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Mythos Detox - warum Entschlacken nicht funktioniert | BR24

© picture alliance / dpa Themendienst

Selbst wenn man jeden Tag einen grünen Smoothie trinkt - entschlacken kann man damit dennoch nicht.

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    Mythos Detox - warum Entschlacken nicht funktioniert

    Entgiften und Detox, ohne sie geht nichts in der Wellnessindustrie. Es gibt Salben, Tees, Gesichtscreme oder Lebensmittel, Ratgeber und Fitnessmagazine, alle wollen so Geld verdienen. Was ist dran an Detox, Fasten und innerer Reinigung?

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    Fasten zum Entschlacken, Entgiften und Detox?

    Der Begriff "Schlacken" wird schon lange verwendet, vor allem im Zusammenhang mit Fasten. Das Problem dabei: "Schlacken" gibt es im menschlichen Körper gar nicht.

    "Schlacken ist ja das, was beim Hochofen (bei der Herstellung von Metallen) zurückbleibt. Man kann da nichts sehen, da ist nichts im Darm, keine Schlacken, die ausgeschieden werden." Prof. Andreas Michalsen, Charité, Berlin

    Auch das sogenannte "Entgiften" oder "Detox" ist nichts, wofür der menschliche Körper eine Fastenkur braucht:

    "Denn wenn wir wirklich über Gifte reden, Schwermetalle, Blei, Cadmium oder Quecksilber, die werden nicht beim Fasten ausgeschieden." Prof. Andreas Michalsen, Charité, Berlin

    Dennoch hält sich die Idee davon, dass man den Körper hin und wieder "reinigen" müsste - dabei kann der das in der Regel ganz von allein. Das übernehmen vor allem zwei Organe, die Niere und die Leber, und bauen so zum Beispiel Alkohol ab.

    Fasten bei Diabetes Typ 2?

    Gesunde Menschen haben Fastenkuren also nicht nötig, aber vielleicht könnten ja Übergewichtige oder Patienten mit Diabetes etwas davon haben?

    Die Studienlage ist hier unklar. Bei Diabetes Typ 2 könnte Fasten vorübergehend helfen, denn durch das Unterbrechen der Nahrungszufuhr stellt sich der Stoffwechsel um. Wenn man mit Fasten auch noch abnimmt, ist der Effekt noch größer. Das Problem dabei: Eine Fastenkur ist nichts, was man sein ganzes Leben lang ausüben kann. Das Risiko für einen Rückfall in alte Gewohnheiten und den Jojo-Effekt ist sehr hoch.

    Fasten gegen Rheuma?

    Das sogenannte Heilfasten soll bei Rheuma helfen - dabei sollen die Fastenden eine Woche lang auf Nahrung verzichten. Auch hier kommt es kurzfristig zu einer Stoffwechselumstellung, das kann bei entzündlichen Erkrankungen, wie Rheuma eine ist, helfen. Aber die Effekte halten auch hier nicht an. Wenn wieder ganz normal gegessen wird, verschwinden sie.

    Fasten fürs Gewicht?

    Das Intervallfasten ist momentan die Fastenvariante, die viele Wissenschaftler, aber auch kommerzielle Anbieter für Diäten und Fastenkuren für vielversprechend halten. Dabei wird tage- oder stundenweise auf Nahrung verzichtet.

    Eine sehr bekannte Version ist das sogenannte 5:2 Intervallfasten, bei dem an zwei Tagen gar keine Nahrung aufgenommen wird, und an den fünf anderen Tagen der Woche darf ganz normal gegessen werden. Am Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg wurde das 5:2-Fasten in der HELENA-Studie mit einer herkömmlichen Diät verglichen.

    "Es gab viele Kollegen, die behauptet haben, dass das Intervallfasten im Vergleich zu herkömmlichen Diäten stärkere und bessere Effekte hat: auf das Körpergewicht, auf den Stoffwechsel, zum Beispiel auch auf die Art und Weise wie unser Körper auf Insulin reagiert." Dr. Tilman Kühn, Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg

    Das überraschende Ergebnis: Das Intervallfasten ist nicht besser als eine normale Diät. Beide Gruppen verloren während des Experiments rund 5 Prozent ihres Körpergewichts und auch auf der Stoffwechselebene war das Intervallfasten nicht erfolgreicher. Der gesundheitliche Effekt des Intervallfastens hat wahrscheinlich eher etwas damit zu tun, dass man auch so seine Kalorienaufnahme verringert.

    Auch die zweite bekannte Fastenvariante, das 16:8-Fasten, kann bislang nicht überzeugen. Dabei isst man 16 Stunden am Stück nichts und nur an 8 Stunden am Tag normal. Zwar gibt es Studien, die einen positiven Effekt zeigen, aber das waren nur Zellexperimente oder Tierversuche an Mäusen.

    "Die Studien unter Mäusen sind sicher spannend. Allerdings muss man sagen, dass gerade im Bereich der Ernährung viele Experimente unter Nagern schlecht auf den Menschen übertragbar sind. Das hat mit unterschiedlichen Stoffwechselvoraussetzungen zu tun, das hat aber auch einfach damit zu tun, dass ein Mensch in freier Wildbahn im normalen Leben sich nicht so ernährt wie eine Maus im Käfig." Dr. Tilman Kühn, Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg

    Fasten für die Zellen?

    Warum überhaupt soll Fasten gut für den Körper sein? Die Hypothese hängt mit den Essenspausen zusammen. Ohne Nahrung suchen Körperzellen andere Energiequellen und haben darüber hinaus auch noch Zeit, sich selbst zu reparieren. Autophagie nennt sich dieser Mechanismus, Selbstverdauung, und ist Teil der Immunabwehr. Der Japaner Joshinori Ohsumi erhielt im Jahr 2016 für seine Forschung dazu den Nobelpreis für Medizin.

    Doch auch hier das Problem: Dieser Zusammenhang ist momentan nicht mehr als eine Hypothese, eine Annahme, die man aus Experimenten mit einzelnen Zellen ableitet. Keiner weiß, wie sich dieser Prozess im Menschen tatsächlich antreiben lässt und ob es überhaupt sinnvoll ist, ihn anzutreiben.

    "Auch eine übermäßig angeschubste Autophagie könnte sich negativ auswirken, das kennt man zum Beispiel aus der Krebsentstehung. Zu viel Autophagie ist auch wieder schlecht, da geht es um eine Balance. Und dieser Gedanke, dass man nur fasten muss und diese Zellmüllabfuhr dann alle krankmachenden Stoffe entsorgt, ist vielleicht doch etwas zu vereinfacht." Dr. Tilman Kühn, Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg

    Fasten für die Seele?

    In vielen Kulturen und Religionen gehört Fasten zur gelebten Praxis dazu. Reinigungs- und Verzichtrituale sollen dem Körper, der Seele und dem Geist Gutes tun. Damit kann man religiöse Regeln befolgen, aber auch in mental wachere Zustände übergehen, einfach indem man ein paar Tage das Essen weg lässt. Auch in einer säkularen Gesellschaft kann so etwas stattfinden:

    "Es ist ja so, dass man mit dem Ziel fastet, dass man seinen Körper und seine Seele reinigen möchte. Das heißt, wer fastet, der beschäftigt sich dann mit dem, was er so isst, mit seinem Körper und seiner Gesundheit und reflektiert das eben stark. Und so gesehen kann das eben ein Impuls sein, dass man seinen Lebensstil und seine Gewohnheiten ändert." Silke Restemeyer, Ökotrophologin, Deutsche Gesellschaft für Ernährung

    Fazit: Ein gesundes Leben ist mehr als einmal Fasten

    So sinnvoll Fasten für eine Stoffwechselumstellung oder das geistige Wohlbefinden auch sein mag, für einen gesunden Lebensstil muss man mehr tun. Langfristig abnehmen oder seine Diabeteserkrankung los werden kann man so nicht. Doch es kann ein Start sein:

    "Ich glaube, der wichtigste Punkt beim Fasten ist, dass man für sich selber etwas bekommt, das nennt man in der Medizin die Selbstwirksamkeit, also man fängt da ja eher missmutig an zu fasten und dann macht es auf einmal Zack, dann wird der Schalter umgelegt und man merkt, das geht fantastisch. Das führt bei vielen Menschen zu einem extrem guten Selbstgefühl und auch zu der Überzeugung: Mensch toll, was ich da selber machen kann, einfach indem ich nichts esse!" Prof. Andreas Michalsen, Charité, Berlin

    Fasten verspricht also eine Pause, die den Alltagsstress kleiner werden lässt. Doch die hohen Erwartungen von einem gereinigten Körper und einer entschlackten Seele sind wissenschaftlich nicht haltbar. Immerhin: Wer gesund ist, dem schadet so eine Fastenkur auch nicht.