Bayern 2


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Zuckerkranke Kinder

Von: Beate Beheim-Schwarzbach

Stand: 18.12.2017

Diabetes Typ-1 tritt häufig bei Kindern auf - im Bild: Ein Mädchen, das an Diabetes Typ 1 erkrankt ist, bekommt von ihrer Mutter mit einem Pen das notwendige Insulin gespritzt. | Bild: picture-alliance/dpa

Bei der Autoimmunerkrankung Diabetes Typ 1 stuft das Immunsystem die Insulin-produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse als feindlich ein und bekämpft sie.

Expertin:

Prof. Dr. med. Anette-Gabriele Ziegler, Direktorin des Instituts für Diabetesforschung, Helmholtz Zentrum München, und Lehrstuhl für Diabetes und Gestationsdiabetes, Klinikum rechts der Isar, Technische Universität München

Der Körper braucht das Hormon Insulin jedoch, um Zucker aus dem Blut in die Zellen zu bringen. Insulinmangel führt dazu, dass der Blutzucker steigt, behandelt man das nicht, kommt es zu Organ- und Nervenschädigungen. Diabetes Typ 1 kann in jedem Lebensalter auftreten, die höchste Neuerkrankungsrate wird jedoch bei Kindern und Jugendlichen beobachtet. Derzeit sind in Deutschland ca. 30.000 unter 20-Jährige von Diabetes Typ 1 betroffen, die Anzahl der Neuerkrankungen steigt weltweit jährlich um drei bis fünf Prozent an.                                                                                                                                 

Späte Entdeckung

Bei vielen Patienten wird Typ-1-Diabetes spät erkannt, oft erst dann, wenn ein akutes Krankheitsgefühl und schwerwiegende Stoffwechselentgleisungen vorliegen. Weil sich der Typ-1-Diabetes aber durchaus schleichend entwickelt, könnte er in der Vorphase ohne weiteres durch einen Bluttest zur Bestimmung von Diabetes-typischen Autoantikörpern diagnostiziert werden. Dieser wird einzigartig in Bayern allen Kindern im Alter zwischen 2 und 5 Jahren im Rahmen der Fr1da-Studie angeboten. Das Pilotprojekt wurde von Prof. Dr. Anette-Gabriele Ziegler, Direktorin des Instituts für Diabetesforschung, Helmholtz Zentrum München, unter der Schirmherrschaft der Bayerischen Gesundheitsministerin Melanie Huml initiiert. 39 Prozent der Bayerischen Kinderärzte beteiligen sich an der Durchführung des Bluttests. Wird die Diagnose eines frühen Stadiums des Typ-1-Diabetes gestellt, erfolgt eine Diabetesschulung und die Bestimmung des Blutzuckers zur Festlegung der Therapie.

Test gleich nach der Geburt

Ob für ein Kind ein erhöhtes Risiko besteht, an Typ-1-Diabetes zu erkranken, lässt sich bereits direkt nach der Geburt feststellen. Dieser Test steht allen Eltern in Bayern, Sachsen und demnächst auch Niedersachsen im Rahmen der Freder1k-Studie offen. Geburtskliniken und Kinderärzte bieten diese freiwillige und kostenlose Untersuchung, für die nur wenige Tropfen Blut nötig sind, für Babys bis zum Alter von vier Monaten an. Unabhängig vom Wohnort können Säuglinge aus ganz Deutschland teilnehmen, wenn ihre Eltern oder Geschwister bereits an Typ-1-Diabetes erkrankt sind. Die Freder1k-Studie wurde ebenfalls von Prof. Ziegler zusammen mit Kooperationspartnern in Deutschland und vier weiteren europäischen Ländern initiiert. Kinder, bei denen der Test ein mindestens 25-fach erhöhtes Risiko ergibt, können an einer Studie teilnehmen, welche die Krankheit verhindern soll.

Autoimmunerkrankung

Vergleichbar mit der Entstehung einer Krebszelle können auch die Zellen des Immunsystems entarten.

"Das passiert vermutlich bei jedem Menschen hin und wieder, doch dann werden solche Zellen gleich wieder zunichte gemacht. Bei Menschen mit einer Autoimmunerkrankung funktioniert der Prozess nicht so perfekt."

Prof. Anette-Gabriele Ziegler

Bei Typ-1-Diabetikern zerstört der Körper die Insulin-produzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse unaufhörlich, mit erheblichen Konsequenzen.

Die häufigsten Symptome

Charakteristisch für Diabetes Typ 1 bei Kindern und Jugendlichen sind eine ganze Reihe von Symptomen:

  • häufiger Harndrang
  • Durst
  • Müdigkeit
  • Hautjucken
  • Gewichtsverlust
  • charakteristischer Atemgeruch
  • Erbrechen und Bauchschmerzen

Tipp: Zum Testen einen Arzt aufsuchen

Haben Eltern den Verdacht auf Diabetes Typ 1, sollten sie nicht selbst zu einem Test greifen, sondern einen Arzt aufsuchen, der anschließend das Labor damit beauftragt.

Wichtige Marker: Autoantikörper

Diabetes-spezifische Autoantikörper sind ein sehr wichtiger Marker zur Frühdiagnose und können oft schon lange vor Ausbruch der Erkrankung im Blut nachgewiesen werden. Charakteristisch ist: Diese Diabetes-spezifischen Autoantikörper sind gegen Insulin und Teile der sie produzierenden Zellen gerichtet.

"Wir haben herausgefunden, dass bei etwa 80 Prozent aller Menschen, die vor dem 18. Lebensjahr Diabetes entwickeln, bereits im Alter von zwei bis drei Jahren die Antikörper dagegen nachweisbar sind."

Prof. Anette-Gabriele Ziegler

Die ersten Jahre entscheiden

Deswegen liegt es nahe, dass die ersten Lebensjahre beim Diabetes entscheidend sind. Heute weiß man: In dieser Zeitspanne ist die Bauchspeicheldrüse in puncto Autoimmunität besonders anfällig. Hat man diese Altersgrenze überschritten, dann ist die Wahrscheinlichkeit für Typ-1-Diabetes viel geringer. Warum das so ist, können Wissenschaftler noch nicht sagen.

Früherkennung

Aus der Tatsache, dass man Diabetes bereits so früh erkennen kann, leiten Prof. Anette-Gabriele Ziegler und ihre Kollegen die Forderung ab, bereits innerhalb der ersten vier Lebensjahre ein Diabetes-Screening durchzuführen. Denn wer schon so früh Autoantikörper im Blut hat, wird mit großer Sicherheit Diabetes entwickeln - wer nicht, wird vermutlich verschont bleiben. Gibt es in einer Familie bereits ein Kind mit Diabetes Typ 1, dann sollten sich Geschwisterkinder auf jeden Fall testen lassen.

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