämlich der Arzt der kleinen und gelegentlich auch der großen Leute. Zum Scharfrichter ging man bei Knochenbrüchen, ausgerenkten Schultern, aber auch bei unerwünschten Schwangerschaften oder lästigem Husten.

Die Abschaffung der Scharfrichterei eröffnete neue berufliche Perspektiven

Als die Scharfrichterei vor ungefähr zweihundert Jahren in den meisten bayerischen Orten abgeschafft wurde, mussten sich auch die Kuisls nach anderen Berufen umsehen. Sie wurden Bader, Barbiere und schließlich sogar Ärzte. Über Jahrzehnte der Verachtung und Anfeindung gelang es ihnen, in der Gesellschaft langsam Fuß zu fassen. Dabei zeigten nicht wenige plötzlich Talente, die so gar nicht zum Klischee des Henkers passen wollen. Sie fingen an, Märchen und Theaterstücke zu schreiben, wanderten nach Frankreich und Brasilien aus, studierten an der Münchner Kunstakademie und brachten Anfang des 20. Jahrhunderts mit Josef Kuisl sogar einen bekannten Portrait- und Landschaftsmaler hervor.

Bestseller-Autor Oliver Pötzsch

Oliver Pötzsch, Jahrgang 1970, war jahrelang Filmautor beim Bayerischen Rundfunk und lebt heute als Autor in München. Seine historischen Romane um den Schongauer Henker Jakob Kuisl haben ihn weit über die Grenzen Deutschlands bekannt gemacht.

Buchtipp: die 6-teilige Henkers-Tochter-Saga von Oliver Pötzsch

Die Henkerstochter und der Rat der Zwölf

  • Autor: Oliver Pötzsch
  • Taschenbuch: 540 Seiten
  • Verlag: Ullstein Taschenbuch (14. Juli 2017)
  • ISBN-10: 3548288375
  • ISBN-13: 978-3548288376


Die Henkerstochter und das Spiel des Todes

  • Autor: Oliver Pötzsch
  • Taschenbuch: 656 Seiten
  • Verlag: Ullstein Taschenbuch (15. Januar 2016)
  • ISBN-10: 3548287379
  • ISBN-13: 978-3548287379


Die Henkerstochter und der Teufel von Bamberg

  • Autor: Oliver Pötzsch
  • Taschenbuch: 720 Seiten
  • Verlag: Ullstein Taschenbuch (8. August 2014)
  • ISBN-10: 3548284485
  • ISBN-13: 978-3548284484


Die Henkerstochter und der König der Bettler

  • Autor: Oliver Pötzsch
  • Taschenbuch: 592 Seiten
  • Verlag: Ullstein Taschenbuch (12. August 2010)
  • ISBN-10: 3548281141
  • ISBN-13: 978-3548281148


Die Henkerstochter und der schwarze Mönch

  • Autor: Oliver Pötzsch
  • Taschenbuch: 528 Seiten
  • Verlag: Ullstein Taschenbuch (3. April 2009)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3548268536
  • ISBN-13: 978-3548268538


Die Henkerstochter: Teil 1 der Saga

  • Autor: Oliver Pötzsch
  • Taschenbuch: 512 Seiten
  • Verlag: Ullstein Taschenbuch (13. März 2008)
  • ISBN-10: 3548268528
  • ISBN-13: 978-3548268521

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