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Insektensterben Drastischer Insektenschwund in Deutschland

Monokulturen, Pestizide und andere Giftstoffe, Versiegelung der Böden und fehlende Blumenwiesen - all das macht den Insekten den Garaus. Forscher sprechen inzwischen von einem Insektensterben. Und wenn die Insekten verschwinden, leiden andere Arten.

Stand: 18.10.2017

Die Zahl der Insekten ist in Teilen Deutschlands erheblich zurückgegangen. In den vergangenen 27 Jahren nahm ihre Gesamtmasse um rund 76 Prozent ab, berichten Wissenschaftler aus Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden im Fachmagazin "PLOS ONE" im Oktober 2017. Die Publikation liefere den Beweis, dass der Insektenschwund nicht nur einzelne Standorte betrifft, sondern tatsächlich "ein größerflächiges Problem" ist. Es ist die erste Studie, die genauere Zahlen zum bislang nur "gefühlten" Insektensterben lieferte.

Ehrenamtliches Engagement für die Forschung

Zu den Forschungsergebnissen der Wissenschaftler um Caspar Hallmann von der Radboud-Universität in Nijmwegen haben auch maßgeblich ehrenamtliche Insektenkundler vom Entomologischen Verein Krefeld beigetragen. Von 1989 bis 2016 sammelten sie in insgesamt 63 Gebieten in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Brandenburg Insekten und bestimmten deren Masse. Die Vereinsmitglieder stellten zeltartige Netze auf, in denen Fluginsekten gesammelt wurden. Die Fallen wurden innerhalb einer Saison in regelmäßigen Abständen geleert.

Insektenfalle

Insgesamt landeten rund 53 Kilogramm der wirbellosen Tiere in den Fallen, das sind Millionen Insekten. Die Auswertung ergab: Am stärksten war der Verlust in der Mitte des Sommers, wenn die meisten Insekten umherfliegen. Er betrug knapp 82 Prozent.

Drastischer Schwund an Schmetterlingsarten

Diese Analyse bestätigt erste, kurz zuvor vorgestellte Ergebnisse: So sind laut einer im Juli 2017 veröffentlichten Untersuchung der Welt-Naturschutz-Union mehr als ein Viertel der Grillen- und Heuschrecken-Arten vom Aussterben bedroht. Nicht viel besser sieht es bei den Schmetterlingen aus, so Andreas Segerer, Schmetterlingsforscher an der Zoologischen Staatssammlung München. Er beruft sich auf eine "Inventur der Schmetterlinge Bayerns", die im Jahr 2016 publiziert wurde.

"Dort haben wir festgestellt, dass 13 Prozent der fast 3.250 Schmetterlingsarten, die in Bayern insgesamt jemals gefunden wurden, nicht mehr vorhanden sind im 21. Jahrhundert. Und bei den Langzeitstudien zeigt sich, dass die Bestände auch häufiger Schmetterlingsarten um 90, manchmal sogar 99 Prozent zurückgegangen sind in den letzten fünf Jahrzehnten."

Andreas Segerer, Schmetterlingsforscher an der Zoologischen Staatssammlung München

Insekten leiden unter Düngung

Eine Ursache für diesen dramatischen Rückgang, an die man wohl nicht zuerst denkt, ist die flächendeckende Düngung aus der Luft – von benachbarten Feldern und Wiesen oder durch Stickoxide aus Autoabgasen. Andreas Segerer erklärt, dass es den Pflanzen zu gut gehe und sie zu stark wachsen. So werden Pflanzen vor allem befallen – im Sinne von befressen –, wenn sie im Stickstoffmangel stehen. Sind sie zu gut genährt, werden sie selbst nicht zur Nahrung. Dann werden sie auch von Tagpfauenauge oder Kleinem Fuchs, also häufigen Arten, nicht gefressen. So sind diese Schmetterlingsarten eben auch rückläufig. Besonders problematisch ist die Überdüngung aber für Arten, die auf ausgesprochen nährstoffarme Biotope spezialisiert sind.

"Fränkischer Jura, Oberpfälzer Jura, Münchner Heiden – diese Lebensgemeinschaften der Magerrasen sind die am meisten gefährdeten Insektenarten in Bayern."

Andreas Segerer, Schmetterlingsforscher an der Zoologischen Staatssammlung München

Hauhechel-Bläuling: Die Zahl der Fluginsekten ist in Teilen Deutschlands erheblich zurückgegangen.

Ein weiteres großes Problem ist die Zerstückelung der Landschaft, selbst für Insekten, die fliegen können. Und das dritte große Problem sind die Insektizide, so Josef Settele, Insektenforscher am Umweltforschungsinstitut Leipzig-Halle (UFZ). Zum Einen gebe es quantitativ eine Zunahme.

"Und dann haben wir ja die bekannten Neonicotinoide, die schon wesentlich giftiger sind als viele andere Insektizide, und dann ist das auch anspruchsvoll, das entsprechend dosiert aufs Feld zu bringen."

Josef Settele, Insektenforscher am Umweltforschungsinstitut Leipzig-Halle

Insekten als Nahrungsbasis fehlen

Das Risiko einer Überdosierung ist also groß. So ist es vor allem die Landwirtschaft, die den Insekten das Leben schwer macht – mit Folgen auch für viele andere Arten, wie Josef Settele erklärt. Gerade die insektenfressenden Vögel seien bei uns im Lauf der vergangenen Jahre auf der Roten Liste als immer gefährdeter aufgelistet. "Was ein Indiz dafür ist, dass die Nahrungsbasis fehlt", so Settele. Auch Fledermäuse und andere Tiere, die Insekten fressen, sind betroffen. Und Pflanzen fehlen die Bestäuberinsekten: nicht nur Bienen, sondern auch Schmetterlinge, manche Käfer- und einige Fliegenarten.

Datenmangel macht Insekten-Forscher hilflos

Vor unseren Augen verschwinden also riesige Mengen von Tieren, mit erheblichen Folgen für viele Ökosysteme – und doch ist das schwer nachzuweisen. Denn dazu braucht man Insekten-Zählungen über viele Jahrzehnte.

"Es gibt wirklich wenig dazu, weil diese Art von Erfassung wissenschaftlich nicht so spannend ist, das heißt die Wissenschaft macht da wenig, und man ist darauf angewiesen, dass Ehrenamtler so was machen, was immer schon der Fall war."

Josef Settele, Insektenforscher am Umweltforschungsinstitut Leipzig-Halle

Experten, die in ihrer Freizeit Insekten fangen und Arten bestimmen, machen dies meist am toten Exemplar. Nur so lässt sich die Artenvielfalt wissenschaftlich dokumentieren. Doch dafür brauchen die ehrenamtlichen Forscher eine Genehmigung. Dieser bürokratische Akt lässt viele Freizeitforscher die Lust am Bestimmen verlieren. So brachen den Fachleuten die Fachamateure weg, die die Wissenschaftler aber dringend brauchen, "um in der Fläche die Daten generieren zu können, um sie wissenschaftlich auswerten zu können", so Settele.

  • "Das große Insektensterben - Was uns verloren geht": IQ - Wissenschaft und Forschung, 22.05.2018, 18.05 Uhr, Bayern 2
  • "Wie wir die Insekten retten": Quarks und Co, ARD-alpha, 30.07.2017, 16.15 Uhr
  • "Weniger Insekten - nur ein Eindruck oder eine Tatsache?": IQ - Wissenschaft und Forschung, Bayern 2, 26.07.2017, 18.05 Uhr
  • "Käfer – warum die Insekten bedroht sind": radiowissen, Bayern 2, 02.06.2017, 09.05 Uhr und 22.06.2017, 15.05 Uhr
  • "Insektensterben - auf der Wiese wird es still": Faszination Wissen, BR Fernsehen, 16.05.2017, 22.00 Uhr

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Kommentare

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Karin Krause, Samstag, 18.August, 14:00 Uhr

20. Insektensterben

Wenn ich nur mal unseren kleinen und schönen Innenhof meiner Wohnanlage begutachte. Fast jede Woche wird der Rasen gemäht und seit Anfang Juni! werden die Büsche und Sträucher radikal zurecht geschnitten. Dazwischen noch mit dem lauten Laubbläser die Gehwege gesäubert. Wie sollen denn hier bitte noch Insekten überleben
Inzwischen ist durch die Trockenheit auch der Rest von ein bischen grün, braun oder abgestorben. Das ist der wahre Grund, wir pflegen unsere Grünanlagen zu Tode. Dieser Kommentar wurde von der BR-Redaktion entsprechend unseren
Kommentar-Richtlinien bearbeitet.

Sina, Dienstag, 22.Mai, 08:57 Uhr

19.

Heuer fällt es mir extrem auf- dank des warmen Wetters haben meine Pflanzen sehr früh geblüht, es gab aber scheinbar kaum bestäubende Insekten. Die Johannisbeerreben sind halb leer geblieben, die Heidelbeeren ebenfalls. Sehr schade! Wir haben nicht viel Grund (350m²) und daher für Naturgarten keinen Platz, wenn die Kinder auch noch spielen wollen. Aber ein blühendes Staudenbeer mit Blütensalbei, an dem viele Bienen unterwegs sind. Heimische Pflanzen (Johannisbeer, Heidelbeer, Erdbeer, Brombeere) und ca 4m² Wildblumenbeet, auf dem alles wachsen darf, wies kommt. Dazu eine Nishilfe für Wildbienen. Auch in kleinen Gärten ist ein bisschen Insektenfreundlichkeit möglich.

ab, Samstag, 19.Mai, 13:13 Uhr

18.

zum einen tun mir die kinder u jugendlichen leid weil sie halt nicht wissen was gerade passiert, man kann nur etwas vermissen, was vorher da war und man es bewusst erlebt hat (kindheit mit marienkäfer, heuschreck usw) das sie es aber nie gesehen haben ...
zum anderen die reichen deppen (ich wohne in starnberg) die ein grundstück mit alten bäumen plattmachen und sich dann eine betonklotzvilla hinstellen und dazu einen superpflegeleichten rasen, weil mit garteln will man nix zu tun haben, zeit ist geld und zur erholung fliegt man dann in die karibik...
die welt ist leider im niedergang, aber wenn wir menschen mal nimmer sind, gehts wieder besser..

Oma, Sonntag, 22.Oktober, 11:48 Uhr

17. Insektenschwund

ja, es werden immer weniger Insekten (z.B. Bienen, Marienkäfer, Ohrwürmchen) und Vogelarten, (z.B. Bachstelze, Feldlerche, Kiebitze, Fasane). Es ist erschreckend wie wenig Menschen das überhaupt auffällt! Es interessiert nicht! Womit sind wir denn so beschäftigt, dass sich unsere Wahrnehmung (nicht nur in diesem Punkt) vor lauter immer schneller, immer mehr, immer weiter, immer gigantischer, auch immer elektronischer dermaßen verändert. Der Blick für das wichtige Detail geht verloren.

  • Antwort von Anna, Dienstag, 05.Juni, 09:28 Uhr

    Gebe Ihnen Recht. Jetzt NUR sarkastisch. Sie haben leider auch vergessen, dass die Windschutzscheibe jetzt nicht mehr so dreckig ist beim Tempo 120 km/h. Was sehr vielen gefällt.....

Siegfried Marquardt, Samstag, 21.Oktober, 14:22 Uhr

16. Stirb die Biene, dann stirbt der Mensch!

Stirbt die Biene, dann stirbt der Mensch!
Wie die TV-Medien am Donnerstag, dem 19.10. und am Freitag, dem 20.10. berichteten (siehe rbb aktuell, rbb zibb, ARD Tagesschau,….) hat der Bestand an Insekten in den zurückliegenden ca. 30 Jahren seit 1989 beängstigend um 75 Prozent (!!!) abgenommen, wie Umweltforscher vom NABU mit anspruchsvollen und mühevollen Methoden herausfanden. Dass ist nicht nur schlechthin eine alarmierende Meldung und ein Alarmzeichen, sondern stellt bereits eine Umweltkatastrophe dar, wenn dies manchem auch nicht so bewusst sein sollte! Man kann es ganz knapp auf den Nenner bringen: Stirbt die Biene, dann stirbt der Mensch! Die Insekten spielen nämlich im ökologischen Gesamtsystem eine imminent wichtige Rolle, beispielsweise bei der Bestäubung der Blüten von Nutzpflanzen mit Pollen, so dass diese erst zum Blühen angeregt werden. Aber auch die Vögel sind vom massenhaften Insektensterben direkt betroffen, weil die Insekten für Vögel als Futter fungieren. So sind be