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Traditionshütte zwischen Nebelschwaden und Staubwolken Das Watzmannhaus

Von allen Seiten dem Wetter ausgesetzt steht am Falzköpfl auf der Nordseite des Watzmanns und 1.400 Meter über dem Königssee das Watzmannhaus. Annette und Bruno Verst kümmern sich in diesem Wolkenhaus um das Wohl der Bergsteiger.

Von: Andreas Pehl

Stand: 21.07.2018

Traditionshütte zwischen Nebelschwaden und Staubwolken
| Bild: BR; Andreas Pehl

Annette hat sich in die Gaststube gesetzt und blättert in einem der ganz alten Hüttenbücher des Watzmannhauses: Berlin, Detmold, Leipzig, Chemnitz, Schwerin, München sind als Heimatorte der Gäste vor über 100 Jahren angegeben.

Annette Verst studiert ein historisches Hüttenbuch – wer war vor über 100 Jahren zu Gast hier oben?

Vor allem wohlhabende Städter waren als Wanderer in den Bergen unterwegs, und haben dann mit ihren Alpenvereinssektionen dafür gesorgt, dass Hütten gebaut wurden: Übernachtungsmöglichkeiten an markanten Orten, die beliebte oder spektakuläre Touren erst möglich gemacht haben, darunter eben auch Wolkenhäuser wie das 1888 errichtete Watzmannhaus.

Nebelschwaden an der Watzmannsüdspitze – Wolfgang Ambros hätt’s gefreut

Das Watzmanhaus liegt auf 1930 Metern unterhalb des Hochecks. Es verschwindet immer wieder in den Wolken. Carla und Johann aus Cloppenburg sind bei Nieselregen die 1300 Höhenmeter vom Parkplatz an der Wimbachbrücke mit ihren Eltern hochgestiegen, mitten hinein in die Nebelschwaden, die heute wieder mal um die Gipfel des Watzmann jagen. Nach einer deftigen Brotzeit freuen sich die vier auf eine abenteuerliche Nacht im Matratzenlager. Morgen steigen sie wieder ab. Doch für die meisten der Gäste ist das Watzmannhaus der Stützpunkt für eine der wohl berühmtesten Bergtouren in den Bayerischen Alpen: die Watzmann-Überschreitung vom Watzmannhaus über die drei Gipfel Hocheck, Mittelspitze und Südspitze und dann hinunter zur Wimbachgrieshütte.

Das Publikum hier oben ist international, der Watzmann natürlich sehr bekannt. Doch die Überschreitung hat es in sich: nochmal etwa 900 Höhenmeter nur zum Teil versicherter Aufstieg entlang des steil zu beiden Seiten abfallenden schmalen Grats, dann 2.200 Meter Abstieg über Steige und unangenehm rutschige Pfade. Das ist nur etwas für wirklich schöne Tage sowie konditionsstarke und trittsichere Bergsteiger. Der Wetterbericht für morgen passt, und wieder ist das Haus bis auf den letzten Platz ausgebucht – trotz Baustelle.

1888 wurde das Watzmannhaus als ganz kleine Hütte erbaut, 1911 dann erweitert und seitdem immer wieder provisorisch umgebaut und angepasst, erzählt Hüttenwirtin Annette Verst. Jetzt ist es höchste Zeit geworden, das beliebte Traditionshaus grundlegend zu sanieren. Somit sorgen in diesem Sommer auch eine ganze Reihe von Handwerkern für Wolken – Staubwolken! Die Arbeit hier oben hat ihre Tücken: Arbeitswege und Arbeitsbedingungen sind ungewöhnlich auf fast 2.000 Metern Höhe, das Material kommt meist mit dem Hubschrauber.

Die Bauphasen am Watzmannhaus

Wegen des Umbaus können derzeit nur um die 100 Bergsteiger übernachten – weit weniger, als es Anfragen gibt. Das akzeptiert leider nicht jeder potentielle Gast. Auch für die Tücken des Alltags, für Wasserknappheit und fehlende Sitzplätze in der Gaststube brauchen Annette und Bruno immer wieder Geduld für Erklärungen. In den fast 20 Jahren, in denen sie das Watzmannhaus bewirtschaften, haben sie schon viel erlebt - viel Schönes zum Glück, doch auch unangenehme Situationen. Aber die zwei finden für fast jedes Problem eine passende Lösung, und so bezeichnet sich Bruno gern als „Chefarzt in Deutschlands höchstgelegener Psychiatrie“. Ins Mikrofon will er das allerdings nicht sagen, da hält er sich lieber zurück. Das gebietet wohl die Schweigepflicht im Wolkenhaus am Watzmann ...

Noch ein wichtiger Hinweis für Bergsteiger: ab dem 10. September ist das Watzmannhaus bis voraussichtlich Mitte Mai 2019 komplett geschlossen: Es gibt dann weder eine Übernachtungs- noch Verpflegungsmöglichkeit.

Die Sanierung und Modernisierung hat übrigens einen Streit ausgelöst zwischen dem Bund Naturschutz und dem Alpenverein. Es geht um einen halbrunden verglasten Anbau am Steilhang des Falzköpfls, der 1.60 Meter über den Steilhang hinausragt, so dass die Gäste hier quasi über dem Abgrund sitzen. Die Bund-Naturschutz-Kreisgruppe Berchtesgaden hält das für einen architektonischen Frevel in der Kernzone des Nationalparks Berchtesgaden. Die Bergwelt rund um den Watzmann sei allein schon so spektakulär, dass es keine „Eventarchitektur“ braucht, heißt es. Die AV-Sektion München sieht dagegen weder Naturschutz noch Nationalpark-Verordnung beeinträchtigt – hat aber, um einen Zuschuss zu bekommen, die Pläne für den Anbau nun etwas verkleinert, damit er nicht über den Steilhang hinausragt. Und damit ist der Streit hoffentlich beigelegt ...

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Karte: Das Watzmannhaus

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Karte: Das Watzmannhaus


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