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Papier-Container in einem Wohngebiet

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    Echtes Recyclingproblem: Papier mit Kunststoffbarrieren

    Sie sorgen dafür, dass Papier und Kartons nicht durchweichen. Dünne Folien, die vor allem bei Lebensmittel-Verpackungen eingesetzt werden. Laut Herstellern dürfen diese Verpackungen ins Altpapier. Das schafft aber Probleme.

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    Von
    • Alexander Dallmus

    Plastik hat mittlerweile einen äußert schlechten Ruf. Das wissen auch die großen Lebensmittelkonzerne oder die Anbieter sogenannter Kochboxen, die gerade in der Pandemie sehr beliebt sind. Deshalb bewerben sie ihre Verpackungen auch gerne damit, dass sie problemlos im Altpapier entsorgt werden können. Trotz einer hauchdünnen Barriereschicht aus Kunststoff, die vor Feuchtigkeit, Schimmel oder Öl schützen soll. Entsorger und Wiederaufbereiter stellt das vor große Probleme.

    Plastik im Papiermüll

    Papier ist eigentlich der Traum für jeden Recycler. Sortenrein gesammelt, können frische Papierfasern aus dem nachwachsenden Rohstoff Holz bis zu sieben Mal wiederaufbereitet werden. Die Wiederverwertungsquote von Papier muss laut Verpackungsgesetz ab 2022 bei stattlichen 90 Prozent liegen. Das geht aber nur, wenn so wenig Störstoffe wie möglich im Altpapier zu finden sind. Im Sinne der erweiterten Herstellerverantwortung ist die Wirtschaft eigentlich dazu verpflichtet, gerade Verpackungen auch vom Ende her zu denken, also auf recyclinggerechtes Design zu achten.

    "Was uns derzeit beschäftigt, sind diese Kochboxen, die man bestellen kann", ärgert sich Hermann Knoblich vom Abfallzweckverband (AZV) Hof, "da gibt es so genannte kühlisolierte Verpackungen. Unter anderem bestehen die aus einem Vlies oder Kunststoffbeutel und in den Beuteln sind dann Papierschnitzelchen. Da stellt sich natürlich die Frage: wohin?" Nicht nur die Verbraucher sind damit überfordert, selbst die Mitarbeiter am Wertstoffhof sind nicht immer sicher, ob das wirklich zum Papiermüll darf.

    Alles im gesetzlichen Rahmen

    Egal ob die Barriere-Schichten aus Kunststoff nun bedampft, geklebt oder tiefer ins Papier eingearbeitet sind, grundsätzlich darf der Anteil von Plastik, bei Verbundverpackungen aus Papier, nicht mehr als 5 Prozent betragen. Sonst ist die blaue Tonne tabu. Im Verpackungsgesetz (VerpackG §16) ist das so auch festgeschrieben. Darauf berufen sich auch die Anbieter diverser Kochboxen, die damit Lebensmittel und ganze Menüs nach Hause liefern, wie zum Beispiel Marktführer "Hello Fresh": "Der überwiegende Großteil unserer Verpackungen kann über das Altpapiersystem dem Recyclingkreislauf zugeführt werden, da sie aus über 95 Prozent Papier bestehen."

    Diese "Verunreinigungen" des Papiers werden zunehmen, befürchtet Thomas Braun, Geschäftsführer vom Bundesverband Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE) in Bonn: "Und dann haben wir nicht 100 Prozent Altpapier, sondern ein neues Material in diesem Strom. Und das könnte Probleme schaffen." Natürlich sind alle Verpackungen über die Dualen Systeme lizenziert. Die Kosten tragen einerseits – indirekt – die Verbraucher und natürlich die Hersteller. "Ich bezeichne es immer als modernen Ablasshandel", wird Hermann Knoblich vom oberfränkischen Abfallzweckverband in Hof deutlich, "die sind die Probleme los und die Probleme haben wir dann als Sammler, die Entsorger und natürlich letztendlich die Papierfabriken."

    Kein Problem? Das bisschen Plastik

    Etwas entspannter sieht man das beim Industrieverband Papier- und Folienverpackungen (IPV) in Frankfurt. Hier werden die Hersteller von flexiblen Verpackungen aus Papier und Folie vertreten und die würden gerne ihre Produkte so gut wie möglich schützen. Einerseits mit dem nachhaltigen Rohstoff "Papier" und zugleich mit einer dünnen Folienbarriere. Was die bewirken soll, veranschaulicht Karsten Hunger vom IPV am Lebensmittel Brot: "Das darf nicht austrocknen. Das heißt, ich muss ein bisschen Feuchtigkeit in der Verpackung drin behalten. Es soll aber auch nicht nach kurzer Zeit schimmeln. Das heißt ein bisschen Feuchtigkeit, die nach dem Backen drin ist, muss trotzdem nach außen gehen."

    Insofern hat jedes Lebensmittel spezielle Eigenschaften und braucht dann auch eine entsprechende Verpackung. Wie gut diese dann stofflich zu verwerten ist, hängt natürlich auch mit den Erwartungen des Handels und der Verbraucher zusammen, sagt Karsten Hunger: "Da arbeiten auch die Kochbox-Hersteller dran, möglichst wenig Material zu benutzen, um die Umwelt zu entlasten. Aber gleichzeitig müssen die Lebensmittel so gut wie möglich geschützt werden. Es nützt ja nix, wenn der Joghurt irgendwie auf der Gurke drauf ist, wenn‘s beim Kunden ankommt."

    Wir sollen den Dreck wegmachen

    Nicht die einzelne Folie, die in eine Papierfaser-Verpackung eingearbeitet ist, stellt ein Problem dar, sondern die Fülle unterschiedlicher Techniken und Materialien, die die einzelnen Hersteller verwenden, sagt Axel Fischer von Ingede in München. Der Verein ist ein Zusammenschluss der Papierfabriken, die Altpapier zu neuen, hellen Fasern verarbeiten, die für Kopierpapier, Zeitungen oder Hygienetücher benötigt werden: "Keine Schicht ist wie die andere. Da gibt es welche, die dringen tiefer ins Papier ein. Da gibt es welche, die machen das ganze Papier nassfest. Da gibt es welche, die kann kein Mensch in sieben Leben mehr ablösen. Es ist ganz unterschiedlich und das ist das eigentliche Problem."

    Ärger um hohe Plastikanteile im Altpapier gibt es oft bereits zwischen Sammlern und Papierfabriken, wenn die gepressten Papierballen angeliefert werden, sagt Thomas Braun vom BVSE: "Die Papierindustrie misst in ihrer Eingangskontrolle zum Beispiel mit Kernbohrgeräten in diesen Altpapierballen. Was ist denn da drin? Und wenn dieser Anteil an Kunststoff steigt, dann sieht man das nicht gerne. Weil diese zusätzlichen Materialien eventuell Störungen hervorrufen können." Die Altpapiersammler müssen dann oft Preisabschläge in Kauf nehmen oder ganze Chargen gehen verloren.

    "Die Hersteller erfinden irgendwelche komischen Sachen und die Papierfabriken sollen nachher den Dreck wegmachen", schimpft Axel Fischer von Ingede. Natürlich geht es auch ums Geld. Jede Störung im Wiederaufbereitungsprozess kostet. Aber es muss auch mehr Aufwand betrieben werden, um den Kunststoff überhaupt vom Papier zu lösen, sagt Fischer: "Dann brauche ich zum Beispiel einen Haufen Natron-Lauge oder sowas. Das kann ja nicht im Sinne des Erfinders sein, dass wir einen stark erhöhten Chemikalienbedarf bei der Papierherstellung haben."

    Alternativen zu Kunststoffbeschichtung

    Beim Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung (IVV) wurde an einer wasserabweisenden bionischen Beschichtung, auf Basis von pflanzlichem Cutin geforscht. Cutin ist ein natürliches Polymer und schützt beispielsweise Pflanzenteile wie Blätter und Früchte vor dem Austrocknen. Allerdings hat sich herausgestellt, dass Cutin bzw. die Rohstoffe für die Cutin-Extraktion nicht für eine industrielle Verwertung ausreichen.

    Vielversprechender scheinen hingegen Alternativen zu Styropor- und Kunststoffverpackungen zu sein, an denen Forscher des Instituts für Naturstofftechnik der TU Dresden tüfteln. Dafür wird Altpapier mit Hilfe eines speziellen Trocknungsprozesses so aufbereitet, dass Fasermatten mit Isoliereigenschaften entstehen. Diese Verpackungen kommen bereits als recycelbare Kühlboxen auf Festivals zum Einsatz und können auch in größerer Stückzahl produziert werden.

    Im Gespräch: Hersteller und Recycler

    Derzeit laufen auf europäischer Ebene intensive Gespräche zwischen Papierherstellern, Lebensmittelkonzernen und dem Handel, um sich auf gewisse Standardbeschichtungen zu einigen, die am Ende auch gut zu recyceln sind. "Wir plädieren hier für Klarheit vom ersten Moment", sagt Thomas Braun vom BVSE, "der Verbraucher muss klar erkennen können, welches System für diese Verpackung geeignet ist. Wo soll es denn rein? Blau oder Gelb?".

    Gesprächsbereit zeigt sich auch Karsten Hunger vom Industrieverband Papier- und Folienverpackungen: "Es gibt eben diese technologischen und vor allen Dingen die ökonomischen Interessen, die auf mehreren Seiten bestehen." Und er fügt hinzu: "Das ist leider in vielen Fällen so, dass man erst dann eine Lösung sucht, wenn man tatsächlich ein Problem hat." Am besten sind immer noch Verpackungen, die von vorneherein vermieden oder deren Bestandteile schon vom Verbraucher sauber getrennt werden können.

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