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Beim Wandern in den Alpen Bartgeier zählen | BR24

© Bayerischer Rundfunk / IQ - Aus Wissenschaft und Forschung

Wie viele Bartgeier gibt es im Alpenraum? Ein Thema bei "Wissen schnell erzählt" (IQ, 11.10.2019)

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Beim Wandern in den Alpen Bartgeier zählen

Die Gelegenheit besteht noch bis Sonntag: Wer zum Wandern in den Bergen unterwegs ist, sollte auf auffallend große Vögel achten. Der Landesbund für Vogelschutz (LBV) ruft dazu auf, Bartgeier zu zählen. So erkennen Sie die imposanten Greifvögel.

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Bartgeier sind sehr neugierige Tiere. Mit etwas Glück erwischen Sie einen solchen Greifvogel dabei, wie er gerade Sie beobachtet! Noch bis zum 20. Oktober finden die Internationalen Bartgeierbeobachtungstage statt, die jedes Jahr alpenweit durchgeführt werden. Der Landesbund für Vogelschutz (LBV) erhofft sich vor allem von Wanderern in den bayerischen Alpen Hinweise auf den aktuellen Bartgeierbestand und auf neue Brutpaare in Bayern. Laut LBV könnten Naturliebhaber dort "mittlerweile fast regelmäßig" die majestätischen Vögel am Himmel entdecken.

Beste Chancen auf Bartgeier: in den Allgäuer Hochalpen

Die besten Chancen, einen Bartgeier zu erspähen, haben Wanderer, die oberhalb der Baumgrenze unterwegs sind. Im Allgäu zum Beispiel könnte es klappen, dort werden die großen Greifvögel immer wieder gesichtet. Der LBV empfiehlt Wanderern deshalb, ein Fernglas und zur Dokumentation das Smartphone oder eine gute Kamera mit in den Wanderrucksack zu packen.

Daran erkennt man einen Bartgeier

Einen Bartgeier zu erkennen, ist gar nicht so schwer: Mit einer Flügelspannweite von rund 2,90 Metern gehört er zu den größten Vögeln Europas. Er ist sogar noch imposanter als ein Steinadler. Seinen Namen verdankt er den charakteristischen schwarzen Federn im Gesicht, die ihm borstenartig über den Schnabel hinaus nach unten stehen. Er fliegt eher einzeln, langsam und tief über dem Grund und kann dadurch Menschen sehr nahe kommen. Gänsegeier zum Beispiel sind dagegen oft in kleinen Gruppen in größerer Höhe unterwegs.

"Mit ihren nahezu drei Metern Spannweite und einem unverkennbaren Flugprofil sind Bartgeier schon gut von Weitem zu erkennen." Henning Werth, LBV-Gebietsbetreuer Allgäuer Hochalpen

Die Federn und Farben eines Bartgeiers

In einem Plakat gibt der LBV noch weitere Tipps zum Erkennen eines Bartgeiers: Die Schwung- und Steuerfedern enden spitz: Die Schwingen sind weniger gefingert, die Steuerfedern am Schwanz nicht kurz und geradlinig, sondern lang und keilförmig angeordnet. Junge Bartgeier besitzen ein dunkelbraunes Gefieder und einen schwarzen Kopf. Am Rücken befindet sich eine v-förmige Zeichnung, die jedoch ab dem dritten Lebensjahr verschwindet. Bei älteren Bartgeiern verfärben sich Brust, Bauch und Kopfpartien weiß.

Der Bartgeier färbt sich die Federn

Die helleren Gefiederbereiche färbt sich der Bartgeier: Er badet in eisenhaltigem Sediment, wodurch die Federn leuchtend orange werden. Der keilförmige Schwanz und die gelb-rötlichen Brustfedern unterscheiden den Bartgeier deutlich vom Steinadler.

© Henning Werth/LBV

Junge Bartgeier erkennt man an ihrem schwarzen Kopf.

Bartgeier-Sichtung per Mail an den LBV

Der LBV bittet darum, Geiersichtungen am besten mit einem Foto oder einer genauen Beschreibung, Datum, Uhrzeit und einer Ortsangabe zu melden. "Dadurch lassen sich Art, Alter und sogar das Individuum genau bestimmen", erläutert Henning Werth, Biologe und LBV-Gebietsbetreuer in den Allgäuer Hochalpen. Auch die Anzahl, das Verhalten, besondere Merkmale des Vogels - zum Beispiel eine Färbung am Kopf oder der Brust - und eventuell erkennbare Markierungen interessieren den LBV. Freigelassene Jungvögel werden nämlich mit einzelnen weiß gefärbten Flügel- und Schwanzfedern gekennzeichnet.

  • Potenzielle Bartgeier-Beobachter können einfach eine E-Mail an den LBV schicken: geiermeldung@lbv.de

Ein Bartgeier legt hunderte Kilometer am Tag zurück

Die Zähltage finden über die ganzen Alpen und im französischen Zentralmassiv statt. "Anfang bis Mitte Oktober eignet sich als Zählzeitpunkt, da die Brutzeit vollständig abgeschlossen ist und die Jungvögel nun bereits auch etwas weitere Strecken innerhalb des elterlichen Reviers zurücklegen", erklärt Henning Werth. Bartgeier sind tatsächlich sehr mobil: Auf ihren Wanderungen durch die Alpen legen sie hunderte von Kilometern am Tag zurück. "Sie streifen zur Erkundung problemlos aus den Alpen an die Nordsee und zurück", sagt Werth.

Bartgeier sind Aasfresser und Gesundheitspolizisten

Bartgeier fressen fast ausschließlich Aas. An der Mär, dass sie Lämmer und Kinder packen würden, sei nichts dran, entkräftet LBV-Biologe Werth: "Alles Quatsch! Geier haben viel zu schwache Füße, um groß aktiv Beute zu schlagen." Vielmehr dienen sie als Gesundheitspolizei, indem sie tote Tiere in der freien Natur beseitigen. "Der Bartgeier hat zum Beispiel extrem saure Magensäfte, damit er Knochen zersetzen kann. Von denen, beziehungsweise dem Mark darin, lebt er beinahe ausschließlich."

Bartgeiern fehlen die toten Tiere als Nahrung

Heutzutage fehlt den Bartgeiern jedoch oft die Nahrung: "Heute bleiben Kadaver nicht mehr draußen liegen, sondern werden aus hygienischen Gründen industriell entsorgt", weiß Werth. Auch Wildaas werde oft entnommen. Laut Werth bräuchte es für Bartgeier eigentlich Futterplätze, doch verstorbenes Vieh auszulegen, ist in Deutschland tabu.

© Richard Straub/LBV

Ein adulter Bartgeier mit rötlichen Brustfedern. Deutlich zu erkennen ist der keilförmige Schwanz.

Bartgeier wurde in Deutschland ausgerottet

Vor mehr als 100 Jahren wurde der Bartgeier in Deutschland ausgerottet. Doch es bestehe Hoffnung auf seine mögliche Rückkehr, teilt der LBV mit. Die Bestände der Bartgeier nehmen in Europa wieder zu. Bereits seit 1986 werden einzelne Vögel in den Alpen ausgewildert. In Österreich zum Beispiel sind die Tiere seit Jahren wieder heimisch und fliegen zunehmend über die Grenze nach Deutschland. Doch weil die gefiederten Giganten oft gezielt vergiftet oder gejagt werden, schwinden in vielen Regionen der Welt die Bartgeier-Zahlen weiter.

Wiederansiedelungsprojekt für Bartgeier in den bayerischen Alpen

Der LBV will den Schutz der europäischen Geier vorantreiben und plant für die bayerischen Alpen ein Wiederansiedelungsprojekt. Die dortigen Steilfelsen würden den Greifvögeln gute Nistmöglichkeiten bieten. In einer Machbarkeitsstudie wurden bereits potenzielle Regionen zur gezielten Wiederansiedelung bewertet. Die Ergebnisse wurden Mitte September 2019 vorgestellt: Demnach würden sich vor allem die Ostalpen eignen, weil es dort ausreichend Nahrung gäbe. Um junge Bartgeier aus einem Zuchtprogramm freizulassen, sei der Nationalpark Berchtesgaden am besten geeignet. Mögliche Regionen seien aber auch das Allgäu, das Karwendel und das Werdenfelser Land. In den untersuchten bayerischen Gebieten wären die Bedrohungen für große Greifvögel momentan gering.

"Bayern ist Heimat für Geier. Die Studie zeigt, der Bartgeier hat hier gelebt, er kann hier leben und er soll das auch wieder tun. Und dabei eignen sich vor allem die Ostalpen für eine Wiederansiedelung." Norbert Schäffer, LBV-Vorsitzender

Bartgeier können sich an geschossenem Wild vergiften

Die größte Gefahr für Bartgeier ist laut LBV übrigens eine Bleivergiftung: Die können sich die Vögel zuziehen, wenn sie an erlegtes Wild gelangen, in dem sich noch Munitionsreste befinden. Bleihaltige Munition ist zum Beispiel im Nationalpark Berchtesgaden seit 2014 verboten. Der LBV betont, dass der Bartgeier nur dann eine Chance habe, wenn Jäger grenzübergreifend auf bleihaltige Munition verzichteten. In freier Natur könnte der majestätische Flieger bis zu 45 Jahre alt werden.