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Wie Darmbakterien unsere Gesundheit beeinflussen | BR24

© picture-alliance/dpa

Immer mehr jüngere Menschen leiden an Darmkrebs. Insbesondere in reicheren Staaten sind unter 50-Jährige betroffen, ergab eine Studie.

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Wie Darmbakterien unsere Gesundheit beeinflussen

Eine neue Studie belegt: Immer mehr Menschen unter 50 Jahren leiden an Darmkrebs. Woran das genau liegt, ist nicht klar. Aber sicher ist: Die Bakterien im Darm sind von Mensch zu Mensch verschieden. Und sie entscheiden wohl über unsere Gesundheit.

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Immer mehr jüngere Menschen leiden an Darmkrebs. Das ist das Ergebnis einer Studie, die Anfang September 2019 im Fachmagazin "Gut" veröffentlicht wurde. Danach liegt die Darmkrebsrate bei den unter 50-Jährigen in Deutschland mit 7,7 Erkrankten pro 100.000 Einwohnern im Jahr im oberen Mittelfeld. In Südkorea ist die Rate mit 12, 9 Fällen besonders hoch. In Chennai, einer Stadt im Osten Indiens, ist sie mit nur 3,5 jüngeren Erkrankten pro 100.000 Einwohner im globalen Vergleich am niedrigsten.

Fakten zur aktuellen Studie über Darmkrebsrate bei unter 50-Jährigen

Für die aktuelle Studie, die Wissenschaftler der US-amerikanischen Krebsgesellschaft durchgeführt haben, flossen Daten aus insgesamt 43 Ländern in die Ergebnisse ein. Heraus kam dabei unter anderem: In 14 Ländern blieb die Darmkrebsrate bei den unter 50-Jährigen stabil, in drei Ländern ging sie zurück und in 19 Ländern stieg sie an.

Bei folgenden neun dieser 19 Länder - allesamt Staaten mit vergleichsweise hohen Einkommen - stieg die Rate bei den Jüngeren zwar an, blieb aber bei den Älteren gleichzeitig konstant: in Australien, Dänemark, Deutschland, Großbritannien, Kanada, Neuseeland sowie in Schweden, Slowenien und in den USA.

Mögliche Ursachen: Fast-Food und Antibiotika in Verdacht

Warum es in den vergangenen Jahren zu einem Anstieg von Darmkrebserkrankungen bei den unter 50-Jährigen gekommen ist, konnten die Studienautoren nicht genau ermitteln. Übergewicht sowie der Verzehr von Fast-Food und Fertigprodukten könnten nach ihrer Einschätzung mögliche Ursachen sein. Auch häufige Antibiotikagaben bei Kindern stehen unter Verdacht.

Zahlen zu Darmkrebsfällen bei Jüngeren "sehr beunruhigend"

Für Michael Hoffmeister, Epidemiologe und Ernährungswissenschaftler am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, sind die neuesten Zahlen von Darmkrebsfällen bei jüngeren Erwachsenen "sehr beunruhigend".

Konsequenzen: Vorverlegung des Darmkrebs-Screenings empfohlen

Das Team um Studienleiterin Rebecca Siegel empfiehlt Ärzten, bei Patienten mit familiär bedingtem Risiko oder auftretenden Symptomen, ein Darmkrebs-Screening auch schon unter 50 Jahren durchzuführen.

"Eine Vorverlegung des Screenings wird international intensiv diskutiert", sagt dazu Michael Hoffmeister, Epidemiologe und Ernährungswissenschaftler am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

Der Darm, das Mikrobiom und mögliche Erkrankungsrisiken

Doch der Darm kann nicht nur krank werden - er kann auch krank machen. Jedenfalls wird das von Wissenschaftlern seit Jahren behauptet und erforscht. Unter Verdacht steht insbesondere die Darmflora, genauer gesagt: die Bakterien im Darm, im Fachjargon auch als Zusammensetzung des Mikrobioms bezeichnet. Sie soll zum Beispiel für Autoimmunerkrankungen wie Typ-1-Diabetes, aber auch für Erkrankungen wie Autismus oder Depresssionen verantwortlich sein. Eindeutige Beweise dafür gibt es allerdings noch nicht. Aber Forschungsansätze, die das nahelegen.

Fehlende Darmbakterien im Geburtskanal: Ursache für Typ-1-Diabetes

So entwickeln Kinder, die per Kaiserschnitt zur Welt kommen, häufiger einen Typ-1-Diabetes als Kinder, die auf normalem Weg geboren werden. Den Säuglingen, die durch einen Kaiserschnitt zur Welt kommen, fehlt ein Teil der Darmbakterien, mit denen sie normalerweise im Geburtskanal konfrontiert würden, so die Begründung von Forschern wie Peter Aschenbach vom Helmholtz-Zentrum in München.

Lösen bestimmte Darmbakterien Autismus aus?

Auch bei Autismus haben Wissenschaftler einen Zusammenhang zwischen Darmbakterien und Krankheitsfällen festgestellt:

"Wir haben uns in Stuhlproben von Kindern 50 Stoffwechselprodukte der Darmbakterien angeschaut.[...] Zum Beispiel finden wir bei Kindern mit Autismus mehr Glutamin. Es wird im Körper zur Substanz GABA umgewandelt. Sie ist sehr wichtig, um die Neurotransmitter im Gleichgewicht zu halten." Dae-Wook Kang, Mitarbeiterin am Institut für Biodesign an der Arizona State University

Nicht klar ist allerdings, ob die Stoffwechselprodukte von Darmbakterien dazu führen, dass im Gehirn Autismus entsteht oder ob es nicht eher umgekehrt ist: Ernähren sich Menschen mit Autismus anders, sodass bestimmte Bakterien im Darm die Oberhand gewinnen?

Zusammenhang zwischen Depression und Darmflora

Ähnlich ist es beim Auftreten einer Depression. Auch hier konnten Forscher in einer im Februar 2019 im Fachmagazin "Nature Micobiology" veröffentlichten Studie belegen, dass es einen Zusammenhang zwischen dem Auftreten einer Depression und der Zusammensetzung der Darmbakterien gibt, Die Forscher um Jeroen Raes von der Katholischen Universität Leuven konnten nachweisen, dass depressiven Menschen zwei Bakterienstämme im Darm fehlen, die bei Personen mit nicht-depressiver Gemütslage vorhanden sind. Mehr als 2.000 Stuhlproben hat das Team um Raes dafür untersucht.

Warum das so ist, dafür gibt es bisher nur einen Verdacht: Wenn die Bakterien fehlen, funktioniert die Immunabwehr des Nervensystems nicht richtig. Möglich ist dies, weil es eine nervliche Verbindung zwischen Darm und Gehirn gibt: Beide werden durch den sogenannten Vagusnerv miteinander verbunden. Aber auch hier stellt sich die Frage: Führt das Fehlen der Bakterien zu einer Depression oder ernähren sich depressive Menschen einfach anders?

"Das Mikrobiom ist ja aller Wahrscheinlichkeit nach bei Menschen mit oder ohne Depressionen in verschiedenen Ländern auch verschieden, mit verschiedenen Ernährungsgewohnheiten. Es gibt viele Einflussfaktoren auf das Mikrobiom. Das kommt letztlich auch in den neuesten Studien und Zusammenfassungen gut raus: dass man letztlich viel genauer kontrollieren muss: Was sind alles Faktoren, die das Mikrobiom beeinflussen?" Thomas Baghai, Psychiater an der Universität Regensburg

Krankheiten lindern durch Beeinflussung der Darmflora?

Vielleicht lassen sich in Zukunft Krankheiten wie Typ-1-Diabetes oder Depressionen lindern oder ganz verhindern, indem man die Zusammensetzung der Darmflora beeinflusst? Das ist jedenfalls das große Ziel der Forscher.

Stuhltransplantationen von gesunden Menschen sind bereits möglich. Bei Infektionen mit dem gefährlichen Keim namens Clostridium difficile zum Beispiel wird die Methode seit einigen Jahren mit Erfolg eingesetzt. Der Patient erhält den Kot eines Spenders per Nasensonde oder Einlauf. Aber nicht immer ist der Einsatz von Spenderkot so vielversprechend und unkompliziert. Thomas Baghai, Psychiater an der Universität Regensburg zum beispiel ist keine Arbeit bekannt, die folgendes gut beschreibt:

"Wie müsste denn ein ideales Spender-Mikrobiom aussehen, das dann hilft, vom depressiven Zustand wegzukommen, das aber keine negativen Eigenschaften überträgt." Thomas Baghai, Psychiater, Universität Regensburg

© BR

Es klingt unglaublich: Eine Billion Einzeller stecken in jedem Gramm Darminhalt. Doch erst in jüngster Zeit machen Forscher Inventur um herauszufinden, welche Lebewesen es eigentlich sind, die sich in uns so wohl fühlen.