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Darf man noch Ski fahren? | BR24

© Anja Bischof

Schneekanone im Einsatz

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Darf man noch Ski fahren?

Geröll statt Gletscher, Schotter statt Schnee, Winter gibt's bald keine mehr bei uns, auch nicht in den Bergen: Das sagen uns die Klimaforscher. Wenn man trotzdem noch Ski fahren will, macht man sich da nicht schuldig?

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Der Start in die Skisaison hat sich in mehreren bayerischen Skigebieten verzögert. Die Temperaturen waren zu hoch, die Schneedecke zu gering. Die Durchschnittstemperatur schwankt von Jahr zu Jahr, über die letzten Jahrzehnte ist der Trend aber eindeutig: Es wird wärmer, die Schneemenge nimmt ab. Wenn es weniger Naturschnee gibt, müssen die Skigebiete mit Kunstschnee nachhelfen. Der Klimawandel wirkt sich also auf das Skifahren aus. Aber welchen Einfluss hat das Skifahren auf den Klimawandel? Um diese Frage beantworten zu können, muss man den Energiebedarf aller mit dem Skifahren verbundenen Aktivitäten berechnen. Vereinfacht gesagt hängt der CO2-Fußabdruck eines Skiurlaubs von folgenden Faktoren ab:

  • Verkehrsmittel für die Anreise
  • Dauer des Urlaubs
  • Art und Ausstattung der Unterkunft
  • gewählte Verpflegung
  • Temperatur und damit Energiebedarf für Pistenpräparierung

Ein Großteil der Energie in Deutschland wird nach wie vor mit fossilen Brennstoffen wie Braunkohle, Steinkohle und Erdgas erzeugt. Dabei gelangt Kohlenstoffdioxid (CO2) in die Atmosphäre, ein Treibhausgas, das maßgeblich zur Erderwärmung beiträgt. Diese Energiemenge lässt sich anhand des CO2-Rechners des Umweltbundesamtes in einen Pro-Kopf-Ausstoß für fast jede Aktivität umrechnen. So kann man seinen persönlichen CO2-Fußabdruck ermitteln. Im Schnitt ist jeder Deutsche für einen CO2-Ausstoß von knapp 12 Tonnen im Jahr verantwortlich. Deutschland hat sich zum Ziel gesetzt, den CO2-Ausstoß pro Kopf bis 2050 um 95 Prozent zu reduzieren, dann bliebe nur noch ein “CO2-Budget” von einer Tonne übrig.

Der WWF hat für verschiedene Urlaubsszenarien den CO2-Fußabdruck ermittelt. Im Szenario “Skispaß in Vorarlberg” fährt der Dresdner Ronny alleine mit dem Auto 700 Kilometer nach Lech in Vorarlberg, um dort eine Woche Skiurlaub zu machen. Dabei verursacht er 422 kg CO2-Ausstoß: 296 kg für die An- und Abreise, 85 kg für die Unterkunft, 32 kg für die Verpflegung und 10 kg für die Aktivitäten vor Ort.

Die meisten Skifahrer reisen mit dem Auto an

Auch wenn nicht jeder Skiurlauber eine so weite Anreise hat wie in diesem Beispiel: Touristen aus Deutschland, die in Bayern Winterurlaub gemacht haben, waren laut Reiseanalyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen im Schnitt 417 km unterwegs, bei Winter-Alpenurlauben waren es es 504 km. 85% der Alpenurlauber reisten mit dem PkW an. Die Anreise per Auto verursacht fast immer den größten Anteil an CO2-Emissionen. Ein Mittelklasseauto stößt ungefähr 200 Gramm CO2 pro Kilometer aus. Je mehr Leute mitfahren, desto geringer der Pro-Kopf-Ausstoß. Bei Bayern, die im eigenen Bundesland Skiurlaub machen, ist die Anfahrt kürzer - und damit der CO2-Ausstoß niedriger.

In Bayern wird öfter kürzer Winterurlaub gemacht

Allerdings geht der Trend dazu, häufiger kürzere Winterurlaube zu machen. In ganz Bayern hat die Zahl der Ankünfte im Winterhalbjahr (1.11. bis 30.4. des Folgejahres) seit dem Jahr 2000 um 63 Prozent zugenommen. Die durchschnittliche Zahl der Übernachtungen ist im gleichen Zeitraum aber um mehr als 20 Prozent zurückgegangen: Dauerte der durchschnittliche Winterurlaub in der Saison 2000/01 noch 3,12 Tage, waren es 2017/18 nur noch 2,47 Tage.

Einen großen Einfluss auf den persönlichen CO2-Fußabdruck hat auch die Wahl der Unterkunft. Je größer das Hotel und je umfangreicher die Infrastruktur (Wellness-Bereich, Restaurants, Freizeitmöglichkeiten), desto höher der Energieverbrauch. Im Winter kommen die Heizkosten dazu.

Auch beim Essen schlägt sich der Standard des Hotels nieder. Wie viele (warme) Mahlzeiten gibt es, in welchen Mengen, wie viel davon wird weggeschmissen? Wer viel Fleisch isst, hat einen größeren CO2-Abdruck als ein Vegetarier. Das gilt auch für die Verpflegung auf den Skihütten.

16 kWh Strom pro Skifahrer und Tag

Im WWF-Beispiel noch nicht eingerechnet sind die Energiekosten für das Skifahren selbst. Hier sind die Lifte und die Pistenpräparierung, vor allem die Beschneiungsanlagen, die größten Energiefresser. Nach Angaben des Verbandes Deutscher Seilbahnen (VDS) beträgt der durchschnittliche Energiebedarf für einen Gast an einem Skitag 16 kWh, davon 4,9 kWh für die Beschneiung. Auf einen ganzen Winter gerechnet sind zur Beschneiung eines kleines Skigebiets von 20 Hektar Pistenfläche nach VDS-Angaben 240.000 kWh nötig.

Das Umweltbundesamt legt für eine kWh Strom aus dem deutschen Strommix (Strom wird aus Atomkraft, Braunkohle, Steinkohle, Erdgas sowie erneuerbaren Energien gewonnen) etwa 500 g CO2-Ausstoß zugrunde. Natürlich entspricht der Strommix nicht in jedem bayerischen Skigebiet dem gesamtdeutschen Strommix, aber der Wert des Umweltbundesamtes ist ein guter Anhaltspunkt. Ronny hätte also pro Skitag 8 kg (16 *0,5 kg) CO2-Ausstoß verursacht. Bei sechs Skitagen wären das 48 kg. Zusammen mit den 422 kg CO2 für Anreise, Unterkunft, Verpflegung und sonstige Aktivitäten kämen also 470 kg zusammen. Angesichts des CO2-Jahresausstoßes von 11,63 Tonnen pro Deutschem mag das nicht viel erscheinen. Allerdings ist der Lebensstil (nicht nur) der Deutschen viel zu energieintensiv. Wenn sich die Erde nicht mehr als zwei Grad gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter erwärmen soll, hat nach Berechnungen der Klimaschutz-Organisation Atmosfair jeder Mensch ein CO2-Budget von jährlich rund 2,3 Tonnen. Durch eine Woche Skiurlaub wie in unserem Beispiel wären schon 20 Prozent davon verbraucht.

Neben den reinen Energiekosten stellt der Bau von Liften und Beschneiungsanlagen natürlich auch einen Eingriff in die Natur dar: Für Lifte müssen Bäume gefällt werden (die als CO2-Speicher dienen), für die Beschneiungsanlagen werden Speicherseen aus Beton angelegt.

Bergsteigerdörfer: die sanfte Tourismus-Variante

Der Deutschen Alpenverein (DAV) hält die Grenzen der Beschneiung zwar bald für erreicht, in Bezug auf den CO2-Fußabdruck fallen aber die anderen Faktoren stärker ins Gewicht: “Der CO2-Abdruck eines Skiurlaubs entscheidet sich nicht so sehr am Skigebiet, sondern an den Parametern Anreise, Unterkunft und Verpflegung”, sagt Tobias Hipp vom DAV. Der DAV hat im Klimaschutz-Menü seiner Website einige Tipps gesammelt, mit denen Bergfreunde (nicht nur im Winter) Energie sparen und ihren CO2-Fußabdruck reduzieren können. Der DAV bewirbt zusammen mit den Alpenvereinen aus Österreich, Südtirol, Italien und Slowenien die mittlerweile 27 Bergsteigerdörfer, die auf sanften Tourismus im Einklang mit der Alpenkonvention setzen. Aus Bayern sind Kreuth (Mangfallgebirge), Sachrang, Schleching (beide Chiemgauer Alpen) und Ramsau (Berchtesgadener Alpen) dabei. Zur Philosophie der Bergsteigerdörfer zählen unter anderem die “körperliche Anstrengung” der Gäste und Entschleunigung. Die örtlichen Tourismusanbieter sind zu einer “besonderen Zurückhaltung bei der technischen Erschließung des Gebirgsraumes” aufgerufen, wie es auf der Website heißt. Bergsteigerdörfer bemühen sich besonders um Gäste, die den Ort ohne Auto erreichen möchten. Die Gemeinden setzen sich aktiv für die Erhaltung und Verbesserung des öffentlichen Personennahverkehrs ein.

Skifahren um jeden Preis?

Jürgen Schmude, Professor für Wirtschaftsgeographie und Tourismusforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München, hat im Rahmen des Forschungsprojekts “Wahrnehmung und Reaktion von Reisenden auf die Schneeverhältnisse“ 2015 und 2016 für das Skigebiet am Sudelfeld untersucht, ob Skifahrer angesichts von Klimawandel und Schneemangel zu einer Verhaltensänderung bereit sind. In beiden Jahren war die Gruppe der “Destination Switcher” am größten: Das sind Skifahrer, die im Zweifelsfall in ein anderes, schneesicheres Skigebiet ausweichen. Zweitgrößte Gruppe waren jeweils die “Hardcore Skifahrer”, denen es auch nichts ausmacht, auf einem weißen Kunstschnee-Band in grüner Landschaft zu fahren. Diese beiden Gruppen machten in beiden Untersuchungen zusammengenommen etwa 80 Prozent aus.

Nur eine Minderheit ist bereit, die Wintersportaktivität zu ändern, also zum Beispiel Skifahren durch Schneeschuhwandern zu ersetzen, das Skifahren auf einen Zeitpunkt mit besseren Schneeverhältnissen zu verlegen oder ganz mit dem Skifahren aufzuhören.

“Der Tourismus ist Täter und Opfer zugleich: Der Klimawandel macht Wintersport schwieriger, durch unser Urlaubsverhalten befördern wir den Klimawandel”, sagt Schmude. Allerdings hält der Tourismusforschungs-Professor Skiurlauber nicht für die größten Klimasünder: “Durch einen Verzicht auf Flugreisen wie zum Shopping nach Mailand oder zum Kaffeetrinken nach Paris könnte viel schneller ein viel größerer Klimaschutzeffekt erzielt werden”, sagt Schmude. Aktuelle Studien gehen davon aus, dass der weltweite Tourismus für acht Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich ist.

Fazit

Wie klimaschädlich ein Winterurlaub ist, hängt von vielen Faktoren ab. Grob gesagt: je komfortabler, desto klimaschädlicher. Die Anreise mit dem Auto ist meistens für den größten Teil des CO2-Ausstoßes verantwortlich. Da viele Touristen öfter kürzer Winterurlaub machen, nimmt dieses Problem zu. Um die ehrgeizigen deutschen Klimaschutzziele zu erreichen, muss der Energieverbrauch in allen Lebensbereichen drastisch sinken - der Tourismus ist nur ein kleiner Teil davon.

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Geröll statt Gletscher, Schotter statt Schnee, Winter gibt's bald keine mehr bei uns, auch nicht in den Bergen: Das sagen uns die Klimaforscher. Wenn man trotzdem noch Ski fahren will, macht man sich da nicht schuldig?