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Immer mehr Pendler: Die Folgen für Beziehung und Gesundheit | BR24

© picture-alliance/ dpa/ Fotograf: Karl-Josef Hildenbrand

Die Zahl der Berufspendler in Deutschland steigt seit Jahren - trotz verstopfter Straßen, verspäteter Züge, Stress und Termindruck. Welche Folgen hat das für die Beziehung, die Familie und die Gesundheit?

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Immer mehr Pendler: Die Folgen für Beziehung und Gesundheit

Erwerbstätige nehmen aus den unterschiedlichsten Gründen immer häufiger immer längere Arbeitswege in Kauf. Im Bundesvergleich ist München Pendlerhauptstadt. Wer pendelt warum und was hat das für Folgen?

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In Deutschland steigt die Zahl der Berufspendler stark an: Über die Hälfte aller Erwerbstätigen fährt inzwischen mehr als zehn Kilometer weit zur Arbeit, jeder fünfte sogar mehr als 25 Kilometer. Und auch der Zeitaufwand wird immer größer: Rund elf Millionen Menschen, also mehr als jeder vierte in Deutschland, braucht laut den aktuellsten Zahlen des Statistischen Bundesamtes 30 Minuten oder länger für den einfachen Weg zur Arbeit, mehr als 2,2 Millionen Menschen sind dafür sogar über eine Stunde lang unterwegs. Die Zahl der Pendler hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt. Für das Statistische Bundesamt ist ein Pendler allerdings jeder, der für die Arbeit das Grundstück verlässt, auf dem er wohnt,

Wo wird in Deutschland am meisten gependelt?

Die deutsche Pendlerhauptstadt ist München. Über 390.000 Menschen fahren laut dem von der Bundesagentur für Arbeit veröffentlichten "Pendleratlas" jeden Tag zur Arbeit in die Stadt hinein, gefolgt von Frankfurt, Hamburg und Berlin. Rund zwei Drittel aller Berufspendler fahren mit dem Auto. Nur 14 Prozent nutzen für ihren Arbeitsweg die öffentlichen Verkehrsmittel.

Berufspendler: Wer pendelt und warum?

In einer Studie hat Peter Haller, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung in Nürnberg, die Entwicklung der Pendeldistanzen seit dem Jahr 2000 untersucht und festgestellt: Nicht mehr nur formal höher qualifizierte Berufsgruppen, wie immer schon üblich, nehmen einen langen Arbeitsweg in Kauf. Auch zunehmend Menschen mit sogenannten mittleren oder niedrigeren Bildungsabschlüssen fahren lange Wege, um zu ihrem Arbeitsplatz zu gelangen. Die Gründe dafür liegen auf der Hand: Hohe Mieten in den Städten, befristete Arbeitsverträge, sodass sich ein Umzug in die Nähe der Arbeitsstätte nicht lohnt, und das gewohnte soziale Umfeld, das man nicht verlassen will.

Welche Auswirkungen hat das Pendeln auf die Partnerschaft?

Doch das Pendeln kann einen hohen immateriellen Preis haben. So sind die Scheidungsraten bei Fernpendlern höher als bei Nicht-Pendlern, sagt Antje Ducki, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Beuth-Hochschule für Technik in Berlin. Sie sieht aber auch Positives für Paare: Das Pendeln könne für Fernbeziehungen nicht nur eine Belastung, sondern auch bereichernd sein. "Gerade in älteren Beziehungen, die so schon längere Zeit existieren und auch eingefahren sind, kann das Pendeln eine sehr große Erfrischung bringen", sagt Ducki, die sich schon seit über 15 Jahren mit dem Berufspendeln beschäftigt.

Welche Auswirkungen hat das Pendeln auf die Gesundheit?

Auch gesundheitlich kann sich das tägliche Hin und Her vom Wohnort zur Arbeitsstätte und zurück negativ auswirken. Nicht nur durch Schlafdefizit verursachte Beschwerden sind oft die Folge:

"Es gibt Nachweise erhöhter Atemwegserkrankungen für diejenigen, die mit dem öffentlichen Nahverkehr unterwegs sind, erhöhte Unfallrisiken bei Autofahrern, es gibt sogar Einzelstudien über schlechteren Zahnstatus. Warum? Weil Pendler eben deutlich seltener Vorsorgeuntersuchungen in Anspruch nehmen, weil sie einfach Probleme haben, Termine zu bekommen, zu Zeiten, wo sie zu Hause oder am Wohnort sind. Psychosomatische Beschwerden und ein höheres Stresserleben sind auch durchgängig bei Pendlern im Vergleich zu Nicht-Pendlern. Und: Es gibt auch noch mal die wirklich wesentliche Erkenntnis: Je weiter weg gependelt wird, je größer die Dauer der Fahrzeit, desto belasteter sind die Pendler und haben dann eben in Folge auch höhere Fehlzeiten." Antje Ducki

Wie können Pendler ihre gesundheitlichen Risiken minimieren?

Aber nicht bei jedem Pendler müssen gesundheitliche Probleme auftreten. So haben Menschen, die freiwillig pendeln, laut Thomas Skora vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung in Wiesbaden, wesentlich weniger Belastungssymptome als solche, die unter dem täglichen Arbeitsweg leiden. Er ist selbst Pendler, fährt jeden Tag 90 Kilometer mit dem Auto aus dem Odenwald nach Wiesbaden. Für ihn sei das kein Stress: "Ich höre Musik oder ein Hörbuch, bereite mich teilweise auch auf meine Arbeit vor oder bereite meine Arbeit nach, indem ich meine Forschungsbefunde geistig durchgehe. Das kann ich auch sehr gut beim Autofahren. Ist vielleicht auch nicht jedermanns Sache. Und ich achte natürlich darauf, dass ich ausreichend Sport treibe und nutze auch Möglichkeiten, im begrenzten Rahmen auch mal von Zuhause zu arbeiten."

Warum macht zu weites Pendeln krank?

Viele Pendler unterschätzen die Belastung – bis es zu spät ist. Pendeln kann zu Erschöpfungsdepressionen führen, zu Burnout, das zeigen nationale und internationale Studien. So sind auch einer Studie der Techniker Krankenkasse aus dem Jahr 2018 zufolge die Fehlzeiten wegen psychischer Erkrankungen bei Pendlern um mehr als zehn Prozent höher als bei Berufstätigen mit kurzer Anfahrt.

Berufspendler: Gibt es Unterschiede zwischen Ost und West?

Auch knapp dreißig Jahre nach der Wiedervereinigung pendeln immer noch mehr als doppelt so viele Beschäftigte aus dem Osten in den Westen als umgekehrt. Zudem fahren ostdeutsche Arbeitnehmer längere Strecken zur Arbeit als westdeutsche. Und auch bei Familien mit Kindern gibt es zwischen Arbeitnehmern aus dem Westen und Arbeitnehmern aus dem Osten immer noch Unterschiede: Während ostdeutsche Frauen auch nach der Geburt eines Kindes wieder pendeln und arbeiten, bleiben die westdeutschen Mütter dann häufig zu Hause. Laut Thomas Skora vom Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung liegt das unter anderem am besseren Zugang zur öffentlichen Kinderbetreuung in Ostdeutschland.