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Ottilien-Babys: Die Kinder der Stunde Null | BR24

© Familie Avnir

David Avnir als Baby mit seinen Eltern in St. Ottilien

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    Ottilien-Babys: Die Kinder der Stunde Null

    David Avnir lebt in Jerusalem, David Stopnitzer in München. Sie sind Söhne von Holocaust-Überlebenden. Doch warum sind die beiden im Kloster St. Ottilien zur Welt gekommen? Tilmann Kleinjung erzählt ihre ungewöhnliche Geschichte.

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    Von
    • Tilmann Kleinjung

    David Avnir ist Chemie-Professor an der Hebrew University in Jerusalem. Im Winter 1949 kam er als Baby mit seinen Eltern nach tagelanger Überfahrt aus Europa am Hafen von Haifa an. In dem Pass des 71-Jährigen steht ein ungewöhnlicher Geburtsort: St. Ottilien. Dort wurde er am 12. Juni 1947 geboren.

    "Ich bin das Kind Nr. 369 des St. Ottilien Hospitals." David Avnir

    Der Neubeginn in St. Ottilien

    Die Geburtsgeschichte von David ist eigentlich ein Ding der Unmöglichkeit. Seine Eltern gehören zu den wenigen europäischen Juden, die den Holocaust überlebten. Sie sind nach dem Krieg, wie fast alle überlebenden Juden, über Umwege in der amerikanischen Besatzungszone gelandet. Damals lebten in und um München bis zu 150.000 Juden. Sie waren sogenannte Displaced Persons - Heimatlose.

    Eines der größten DP Camps befand sich in Landsberg am Lech. In der nahen Erzabtei St. Ottilien richtete die Amerikanische Armee 1945 in einem ehemaligen Lazarett der Wehrmacht ein Krankenhaus ein, das auf die Bedürfnisse jüdischer Patienten spezialisiert wurde. Dort arbeiteten fast ausnahmslos jüdische Ärzte. Es gab eine koschere Küche, um die geistigen und geistlichen Anliegen der Patienten kümmerten sich Rabbiner. Das Klosterdorf St. Ottilien wurde so zur ersten Anlaufstelle für Holocaust-Überlebende und entwickelte sich zu einem kulturellen und politischen Zentrum für den Neubeginn jüdischen Lebens in Deutschland.

    © BR

    An die Erzabtei St. Ottilien war in den Jahren 1945 bis 1948 ein Hospital für jüdische Patienten angeschlossen.

    "Die Ottilien-Babys"

    Im heutigen Ottilienheim gegenüber des Exerzitienhauses wurde eine eigene Geburtsstation eingerichtet. Mehr als 400 Kinder kamen hier zur Welt: die sogenannten Ottilien-Babys - "die Kinder der Stunde Null".

    "Mir gefällt dieser Teil meiner Geschichte. Es ist immer ein Gesprächsthema. Dass ich in einem Benediktiner-Kloster geboren wurde, darüber wollen die Leute reden." David Avnir

    Geboren in einem Benediktiner-Kloster? Das ist historisch nicht ganz korrekt. Jüdisches Krankenhaus und benediktinisches Kloster waren zwei getrennte Welten. Mit dem Alltag im Krankenhaus hatten die Mönche kaum zu tun.

    Auf der Suche nach der Vergangenheit

    Auch David Stopnitzer kam in St. Ottilien zur Welt - am 24. Mai 1946. Seine Eltern erzählten ihm nie von dieser Zeit in St. Ottilien, genauso wenig die Eltern von David Avnir. Erst ein Kongress, zu dem das Kloster zusammen mit dem Jüdischen Museum München und Wissenschaftlern der LMU eingeladen hatte, brachte sie dazu, über diesen Teil ihrer Geschichte nachzuforschen.

    "Ich hatte überhaupt keine Vorstellung, ich wusste zwar, dass es ein Kloster ist. Aber für mich war das nebliges Schloss. Das war eine ausgeblendete Zeit, ein Loch." David Stopnitzer

    Nach dem Schweigen der Eltern begibt sich nun die zweite Generation auf die Suche nach der eigenen Vergangenheit. Die Dokumentation "Die Kinder der Stunde Null", die erstmals im September 2018 im BR Fernsehen zu sehen war, erzählt diese ganz besondere Geburtsgeschichte und begleitet die beiden Männer zurück an ihren Geburtsort.

    Der Film ist in der Nacht von Samstag auf Sonntag, 10. Mai 2020, um 0.00 Uhr auf ARD-alpha zu sehen.

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