Erdnüsse sind für manche Menschen stark allergieauslösend. Eine Therapie gab es bislang nicht.

Erdnüsse sind für manche Menschen stark allergieauslösend. Eine Therapie gab es bislang nicht.

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    Hyposensibilisierung: Schutz vor gefährlicher Erdnuss-Allergie

    Hyposensibilisierung: Schutz vor gefährlicher Erdnuss-Allergie

    Während manche Erdnüsse als Nervenfutter lieben, können bei anderen schon Spuren davon zu Erstickungsanfällen führen. Wie können sich Betroffene mit einer Erdnuss-Allergie schützen? Mit geeigneten Maßnahmen sollte schon früh begonnen werden.

    Eine Erdnussallergie bleibt ein Leben lang. In den industrialisierten Ländern leiden etwa ein bis zwei Prozent aller Kinder daran. Müsli, Schokolade, Kekse, Fruchtjoghurt, diese Produkte können Spuren von Nüssen und Schalenfrüchten enthalten. Kindergeburtstage oder der Besuch eines Kindergartens werden bei Allergikern deshalb häufig gemieden. Denn eine starke Ausprägung einer Erdnussallergie kann zu Juckreiz im Mund, Atemnot oder einem Kreislaufkollaps führen, der sogar tödlich enden kann.

    Hyposensibilisierung bei Erdnussallergie

    Doch es gibt Hoffnung für die Betroffenen. Das Stichwort heißt Hyposensibilisierung, wie man es vom Heuschnupfen her kennt. Dabei gibt man, unter ärztlicher Aufsicht, Allergikern kleine, ansteigende Mengen des Allergens und trainiert so das Immunsystem. Eine Studie, die im Januar 2022 im Fachmagazin "The Lancet" veröffentlicht wurde, deutet darauf hin, dass gute Ergebnisse erzielt werden, wenn mit der Immuntherapie bereits bei sehr jungen Kindern begonnen wird.

    Das junge Immunsystem trainieren

    Für die Studie bekamen 146 Kinder mit starker Erdnussallergie im Alter zwischen eins und drei über 134 Wochen täglich Pulver mit bis zu zwei Gramm an Erdnussproteinen beziehungsweise ein Placebo-Pulver. Nach dieser Zeit konnte bei 71 Prozent der Kinder der "Erdnuss-Gruppe" eine Desensibilisierung festgestellt werden, das heißt, die Schwelle für eine allergische Reaktion war deutlich höher. In diesem Fall konnten die Kinder fünf Gramm Erdnussprotein zu sich nehmen ohne Reaktion. In der Placebo-Gruppe war das nur bei zwei Prozent der Kinder der Fall.

    Immuntherapie dauerhaft fortsetzen

    Nach 134 Wochen Immuntherapie folgten 26 Wochen ohne Erdnuss-Proteine. Am Ende dieser Zeitspanne konnten noch 21 Prozent der Kinder aus der "Erdnuss-Gruppe" ohne allergische Reaktion fünf Gramm Erdnuss-Protein essen. In der Placebo-Gruppe traf dies wieder nur auf zwei Prozent zu. Dieses Ergebnis zeigt, dass eine dauerhafte Therapie auch bei kleinen Kindern sinnvoll ist. Ein ähnlicher Effekt hatte sich in einer Studie mit älteren Probanden aus dem Jahr 2019 ergeben, dazu später mehr. Ein Ergebnis der neuen Studie ist außerdem, dass die Desensibilisierung am wahrscheinlichsten gelingt, je jünger die Kinder sind.

    Frühere Studien mit älteren Probanden

    In den vergangenen Jahren gab es ähnliche Studien, allerdings mit älteren Kindern beziehungsweise Jugendlichen oder Erwachsenen. Im November 2018 hatte ein internationales Forscher-Team aus Brisbane in Kalifornien erfolgreich eine Therapie gegen Erdnussallergie getestet. Ihre Ergebnisse veröffentlichten die Wissenschaftler im "New England Journal of Medicine". An der Studie nahmen 496 Kinder zwischen vier und 17 Jahren aus den USA und Europa mit nachgewiesener Erdnussallergie teil.

    Erfolgreiche Allergietherapie

    Die Kinder nahmen über den Zeitraum von einem Jahr regelmäßig und in langsam gesteigerter Dosis das Präparat AR101 ein. Das Medikament wird aus Erdnüssen gewonnenen und enthält eine tägliche Dosis von 300 mg Erdnussprotein. Nach den Ergebnissen der Studie vertrugen 67 Prozent der Kinder und Jugendlichen danach wenigstens zwei ganze Erdnusskerne. Damit war das Primärziel erreicht. Allerdings war die Wirkung bei älteren Teilnehmern zwischen 18 und 55 Jahren nicht signifikant.

    Wie lange dauert eine Hyposensibilisierung?

    Bis dahin war die optimale Dauer und Dosis der Hyposensibilisierung unbekannt. Deswegen setzten Forscher der US-amerikanischen Stanford University die Studie fort ("The Lancet", September 2019): Nachdem die Ärzte die Teilnehmer der Studie erfolgreich gegen Erdnüsse desensibilisieren konnten, führte das Absetzen der Immuntherapie oder ihre Fortsetzung mit einer reduzierten Dosis zu einem Rückgang ihrer schützenden Wirkung. Die Studie ergab auch, dass mehrere Bluttests, die vor der oralen Erdnussimmuntherapie (OIT) durchgeführt wurden, den Erfolg der Therapie vorhersagen konnten.

    Erdnussallergie-Studie mit 120 Teilnehmern

    120 Personen im Alter von sieben bis 55 Jahren mit einer diagnostizierten Erdnussallergie nahmen an dieser Studie teil. Während der gesamten Zeit erhielten 95 Teilnehmer eine allmählich steigende Tagesdosis Erdnussprotein von bis zu vier Gramm, und 25 Teilnehmer erhielten täglich Placebo-Haferflocken. Nach 24 Monaten wurde die Toleranz der Teilnehmer auf Erdnüsse getestet. Von den Teilnehmern, die die Erdnuss-Immuntherapie erhalten hatten, zeigten 83 Prozent keine allergischen Reaktionen, bei denjenigen, die ein Placebo erhalten hatten, waren es nur vier Prozent.

    Fortführen der Immuntherapie auch bei Erfolg

    Die Teilnehmer, die keine Reaktionen zeigten, erhielten in der Folge entweder ein Placebo oder die tägliche Dosis von 300 mg Erdnussprotein, was der Menge einer ganzen Erdnuss entspricht. Ein Jahr später zeigten 37 Prozent der Teilnehmer, die 300 mg Erdnussprotein bekommen hatten, keinerlei allergische Reaktion, 13 Prozent, die ein Placebo bekommen hatten, dagegen schon. Die Forscher fanden bestätigt, was sich schon in vorherigen Studien abgezeichnet hatte: Die Desensibilisierung wirkte nur noch bei einer Minderheit der Teilnehmer, wenn die OIT eingestellt oder reduziert wurde.

    Vorteil: Niedrige Antikörper-Werte vor der Therapie

    Die Forscher konnten der Studie auch entnehmen, dass Teilnehmer, die ihre allergische Reaktion auf Erdnüsse überwunden hatten, bereits zu Beginn der Immunisierung niedrigere Werte an Antikörpern gegen Erdnussprotein im Blut hatten. Die zukünftige Forschung wird sich darauf konzentrieren, herauszufinden, wie lange und in welcher Dosis das Allergen nach Absetzen der oralen Immuntherapie noch eingenommen werden sollte. Ein abruptes Absetzen scheint jedenfalls wenig sinnvoll.

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