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Kontakt-Nachverfolgung: Viele Gesundheitsämter haben ihr Personal aufgestockt, arbeiten aber trotzdem an der Belastungsgrenze.

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    Kontaktnachverfolgung: Gesundheitsämter in Bayern am Limit

    Die Zahlen der Corona-Neuinfizierten in Bayern sind hoch, Infektionsketten werden immer schwieriger nachvollziehbar. Die meisten Gesundheitsämter arbeiten am Limit. Manche kommen bei der Kontaktnachverfolgung schon jetzt nicht mehr hinterher.

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    Von
    • Georg Wolf
    • BR24 Redaktion

    Das Nachvollziehen von Infektionsketten ("Contact-Tracing") ist eine Sisyphusarbeit. Zwar haben viele Gesundheitsämter im Laufe des Jahres ihr Personal aufgestockt – in der zweiten Corona-Welle arbeiten viele Behörden aber wieder an der Belastungsgrenze. Wir haben uns bei einigen bayerischen Ämtern umgehört.

    Fürth: Kontakt-Nachverfolgung jetzt Do it yourself

    Im Gesundheitsamt Fürth haben die Verantwortlichen eine Entscheidung gefällt: Aufgrund der hohen Zahlen an Neuinfizierten werden zunächst nur noch die neuesten Fälle genauer angeschaut. Die Ermittlung und Information von Kontaktpersonen vor dem 8. November könne die Behörde nicht mehr gewährleisten, heißt es in einer Mitteilung des Landratsamtes mit Sitz in Zirndorf.

    Stattdessen werden alle positiv Getesteten aufgefordert, ihre engen Kontaktpersonen der vergangenen 48 Stunden vor Auftreten der ersten Symptome selbst zu informieren, damit sich auch diese eigenständig in Quarantäne begeben können.

    Augsburg: Nachverfolgung wird immer schwieriger

    Laut dem Augsburger Gesundheitsreferent Reiner Erben ist das nicht unüblich. Dieses Vorgehen werde auch von der Stadt Augsburg empfohlen. Die Kontaktnachverfolgung werde vom Gesundheitsamt ebenso weiterhin verfolgt, aber durch die zunehmende Anzahl an Infektionen mit unbekannter Quelle immer schwieriger. Das liege aber nicht am Personalmangel, sondern an der "diffusen Infektionslage".

    Gesundheitsämter in Würzburg und Miltenberg überlastet

    "Aufgrund der aktuellen Situation ist das Gesundheitsamt natürlich überlastet", sagt eine Sprecherin des Landratsamts für Stadt und Landkreis Würzburg. Ende Oktober hat das Würzburger Gesundheitsamt deshalb zur Mithilfe aufgerufen. Gesucht wurde vor allem medizinisches Personal, das bei der Nachverfolgung von Corona-Infektionen unterstützen kann. Danach habe es ausreichend Bewerbungen gegeben, die neuen Mitarbeiter beginnen ihre Arbeit voraussichtlich in der kommenden Woche.

    Auch das Gesundheitsamt in Miltenberg ist nach eigenen Angaben überlastet. In einer Pressemitteilung schreibt das Landratsamt: "Die extrem angestiegene Zahl von Neuinfizierten führt zu starker Belastung und teilweisen Überlastungen des Gesundheitsamtes." Den Kontakt zu positiv Getesteten herzustellen und die Kontaktpersonen zu ermitteln, könne derzeit 24 bis 48 Stunden dauern. Deshalb sei das Gesundheitsamt laut einer Sprecherin aktuell dabei, Personal aufzustocken und neue Räume einzurichten.

    Dillingen kommt nur mit Verzögerung hinterher

    Auch in Dillingen ist die Lage angespannt. Dort bearbeite man selbstverständlich alle Fälle, heißt es aus dem Landratsamt. Inzwischen könne man die Kontaktpersonen aber nicht mehr alle am gleichen Tag, sondern nur mit "ein bis zwei Tagen Verzögerung" kontaktieren. Die Fälle werden dann aufgefordert, ihre jeweiligen Kontaktpersonen vorab über den verzögerten Anruf des Gesundheitsamtes zu informieren . Den wachsenden Personalaufwand bestreitet das Gesundheitsamt auch mit Ehrenamtlichen, die sich aktiv melden.

    Im Allgäu ruft das Gesundheitsamt noch selbst an

    Im Landratsamt Ostallgäu schaffen es die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen des Gesundheitsamts nicht mehr in allen Fällen, die Kontakte noch am gleichen Tag zu verständigen. Es wird aber jeder der direkt oder über längere Zeit Kontakt mit einem Positiv-Getesteten hatte, persönlich angerufen. Auch im Unterallgäu werden die Kontakte nach Angaben des Landratsamts direkt verständigt: "Wir überlassen das nicht den Leuten." Bei Schulklassen oder in Pflegeheimen werden die Einrichtungen verständigt und die informieren dann die Klassen, die in Quarantäne müssen oder die Angehörigen.

    Armada an Contact-Tracern in Pfaffenhofen

    Auch in Pfaffenhofen haben die ursprünglich 19 Mitarbeiter eine Weile tatsächlich jenseits des Limits gearbeitet. Aufgrund von Überlastung wurde zum Beispiel versäumt die Daten der Neuinfizierten an das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) weiterzureichen.

    Mittlerweile ist der Datenrückstau aber fast aufgehoben, denn inzwischen unterstützen 59 zusätzliche Arbeitskräfte das Gesundheitsamt, so der Sprecher im Landratsamt Christian Degen. Darunter sind zwölf fest angestellte Contact-Tracing-Kräfte der Regierung von Oberbayern, 29 Helfer von anderen Staatsbehörden, der Polizei und der Bundeswehr und zehn Auszubildende aus dem Landratsamt. Damit sei man zunächst gut aufgestellt.

    Überlastung der Contact-Tracer in Niederbayern

    In Niederbayern arbeiten die Gesundheitsämter in Landshut, Passau und Freyung trotz zusätzlichen Personals am Anschlag. Aus Landshut heißt es "viele, die an der Bewältigung der Corona-Krise bei uns arbeiten, arbeiten am Anschlag und manchmal darüber hinaus". Passau schreibt in einem Statement: "Von einem Normalbetrieb sind wir aktuell weit entfernt und die Belastung der einzelnen Kolleginnen und Kollegen ist sehr hoch."

    Das Personal in den Gesundheitsämtern wurde überall aufgestockt. Teilweise helfen Lehrer, Polizisten, Verwaltungsbeamte, Mitarbeitende des Katastrophenschutzes und der Seen- und Schlösserverwaltung mit. Passau hat vor, das Personal weiter auszubauen.

    Freyung-Grafenau: Verzögerungen bei Kontaktierung

    Im Kreis Freyung-Grafenau, wo die Inzidenzzahl mit über 300 am Mittwoch (11.11.) den höchsten Wert in ganz Ostbayern erreicht hat, wird eine Überlastung der Gesundheitsamt-Mitarbeitenden nicht ausgeschlossen. In allen angefragten Gesundheitsämtern gelänge es jedoch noch, die Infizierten und deren Kontaktpersonen zu ermitteln und zu kontaktieren.

    Je nach Anzahl der eingehenden positiven Befunde müsse aber in Landshut priorisiert werden. Vorrang habe dabei die Erstkontaktierung neuer Infektionsfälle. In Freyung geht die Kontaktierung teilweise mit "erheblichen zeitlichen Verzögerungen" einher, heißt es.

    Lage in Rottal-Inn entspannt sich allmählich

    Im Landkreis Rottal-Inn kommt man bei der Kontaktermittlung gut hinterher, denn mittlerweile machen sich die positiven Auswirkungen des regionalen Lockdowns (faktischer Lockdown galt ab 27.10.) im Landkreis bemerkbar und die Zahlen sinken stetig, so der Landratsamt-Sprecher Thomas Hofbauer. Nachdem der Inzidenzwert Ende Oktober noch mit einem deutschlandweiten Spitzenwert bei über 300 lag, liegt er heute bei 181,07 (LGL, Stand: 11.11., 8:00 Uhr). Jedoch konnte der Landkreis auch die Hochphase mit zum Teil knapp 70 Neuinfektionen pro Tag ohne größeren Rückstand in der Kontaktermittlung bewältigen, sagt Hofbauer. Dies habe man dank des herausragenden Arbeitseinsatzes der Mitarbeiter schaffen können.

    Vorsichtsmaßnahmen in Mühldorf am Inn

    In Mühldorf am Inn ist das Team der Kontaktermittlung im Landratsamt über das ganze Haus verteilt, um Kontakte zu minimieren und handlungsfähig zu bleiben, falls sich vom Team jemand mit Covid-19 anstecken würde, so Landratsamt-Sprecherin Karin Huber. Momentan funktioniere die Kontaktermittlung noch, man sei jedoch an der Belastungsgrenze, so Huber. Positive Fälle werden in der Regel am Tag des Eingangs des Laborbefunds ermittelt. Der Infizierte werde dann gebeten alle seine Kontaktpersonen zu informieren und vorerst einmal in Quarantäne zu setzen, bis sich das Gesundheitsamt melde.

    Insgesamt arbeiten im Kontaktermittlungsteam im Landkreis Mühldorf am Inn derzeit 63 Personen in Voll- und Teilzeit. 21 Personen gehören zum Personal des Gesundheitsamtes, 16 Personen arbeiten normalerweise bei der Bundeswehr, zehn bei der Polizei, zehn im Landratsamt und sechs in anderen Behörden.

    Angespannt – aber (noch) machbar

    Auch in zahlreichen weiteren bayerischen Gesundheitsämtern ist die Lage zwar angespannt - die Kontaktnachverfolgung sei aber noch zu bewerkstelligen, heißt es. Das gilt für die zuständigen Gesundheitsämter in Neumarkt, Ingolstadt, Landsberg, Altötting, Schwandorf, Neustadt an der Waldnaab, Schweinfurt, Bad Reichenhall und Hof.

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