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Nahrungsmittelallergien Irrtümer über Allergien

Gefühlt steigt die Anzahl von Nahrungsmittelallergien an: Die Regale im Supermarkt sind voll von Spezial-Produkten. Mancher Verzicht beruht aber nach Erfahrung von Experten auch auf Missverständnissen. "Gesundheit!" klärt auf.

Von: Isabel Hertweck-Stücken

Stand: 05.03.2018

Nahrungsmittelallergien | Bild: Screenshot BR

Irrtum Nummer 1: Die Häufigkeit

Allergisch gegen Erdnüsse?

Stimmt es wirklich, dass Nahrungsmittelallergien im Moment stark zunehmen? Sind sie bald so verbreitet wie Heuschnupfen? Die Münchner Ernährungsexpertin Dr. Imke Reese ist eine der führenden Spezialistinnen auf diesem Gebiet. Sie kann, aufgrund der vorliegenden Daten, zwar einen Anstieg der Erdnussallergie bestätigen, allerdings nur in Amerika:

"Für Europa hat man bisher zur Häufigkeit nur relativ ungenaue Daten zur Verfügung. Für wenige Allergene haben wir jetzt gute Daten, zum Beispiel für Milch und Ei, und die sind eher niedriger ausgefallen als wir es erwartet haben."

Dr. rer. medic. Imke Reese, Ernährungsexpertin München

Der Verdacht auf eine Nahrungsmittelallergie bestätigt sich in der Praxis in den meisten Fällen nicht, so die Erfahrung von Kinderarzt Dr. Florian Gundel.

"Wenn man sich jetzt allein auf die Berichte der Eltern stützt, muss man annehmen, dass 20 Prozent der Kinder eine Nahrungsmittelallergie aufweisen. Wenn man diese Kinder dann wirklich provoziert, also zum Beispiel im Rahmen einer Nahrungsmittelprovokation, stellen wir fest, dass die Häufigkeit nur bei zwei bis vier Prozent liegt."

Dr. med. Florian Gundel, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Klinikum Starnberg

Die Häufigkeit der Nahrungsmittelallergie wird auch in der Bevölkerung insgesamt überschätzt: Von den 30 Prozent, die von sich glauben, sie hätten eine, bleiben am Ende nur drei bis vier Prozent übrig.

Irrtum Nr. 2: Das Test-Missverständnis

Allergietest

Allergietests sind ein sinnvolles Mittel zur Diagnose. Allerdings werden die Ergebnisse von Laien häufig völlig überinterpretiert. Typischer Fall: Wenn zum Beispiel eine Nussallergie vermutet wird, werden standardmäßig andere Nahrungsmittel mit getestet.

"Es kann dann sein, dass ein Ergebnis zurückkommt, das Auffälligkeiten aufweist. Nicht nur gegen das vermutete Allergen, sondern dass möglicherweise auch andere Werte neben den primären Werten erhöhte Werte gezeigt haben."

Dr. med. Florian Gundel, Klinik für Kinder- und Jugendmedizin, Klinikum Starnberg

Verwirrend für Laien: Erhöhte Werte im Allergietest allein sagen nichts über eine tatsächliche Allergie aus. Sie zeigen nur eine Sensibilisierung an, also eine Auseinandersetzung des Immunsystems mit dem Stoff.

Wenn man dieses Lebensmittel bisher gut vertragen hat, kann und soll man es - trotz Test - weiter essen.

Irrtum Nummer 3: Die Vermeidungs-Falle

Viele verschiedene Nahrungsmittel essen - das schützt Kinder vor Allergien.

Kann man sich vor Allergien schützen? Indem man zum Beispiel potentiell allergene Lebensmittel meidet oder weglässt - vor allem in der Kindheit? Eine britische Studie hat das getestet und zwar mit Erdnüssen. Das Ergebnis:

"Das Faszinierende war, dass die Kinder, die Erdnuss vermieden haben, zu einem hohen Prozentsatz eine Erdnussallergie bekommen haben. Mit fünf Jahren hatten, wenn man alle Kinder zusammenrechnet, 17 Prozent der Kinder eine Erdnussallergie. Während die Kinder, die Erdnuss regelmäßig gegessen haben, keine Erdnussallergie bekommen haben."

Dr. rer. medic. Imke Reese, Ernährungsexpertin München

Statt Pastinaken und Karottendiät ist jetzt von frühester Kindheit an Vielfalt angesagt. Das schützt Kinder tatsächlich vor Allergien.

Irrtum Nr. 4: Die einfache Diagnose

Allergisch oder nicht? Die Diagnose sollte nur der Fachmann stellen.

Das Rezept für eine gute Allergie-Diagnose scheint einfach zu sein. Man nehme: Allergische Symptome, die immer bei einem bestimmten Lebensmittel auftreten, plus positiver Allergietest und fertig ist die Diagnose. Leider ist es nicht immer so simpel. Das zeigt zum Beispiel die sogenannte „anstrengungsinduzierte Weizenallergie“.

"Die ist besonders schwierig zu diagnostizieren. Die Leute essen Weizen, sie haben kein Problem, wenn sie zum Frühstück ihre Semmel essen oder am Nachmittag einen Kuchen. Nur wenn sie danach Sport treiben - und das kann manchmal nur der schnelle Gang oder das Laufen zum Bus sein - dann kommt es tatsächlich zu einer allergischen Reaktion."

Dr. rer. medic. Imke Reese, Ernährungsexpertin München

Ist sehr selten, aber kommt vor.

Eine weitere Besonderheit gibt es bei der Kuhmilchallergie. Bei sehr kleinen Kindern - bei Säuglingen - kann man die Kuhmilchallergie mit einem klassischen Allergietest oft noch nicht nachweisen. Der Kinderarzt muss die Diagnose anhand einer Weglassdiät stellen. Das  heißt: Die Diagnose von Nahrungsmittelallergien gehört in jedem Alter in die Hand von Fachleuten.

Auch wenn eine solche fundierte Diagnose Zeit kostet, sie könnte den ein oder anderen von überflüssigen Einschränkungen befreien und damit vielleicht sogar neue Allergien verhindern.


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