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Die Ludwig-Maximilians-Universität in München.

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    Ken Jebsen als Quelle - Wie soll Wissenschaft sein?

    Wissenschaftsfreiheit ist genauso wie Meinungsfreiheit ein hohes Gut. Schließlich sollen Forscher frei denken und Bestehendes kritisch hinterfragen. Doch wie weit kann diese Freiheit gehen? Diese Frage stellt sich bei einem Münchner Professor.

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    Von
    • Sandra Demmelhuber

    Wintersemester 2020/21 am Institut für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Aufgrund der Pandemie finden alle Lehrveranstaltungen online statt, auch die Vorlesung "Qualitative Methoden" von Professor Michael Meyen. Die Veranstaltung gehört zu den einführenden Grundlagen der Kommunikationswissenschaft und richtet sich an Studierende im ersten Semester des Bachelorstudiengangs.

    Ken Jebsens Webseite "KenFM" als Quelle

    Im Einführungshandout zur Vorlesung verlinkt Meyen die Webseite des umstrittenen Verschwörungstheoretikers Ken Jebsen – allerdings nicht im Rahmen einer kritischen inhaltlichen Auseinandersetzung, sondern als unkommentierte Quelle.

    Dieser Link führt zu einem Beitrag auf dem als Verschwörungsportal bezeichneten Angebot "KenFM" über die "dunkle Seite der Wikipedia" und dort können die Studierenden dann unter anderem Folgendes lesen: "Geht es allerdings um aktuelles Zeitgeschehen oder Personen, die sich mit aktuellem Zeitgeschehen auseinandersetzen, wird Wikipedia immer dann parteiisch, wenn Artikel, die sich zum Beispiel mit Terrorismus beschäftigen, vom Mainstream abweichen. Immer, wenn eine wissenschaftliche Arbeit in der Analyse einem US-amerikanischem Weltbild zuwider läuft, wird ausschließlich die Sicht der US-Organisation Wikipedia veröffentlicht. Der Autor der alternativen Sicht erhält im Gegenzug schnell einen Eintrag als Verschwörungstheoretiker oder wird zusammen mit Holocaust-Leugnern aufgelistet. Dieses Mobbing dient der Verleumdung und hat System."

    Zwei Folien weiter fügt Meyen nach der Einheit "Wissen als Kampfobjekt" für seine Studierenden noch zwei Merksätze an. Im ersten Merksatz heißt es: "Wissenschaftliches Arbeiten heißt deshalb erstens, Erkenntnis zu produzieren, und zweitens jede ‚Wahrheit‘ zu hinterfragen."

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    Vorlesungshandout des Professors mit Link zu "KenFM".

    Kritik aus dem Kollegenkreis: "Behauptungen ohne empirischen Beleg"

    Meyen bezieht sich nicht nur in dieser Vorlesung auf "KenFM". Auch auf seinem offiziellen Auftritt auf der Homepage der Universität verlinkt er auf ein Interview, das er dem Gründer des Portals, Ken Jebsen, gegeben hat. Jebsen ist neben Attila Hildmann und Xavier Naidoo wohl einer der bekanntesten deutschen Verschwörungstheoretiker. Im Januar hat Youtube Jebsens Kanal wegen wiederholter Falschinformationen dauerhaft gesperrt.

    Auch Michael Meyen hat eine Webseite, einen Blog namens "Medienrealität". Er verlinkt ihn ebenfalls auf seiner LMU-Seite.

    Der Kommunikationswissenschaftler Meyen setzt sich in dem Blog in vielen Beiträgen kritisch mit der Berichterstattung in den Medien - insbesondere den sogenannten "Leitmedien", also Angebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks oder überregionale Tages- und Wochenzeitungen - auseinander. In dem Blog bezieht er aber auch Position zu aktuellen politischen oder gesellschaftlichen Themen.

    Auffallend dabei ist, dass unter einzelnen Blog-Einträgen ihm selbst ungenügende Standards vorgeworfen werden, und zwar von den eigenen Kollegen des Lehrstuhls. So kommentiert beispielsweise Professor Carsten Reinemann, Leiter des Instituts für Kommunikationswissenschaft an der LMU München, einen Beitrag Meyens zur Maskenpflicht "Die maskierte Öffentlichkeit", wo die Maske unter anderem als "Tod der Freiheit" bezeichnet wird, wie folgt:

    "Was mich aber auf einem angeblich wissenschaftlichen Blog viel mehr stört, ist – neben der auch hier wieder verwendeten DDR-Analogie – die Unart, weitreichende Behauptungen ohne jeden empirischen Beleg und ohne jede Differenzierung in den Raum zu stellen. "Die" Regierenden – sie kapern die Öffentlichkeit und sind alle der gleichen Ansicht. "Die" Leitmedien – alle gesteuert und mit konsonanter Berichterstattung. "Der" Diskurs – Gegenmeinungen unterdrückt. Woher weiß der Autor das? Wo sind die Daten? Wo die Belege? (…) Studierenden, die solch weitreichenden Behauptungen ohne Belege in den Raum stellen, würde man das nicht durchgehen lassen. Und ein Blog mit dem Anspruch auf Wissenschaftlichkeit muss sich an den Kriterien der Wissenschaft messen lassen. Sie werden hier nicht erfüllt." Kommentar von Prof. Carsten Reinemann auf Meyens Blog

    "Tendenziös und Anschlussfähigkeiten an verschwörungsideologische Narrative"

    Auch Pia Lamberty hat sich den Blog von Michael Meyen angesehen. Die Sozialpsychologin forscht an der Uni Mainz zu Verschwörungstheorien und hat mit Katharina Nocun vor Kurzem das Sachbuch "Fake Facts – Wie Verschwörungstheorien unser Denken bestimmen" veröffentlicht.

    "Die Texte, die ich auf dem Blog von Herrn Meyen gelesen habe, waren keine vollkommen ausformulierten Verschwörungserzählungen, aber sie sind aus meiner Sicht tendenziös und es gab Anschlussfähigkeiten an verschwörungsideologische Narrative." Pia Lamberty, Expertin für Verschwörungstheorien

    So beschwere sich Meyen beispielsweise in einem Beitrag mit dem Titel "Leitmedien, Angst und neue Realitäten" darüber, dass Wolfgang Wodarg, Sucharit Bhakdi oder Bodo Schiffmann in den sogenannten "Leitmedien" "entweder ignoriert oder lächerlich" gemacht worden seien. Damit, so die Einschätzung der Expertin, stelle Meyen sie "auf eine Stufe mit seriösen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern".

    Meyen erschaffe auf seinem Blog homogene Leitmedien, die unhinterfragt seien. "Interviews mit Bhakdi & Co werden dagegen als "Perlen" bezeichnet, Wodarg wird zur ‚Koryphäe", so Lamberty weiter. Und auch sie kritisiert die Vorgehensweise: "Die Berichterstattung über die Proteste empfindet Meyen als Verunglimpfung ohne dieses zu belegen oder in Zusammenhang zu bringen mit den vielen Gewalttaten, die von den Demonstrierenden ausgingen."

    Neben den Inhalten des Blogs und dem Interview mit Ken Jebsen gibt es laut Lamberty immer wieder Bezüge von Meyen zur verschwörungstheoretischen Szene. Ende Juli veröffentlicht der Professor beispielsweise ein neues Buch, das im Rubikon-Verlag erscheinen wird. "Rubikon ist ja schon bekannt dafür, Verschwörungserzählungen zu verbreiten", meint Lamberty.

    Auch Wolfgang Wodarg hat erst kürzlich sein Buch "Falsche Pandemien" in diesem Verlag veröffentlicht. Und Texte des Rubikon-Chefredakteurs, Jens Wernicke, werden auch auf Ken Jebsens Webseite verbreitet.

    Universität beruft sich auf die Wissenschaftsfreiheit

    Warum ist Meyens Blog "Medienrealität", der nach Ansicht von Experten fragwürdigen Thesen ein Forum bietet, überhaupt auf der offiziellen Seite der Universität verlinkt? Ebenso wie der direkte Link zu "KenFM" auf das Interview mit Ken Jebsen? Ist es nicht problematisch, wenn ein Professor in seiner Vorlesung ein verschwörungstheoretisches Portal unkritisch als Quelle verlinkt? Wie lautet die Antwort Meyens auf den Vorwurf seiner Kollegen, wissenschaftlich unsauber zu arbeiten und Behauptungen ohne Belege aufzustellen? Michael Meyen war trotz wiederholter Anfrage nicht bereit, dem BR dazu ein Statement zu geben.

    Der Professor teilte uns lediglich mit: "Was immer ich schreibe, wird von Ihnen so zurechtgestutzt, dass es in Ihre Geschichte passt."

    Das Wissenschaftsministerium verweist bei diesen Fragen auf die Universität, denn was tatsächlich wissenschaftlich sei, könne vom Wissenschaftsministerium als Verwaltungsbehörde kaum fundiert beantwortet werden. "Grundsätzlich bieten die Hochschulen und die Gremien in den Hochschulen die richtigen Foren, um mögliche Fehlentwicklungen im kollegialen Austausch zu erörtern und ihnen gegebenenfalls auch entgegenzuwirken", sagt dazu Wissenschaftsminister Bernd Sibler.

    Die Ludwig-Maximilians-Universität hingegen beruft sich auf das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit und teilte auf BR-Anfrage mit: "Im Übrigen gilt für Hochschullehrer im Besonderen das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit, sofern keine rechtswidrigen, vor allem strafbare Inhalte offenkundig sind."

    Auch das Setzen von Weblinks auf der Seite der Uni sei zulässig, hieß es weiter, denn schließlich sei die Universität für die Inhalte fremder Seiten nicht verantwortlich.

    Wo liegen die Grenzen der Wissenschaftsfreiheit?

    An Universitäten gilt die Freiheit der Wissenschaft. Doch wo endet "Wissenschaft" und wo beginnen die Grenzen dieser Freiheit? Michael Reder ist Vizepräsident an der Hochschule für Philosophie in München. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehört auch die Wissenschaftsfreiheit.

    Grundsätzlich sollen Wissenschaftler auch "Out of the box" denken und Bestehendes kritisch hinterfragen, erörtert Reder. Schließlich lebe die Wissenschaft in einer demokratischen Gesellschaft vom freien Austausch. Das sei insbesondere auch dort wichtig, wo "starke Erwartungen, Einschränkungen, institutionelle Gängelung der Wissenschaft stattfinden".

    Problematisch werde es aber immer dann, so der Philosophie-Professor, wenn zum einen Wissenschaftler als politische Bürger bestimmte Grundwerte unserer Verfassung missachteten oder Äußerungen tätigten, die gegen das Grundgesetz verstoßen.

    Philosophie-Professor: Problematisch, wenn Wissenschaftler ihr Image für politische Meinungen nutzen

    Laut Michael Reder gibt es aber noch eine weitere Möglichkeit, wo diese Freiheit an Grenzen kommt: nämlich dann, wenn Wissenschaftlerinnen oder Wissenschaftler "ihr Image nutzen, um wissenschaftliche Autorität zu allgemeinen politischen Meinungen zu nutzen, um damit mehr Gewicht zu verleihen" und deshalb sei auch der Fall an der Ludwig-Maximilians-Universität seiner Meinung nach problematisch.

    Reder kommentiert Meyens Blog-Eintrag über die Maskenpflicht so: "Hier werden Meinungen kundgetan, die mit Sicherheit an vielen Stellen von der Meinungsfreiheit auch gedeckt sind – wir brauchen auch in Corona-Zeiten einen offenen Diskurs über Pro und Contras, das ist überhaupt keine Frage, das wird auch kein normal denkender Mensch in Frage stellen. Problematisch wird es, wenn es eben als eine eindeutig wissenschaftlich bewiesene oder belegte Tatsache ausgegeben wird."

    In solchen Fällen sei es wichtig, dass die Wissenschaft selbst auch Widerstand leiste - sowohl Studierende als auch Kolleginnen und Kollegen. Denn Wissenschaftsfreiheit ende immer genau dort, wo eben Widerstand entsteht.

    "Wenn andere Kollegen sagen: Nein, diese Theorie macht keinen Sinn. Sie ist empirisch nicht belegt. Wenn sehr viele KollegInnen sehr plausible Argumente aufzeigen, dass eine These nicht belegbar ist, nicht plausibel ist, dann ist sie abgeräumt und dann ist sie auch nicht mehr wissenschaftlich bewiesen oder auch nicht legitimierbar." Prof. Michael Reder, Hochschule für Philosophie München

    Reder weist aber auch darauf hin, dass an den Universitäten und Hochschulen, vor allem in Geistes- und Sozialwissenschaften, bestimmte politische Haltungen auch eine gewisse Rolle spielen: "Ich würde den Studierenden, auch im ersten Semester, doch relativ viel zutrauen – dass sie gewissermaßen auch erkennen, wenn etwas nicht mehr wirklich plausibel ist und dass sie auch ein gewisses Widerstandspotenzial gegen Meinungen haben, die far away vom akademischen Standard sind."

    Wirbel um Mitarbeiter auch an der Uni Bayreuth

    Diskussionen über Professoren oder Dozenten gibt es auch an anderen bayerischen Universitäten. Vor zwei Jahren sorgte beispielsweise die Universität Bayreuth für Aufsehen, dort unterrichtet seit Sommer 2019 der Islamwissenschaftler Hans-Thomas Tillschneider. Aktuell bietet er mit zwei Semester-Wochenstunden ein Blockseminar an.

    Tillschneider ist Politiker in der AfD und seit 2016 Landtagsabgeordneter der Partei in Sachsen-Anhalt. Neben Björn Höcke und Andreas Kalbitz zählte er zu den zentralen Akteuren des formal aufgelösten sogenannten "Flügels" und wird nach Informationen des MDR vom Verfassungsschutz beobachtet.

    Im Mai 2019 protestierten Studierende auf dem Campus. Mehrere Medien, auch BR24, berichteten über den Fall. Wie ist die Uni mit der Diskussion umgegangen?

    "Wir sind den Weg der transparenten Kommunikation gegangen, indem wir die Zusammenhänge und gesetzlichen Vorgaben für diese Lehrtätigkeit öffentlich erklärt haben", teilte die Universität Bayreuth auf BR-Anfrage mit. Konkret bedeutet das, dass Hans-Thomas Tillschneider als Privatdozent gemäß Bayerischer Hochschulgesetzgebung das Recht und die Pflicht hat, Lehrveranstaltungen von zwei Semesterwochenstunden pro Studienjahr durchzuführen, um seinen Status als Privatdozent nicht zu verlieren. Dabei handele es sich, so die Uni, jedoch nicht um einen Lehrauftrag.

    Die Universität Bayreuth setze aber voraus, "dass Herr PD Dr. Tillschneider seine Lehre als Islamwissenschaftler, nicht als Vertreter einer Partei abhält." Einen Aufruf von Seiten der Universität an Studierende, die Aussagen des Dozenten kritisch zu hinterfragen, habe es nicht gegeben und dies stehe auch nicht im Einklang mit der Freiheit der Wissenschaft. "Natürlich herrscht auf dem Campus der Universität Bayreuth aber ein kritischer Geist, sodass das kritische Hinterfragen durch Studierende auch ohne Anregung durch die Hochschulleitung unseres Wissens stattfand", teilte die Uni weiter mit.

    Für das laufende Sommersemester hat sich laut Universität Bayreuth nur ein Student für das Seminar von Hans-Thomas Tillschneider angemeldet.

    Faktencheckerin: "Lieber Unterstützung suchen als sich alleine wehren"

    An der Ludwig-Maximilians-Universität haben sich die Erstsemester der Kommunikationswissenschaft in einer Whats-App-Gruppe darüber ausgetauscht, wie sie mit den Thesen ihres Professors Michael Meyen am besten umgehen können und dabei auch die Fachschaft zu Rate gezogen.

    Auch die Autorin, Journalistin und Faktencheckerin Karolin Schwarz rät Studierenden, Behauptungen und Quellen grundsätzlich immer in Frage zu stellen. Da jedoch an Hochschulen die Machtverhältnisse ungleich sind, empfiehlt sie in Fällen, wo fragwürdige Quellen zitiert oder nicht belegte Behauptungen aufgestellt werden, zusätzlich den Rat von anderen einzuholen, also etwa von Kolleginnen oder Kollegen des Lehrstuhls oder von der Fachschaft.

    "Gerade im Bereich der Hochschulen gibt es da ja auch sehr unterschiedliche Vorgehensweisen. Aber grundsätzlich: Lieber Unterstützung suchen, als sich allein zu wehren." Karolin Schwarz, Autorin und Faktencheckerin

    Auch BR24 hat eine Faktenchecker-Einheit: den "Faktenfuchs". Wir gehen Gerüchten auf den Grund - und wir beantworten Fragen. Denn Falschinformationen sind in keinem Bereich harmlos. Und sie begegnen uns allen - auf Facebook, auf Whatsapp, auf Telegram. In Gesprächen auf der Straße, im Beruf, in der Schule - und an der Uni.

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