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Kiebitz und Co.: Wie Vogelschützer Wiesenbrüter retten | BR24

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Feuchte, unbewirtschaftete Wiesen – das war der Lebensraum von Wiesenbrütern wie Kiebitz, Großem Brachvogel und Co. Trotz des Engagements von Naturschutzverbänden gelingt es kaum, die bedrohten Vögeln vor dem Aussterben zu schützen.

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Kiebitz und Co.: Wie Vogelschützer Wiesenbrüter retten

Mit viel Engagement versuchen Naturschutzverbände, Wiesenbrüter vor dem Aussterben zu retten. Die Bestände von Kiebitz, Großem Brachvogel und Co. nehmen seit Jahrzehnten ständig ab. Inzwischen gehen die Vogelschützer mit Drohnen und Zäunen zu Werke.

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Feuchte, unbewirtschaftete Wiesen sind der ideale Brutplatz für Vogelarten wie den Großen Brachvogel, den Kiebitz, das Braunkehlchen und noch sechs weitere Vogelarten: die Wiesenbrüter. Das sind bodenbrütende Vögel, die ihre Nester bevorzugt im hohen Gras von Feuchtwiesen verstecken, wo die Gelege nicht nur vor Räubern geschützt sind, sondern sich auch gleich reichlich Nahrung für den Nachwuchs findet.

Bayern mit seinen Flüssen, Bächen und Feuchtgebieten hätte für Wiesenbrüter reichlich Lebensraum zu bieten. Etwa im mittelfränkischen Altmühltal oder im Donautal zwischen Regensburg und Deggendorf.

Wiesenbrüter werden immer seltener

Dort wie anderswo in Bayern werden die Rufe vom Großen Brachvogel, von Braunkehlchen und anderen Wiesenbrütern seit Jahrzehnten weniger. Bereits seit den 1980er-Jahren zeigt sich, dass die Bestände schwinden. Und dieser Trend setzt sich bis heute fort - deutschlandweit. So sind beispielsweise die Bestände von Kiebitz und Uferschnepfe allein in den beiden Jahrzehnten von 1990 bis 2009 deutschlandweit um 75 Prozent zurückgegangen. Vom Großen Brachvogel gibt es ein Drittel weniger.

In Bayern ist die Situation der Wiesenbrüter teilweise noch schlechter: Gab es im Donautal 1992 noch 23 Uferschnepfen, waren es bei der Zählung 2014 gerade noch drei Exemplare. Vom Großen Brachvogel sind statt 106 nur noch 38 Tiere gesichtet worden. Das Braunkehlchen ist in dem Gebiet bereits verschwunden, zumindest brütet es hier nicht mehr. Ohne Hilfe wird auch der Kiebitz, der hier vor 50 Jahren noch zum Alltagsbild zählte, immer seltener zu sehen sein.

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Eine Uferschnepfe. In ganz Bayern gibt es noch etwa 25 Paare der Uferschnepfe (Stand: 2019). Sie ist eine der neun Wiesenbrüter-Arten in Bayern.

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Der Große Brachvogel ist bei uns die Leitart der Wiesenbrüter: Geht es ihm schlecht, geht es vermutlich auch anderen nicht gut.

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Das Braunkehlchen

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Kiebitz. Kiebitz und Wachtelkönig sind in Bayern "nur" stark gefährdet, alle anderen Wiesenbrüter-Arten sind bereits vom Aussterben bedroht.

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Auch der Wachtelkönig ist in Bayern stark gefährdet.

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Grauammer

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Rotschenkel

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Wiesenpieper

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Bekassine

Lebensraum der Wiesenbrüter geht verloren

Der größte natürliche Feind der Wiesenbrüter sind Raubtiere. Doch inzwischen bedroht der Mensch diese Vogelarten in weitaus größerem Umfang: Der Lebensraum der Wiesenbrüter wird zerstört. Immer mehr Flächen werden versiegelt oder durch Straßen und Siedlungen in kleine Teile zerschnitten. Immer mehr Wiesen werden zu Ackerland umfunktioniert. Bleiben sie als Mahdwiesen erhalten, werden sie oft trockengelegt und meist so früh und so oft gemäht, dass die Vögel keine Chancen haben, Nester zu bauen oder Junge aufzuziehen, beklagt der Bund Naturschutz.

Kiebitz-Nester auf Ackerflächen markieren

Seit 2018 hat Gebietsbetreuerin Verena Rupprecht den Kiebitz im Donautal genau im Blick. Im Auftrag der Naturschutzbehörde und dem Landesbund für Vogelschutz in Bayern e.V. (LBV) soll sie den bedrohten Vögeln helfen. Um den Kiebitz effektiv zu schützen, muss Verena Rupprecht dorthin, wo die Gefahr droht: auf die Ackerflächen. Hier baut der Wiesenbrüter mangels unbewirtschafteter Feuchtwiesen seine Nester. Keine gelungene Flucht, denn auf dem Acker ist der Kiebitz nicht minder bedroht:

Weil die Gelege kaum zu entdecken sind, beobachten Vogelschützer genau, wo ihre Schützlinge brüten. Jedes Nest erfassen sie digital und markieren es mit Stangen - vorausgesetzt der Pächter stimmt zu. Die meisten Landwirte kooperieren gerne. Dank der Markierungen können sie die Brutstellen gut sehen und überrollen nicht aus Versehen mit ihren Maschinen die Eier und Küken.

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Der Große Brachvogel ist einer der größten Vögel Deutschlands. Es gibt nur noch wenige Tausend Brutpaare. Nun soll ein winziges Naturschutzgebiet südlich von München zur Rettung der bedrohten Art beitragen.

Wiesenbrüter sind sehr störanfällig

Wo früher feuchte Wiesen Mensch und Fressfeind auf Abstand hielten, müssen heute Schutzgebiete und Zäune nachhelfen. Regelmäßig kontrollieren Helfer die Schutzflächen, auf denen der Große Brachvogel ungestört und gefahrenfrei seinen Nachwuchs hochziehen soll. Die Tiere mit dem markanten Ruf und gebogenen Schnabel scheinen diese Hilfestellung gut anzunehmen. Es fällt auf, dass sie sich vor allem innerhalb der Umzäunung bewegen, denn außerhalb lauern Feinde wie Füchse oder Hunde. Ohne Zaun sind die Gelege eine leichte Beute.

Drohnen für den Vogelschutz

Auch in der Nähe von Muhr am See im mittelfränkischen Altmühltal versuchen Vogelschützer vom LBV, die Wiesenbrüter zu schützen. Mit Drohnen suchen sie nach den in den Wiesen versteckten Nestern. Frühmorgens, wenn die Wiesen noch kühl sind, ermitteln die Drohnen mit Wärmebildkameras einzelne warme Punkte, die von brütenden Vogelpaaren stammen könnten.

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Uferschnepfe und Großer Brachvogel - beide Vögel sind in Bayern vom Aussterben bedroht. Der Landesbund für Vogelschutz (LBV) hat im Altmühltal ein Pilotprojekt zur Rettung der Vögel gestartet - mit neuster Drohnentechnologie.

Einzelschutz für jede Vogelfamilie

Haben die Vogelschützer ein Nest gefunden, kommt ein Elektrozaun rundherum. Sind gleich mehrere Gelege in einer Wiese, kommen Großraumzäune zum Einsatz, die manchmal gleich die ganze Wiese einfassen. Einzelne Nester werden mit einem kleinen Zaun geschützt, damit kein Raubtier die wertvolle Brut erwischt. Und die Vogelschützer informieren natürlich die Landwirte, die sehr kooperativ sind, so die LBV-Mitarbeiterin. Jedes einzelne Vogelpaar mit seinem Nachwuchs wird so in Handarbeit unter die Vogelschützer-Fittiche genommen.

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Mit Drohnen suchen Vogelschützer nach den versteckten Vogelnestern von Wiesenbrütern. Die bodenbrütende Vögel sind stark gefährdet, weil ihr Lebensraum schwindet. Die Nester, die es gibt, sollen geschützt werden, mit der Hilfe modernster Technik.

Mithilfe solcher Einzäunungen auf zwei Projektflächen im Donautal haben es von 2011 bis 2018 immerhin 80 Jungvögel geschafft, flügge zu werden. Ein großer Erfolg, der nur durch diese aufwendige Schutzmaßnahme möglich wurde. Andernorts in Bayern gehen die Zahlen der Wiesenbrüter unaufhaltsam zurück: Von neun Wiesenbrüter-Arten stehen der Kiebitz und der Wachtelkönig als "stark gefährdet" auf der Roten Liste in Bayern, die andern sieben sind bereits "vom Aussterben bedroht". Die nächste Stufe ist "ausgestorben oder verschwunden".

Das Braunkehlchen ist im Donautal verschwunden

Das Braunkehlchen ist im Donautal nur noch im Durchzug zu beobachten. Doch der Vogelschützer Hans Jörgen Kolbinger will das Braunkehlchen nicht völlig aufgeben. Mit der sogenannten Überreizmethode, die andernorts Erfolg hatte, möchte er den kleinen Wiesenbrüter wieder ansässig machen. Dazu steckt er viele Stangen auf engem Raum nebeneinander. Er hofft, dass das Braunkehlchen diese künstlich gesteckten Singwarten annimmt, denn es liebt solche erhöhten Plätze, um sein Lied zu trällern.

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Das Braunkehlchen

Die Gefahr, dass immer mehr Wiesenbrüter verschwinden, besteht aber nicht nur für Bayern. Dieser Trend setzt sich ungebremst fort - auch global, europaweit, so Verena Rupprecht. Deshalb schlägt sie jetzt im offiziellen Auftrag die Werbetrommel für die Wiesenbrüter lauter: Regierungsvertretern, kommunalen Politikern und Landwirten hält sie vor Augen, wie wichtig störungsfreie Gebiete und eine behutsame Bewirtschaftung sind. Denn Artenschutz geht alle an, nicht nur engagierte Vogelfreunde.