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Ein Pärchen vor der Skyline von Dubai.

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    Dubai, ein Sehnsuchtsort und die Menschenrechte

    Dubai und die Emirate locken in der Pandemie mit Traumstränden und Freiheit. Touristen sollen gegen Corona geimpft werden. Dann sind da aber die Fälle Khashoggi, Latifa und schwere Menschenrechtsverletzungen. Sollen Influencer das Image retten?

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    Von
    • Stefanie Gentner
    • Sherif Abdel Samad

    Schon 2019 zog es viele Influencer nach Saudi-Arabien, inzwischen kommen sie vermehrt auch nach Ägypten, vor allem aber nach Dubai. Wer bei Youtube und Instagram unterwegs ist, entdeckt immer öfter Postings aus dem Königreich. Die Influencer und Influencerinnen schwärmen in ihren Stories und Videos in den höchsten Tönen. Sie posieren vor den luxuriösen Malls oder der legendären Skyline aus Wolkenkratzern.

    Mord an Khashoggi, Entführung von Prinzessin Latifa

    Kalkül unterstellt da manch einer den Vereinigten Arabischen Emiraten, dem Königreich Saudi-Arabien oder Ägypten. Es heißt, die Länder versuchen seit einiger Zeit vor allem ihre schönen Seiten zu propagieren. "Das ist eine traurige Sache", sagt Abdulaziz Almoayyad, saudischer Menschenrechtsaktivist und Sprecher der Menschenrechtsorganisation ALQST, "weil wir ein sehr schönes Land haben. Aber hier will die Regierung ihren Ruf reinwaschen." Er betont: In der ganzen Golf-Region herrsche absolute Monarchie.

    Tatsächlich kämpfen die Staaten dort mit einem Image-Problem – und das nicht erst seit dem Mord an dem regierungskritischen saudischen Journalisten Jamal Khashoggi 2018 und den jüngsten Berichten um die Entführung von Prinzessin Latifa, Tochter des Emirs von Dubai. Sie hatte 2018 vergeblich versucht, aus Dubai zu fliehen. Seitdem gab es von ihr kein Lebenszeichen mehr – bis zuletzt heimlich aufgenommene Videos von ihr der BBC zugespielt wurden und durch die Presse gingen.

    Menschenrechtsverletzungen, Folter, Misshandlungen

    Der Fall Latifa ist wohl das prominenteste Beispiel für die Schattenseiten der Region um die Vereinigten Arabischen Emirate. Die Gefängnisse sind überfüllt, Berichte von Folter und Misshandlungen häufen sich, wie die Menschenrechtsorganisation Humanrights berichtet, beispielsweise über Saudi-Arabien. Schilderungen von Amnesty International lesen sich ähnlich: Demnach sind die Rechte von Frauen, Kindern und Personen ohne Staatsbürgerschaft stark eingeschränkt, Diskriminierungen stehen auf der Tagesordnung.

    Im Fall von Ägypten, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar spricht Amnesty von einer menschenrechtlich bedenklichen Lage. "Die Menschen, die dort Macht haben, repräsentieren nicht die Vielzahl der Menschen, die dort leben", berichtet Menschenrechtler Abdulaziz Almoayyad im Gespräch mit dem BR. "Die einen werden immer reicher und die unterdrücken die anderen." Und wer dagegen angehen wolle, sei "im Exil oder im Gefängnis". Deshalb hat Almoayyad selbst Saudi-Arabien vor vier Jahren verlassen. Heute lebt er in Irland.

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    Abdulaziz Almoayyad, saudischer Menschenrechtsaktivist.

    Saudi-arabische Aktivistin entlassen – aber nicht frei

    Das Thema "mehr Rechte für Frauen" kochte zuletzt an der Person Ludschain al-Hathlul hoch. Die Frauenrechtlerin hatte jahrelang gegen das Fahrverbot für Frauen in Saudi-Arabien gekämpft. Im Mai 2018 wurde sie wegen Terrorismus festgenommen. Kurz darauf hob das saudische Königreich das Fahrverbot für Frauen auf. Kronprinz Mohammed bin Salman habe lange Zeit versucht, sich als Reformer darzustellen, sagen Beobachter. "Doch viele Aktivisten sind ins Gefängnis gesteckt worden", sagt Menschenrechtler Almoayyad. So auch Ludschain al-Hathlul, die fast drei Jahre in Haft war. Anfang 2021 wurde sie entlassen – sie ist aber unter Bewährung frei und darf Saudi-Arabien in den kommenden fünf Jahren nicht verlassen.

    Interessant dabei: Die Entlassung erfolgte nur drei Wochen nach dem Amtsantritt des neuen US-Präsidenten Joe Biden. Der Demokrat hatte im Wahlkampf angekündigt, mit Blick auf Menschenrechtsverletzungen in Saudi-Arabien eine harte Haltung gegenüber dem Verbündeten einzunehmen. Ein klarer Kurswechsel aus den USA, denn Präsident Donald Trump hatte ein äußerst enges Verhältnis zum Königshaus in Riad gepflegt.

    Die Harrisons, Marcus von Anhalt, Fiona Erdmann & Co.

    Da passt es gut in die aktuelle Situation in der Golf-Region, dass Influencer und Reiseblogger vermehrt die positiven Seiten der Gegend präsentieren. Auch zahlreiche deutsche Influencer und Influencerinnen sollen dort übrigens nicht nur gerne Urlaub machen, sondern sogar ganz an den Persischen Golf ausgewandert sein – darunter die Harrisons, Marcus von Anhalt, Sami Slimani oder Fiona Erdmann. Sie bewerben nun das vermeintliche Paradies. Darüber macht sich auch der ZDF-Satiriker Jan Böhmermann lustig. In seinem "Magazin Royale" berichtet er von der staatlichen Influencer-Lizenz des "National Media Council". Demnach verpflichte sich jeder Influencer, jede Influencerin, sich nicht kritisch über das Land zu äußern.

    "Sie alle haben Millionen von Followern", betont Böhmermann. Mit deutscher Reichweite werde in Dubai Geld verdient, "aber keine Steuer gezahlt". Denn: Dort gebe es weder Einkommen- noch Unternehmenssteuern und eine Mehrwertsteuer von fünf Prozent auch erst seit 2018.

    Gerade Dubai sticht da oft heraus und wird gern als moderne und weltoffene Stadt präsentiert. "Dubai hat diese glitzernde, moderne Fassade, aber das Personenstandsrecht ist noch stark von traditioneller islamischer Rechtsprechung geprägt", sagt Eckart Woertz. Er ist der Direktor des GIGA-Instituts für Nahost-Studien in Hamburg.

    Menschenrechtler: "Da wird eine Menge Geld gezahlt"

    Der saudische Menschenrechtler Almoayyad will die aktuellen Vorkommnisse und die Medienberichte darüber für die ganze Region einsortieren. Für ihn ist klar: "Die Regierung, beispielsweise in Saudi-Arabien, versucht, die Situation zu manipulieren, und will die Fakten vertuschen." Da werde eine "Menge Geld gezahlt", man handle und korrumpiere mit Unternehmen, auch Journalisten und Journalistinnen oder eben mit Influencern. Und da gebe es leider die, die die wahre Situation nicht kennen oder ignorieren. "Das ist reine Propaganda", sagt Almoayyad. Und: "Die Regierung ist eine Mafia, die gegen die saudische Bevölkerung arbeitet."

    Geöffnete Hotels und Shopping – trotz Corona

    Das zeigt sich laut Almoayyad übrigens auch im Corona-Ausnahmezustand. Denn: "In einem Land, in dem es keine Meinungsfreiheit und keine Gewaltenteilung gibt, kann man nicht sicher sein, dass das, was gesagt wird, auch wirklich stimmt – die Corona-Zahlen beispielsweise." Hier gebe es nur ein Ziel: Die absolute Monarchie zu sichern.

    Tatsächlich ist es aber so: Während sich andere Länder im Lockdown befinden, entwickeln sich die Vereinigten Arabischen Emirate zum beliebten Urlaubsziel. Die Touristen-Zahlen steigen beispielsweise in Dubai seit Jahren. Das zeigen die Daten des Marktforschungsinstituts Statista. Gerade zu Corona lockte das Emirat seit Juli mit nicht so strengen Corona-Beschränkungen, warb mit geöffneten Hotels, Shopping-Malls und Stränden sowie lockeren Einreise-Regeln um Touristen.

    Das Auswärtige Amt warnt vor Reisen in die Vereinigten Arabischen Emirate, die es zum Hochinzidenzgebiet erklärt hat. Der offizielle Wert liegt bei mehr als 200 pro 100.000 Einwohner (Stand: 26.3.2021) – und damit etwa doppelt so hoch wie in Deutschland.

    Kunstmesse und Impftourismus

    Im April soll die Kunstmesse Art Dubai öffnen – trotz Corona. Die autokratischen Herrscher brauchen die Kultur dringend für ihr Image, heißt es. Außerdem ein Thema: Impftourismus. Zuletzt machten Schlagzeilen die Runde, wonach sich Superreiche oder Leute mit guten Beziehungen zu den Königshäusern am Golf eine schnelle Impfung verschaffen konnten. Offiziellen Angaben zufolge gibt es genug Impfdosen. Das Impfprogramm der Emirate soll beispielsweise eines der schnellsten weltweit sein.

    Abdulaziz Almoayyad sieht das etwas anders: "Wir haben viele Helden in Saudi-Arabien. Ärzte und Ärztinnen und das Pflegepersonal machen einen guten Job", sagt er. Menschen, die "ganz vorne kämpfen". Die meisten seien sehr diszipliniert. "Aber ich würde nicht so weit gehen und das als Erfolg für das Regime zählen."

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