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Bildrechte: dpa-Bildfunk/Marcus Brandt

Eine Podcast-Reihe des BR mit Dr. Christoph Spinner vom Münchner Klinikum Rechts der Isar. Am 06.07.2021 geht es um Strafen für Impfschwänzer, neue Proteinimpfstoffe und die Frage, wie die Immunantwort nach einer Impfung funktioniert.

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Coronavirus: So gut schützen Impfungen gegen die Delta-Variante

Die Delta-Variante hat sich in Deutschland rasant ausgebreitet. Sie ist ansteckender und erhöht so das Risiko einer Infektion. Das ist kein Grund zur Panik, schon gar nicht für Geimpfte.

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Von
  • Jan-Claudius Hanika

Die Delta-Variante (B1.617.2) dominiert in Deutschland inzwischen das Infektionsgeschehen. Laut Robert Koch-Institut hatte sie in der 26. Kalenderwoche bereits 74 Prozent Anteil an den untersuchten positiven Proben. Innerhalb kurzer Zeit hat die Delta-Variante die bisher vorherrschende Alpha-Variante verdrängt. Diese war erst Anfang des Jahres an die Stelle des sogenannten Wildtyps des Coronavirus (D614G) getreten, der bis dahin am verbreitetsten war. Die Delta-Variante ist ansteckender als Variante Alpha und diese wiederum ansteckender als der Wildtyp. Das erhöht das Infektionsrisiko und viele fragen sich: Wie gut schützen die in Deutschland zugelassenen Impfstoffe auch gegen die Delta-Variante?

Wichtiger Unterschied: Schutz gegen Infektion und Schutz vor schwerer Erkrankung

Die Wirksamkeit der Impfstoffe wird an zwei Fähigkeiten gemessen, nämlich wie gut sie vor einer schweren Erkrankung schützen und wie gut vor einer Infektion. Für den Einzelnen ist der Schutz vor schwerer Erkrankung wesentlich. Wer geimpft ist, hat im Vergleich zu Ungeimpften ein deutlich reduziertes Risiko, schwer an Covid-19 zu erkranken oder zu sterben.

Für die Gesamtbevölkerung ist aber auch von Bedeutung, wie gut die Impfstoffe eine Infektion verhindern, denn Infizierte können das Virus weitergeben. In einer Bevölkerung, die nur teilweise durch Impfung immunisiert oder bereits infiziert war, kann sich der Krankheitserreger immer noch sehr rasch ausbreiten, wenn man ihm freien Lauf lässt. Das gilt besonders, wenn eine ansteckendere Mutante wie die Delta-Variante sich ausbreitet. In diesem Fall können sich in kurzer Zeit sehr viele Menschen infizieren und es kommt zu einer großen Zahl schwerer Fälle, selbst wenn diese nur einen sehr kleinen Anteil an allen akut Infizierten stellen.

Wirksamkeit der Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Astrazeneca gegen Delta

Die Delta-Variante breitet sich erst seit kurzer Zeit aus, daher konnten zu ihr bisher nur wenige Daten gesammelt und nur wenige Studien zur Wirksamkeit der Impfstoffe gemacht werden. Einige Forschungsergebnisse gibt es aber bereits.

Eine britische Studie bestätigt eine hohe Wirksamkeit der Impfstoffe von Biontech/Pfizer (Comirnaty) und Astrazeneca (Vaxzevria) gegen die Delta-Variante des Coronavirus. Zwei Dosen des Impfstoffs von Biontech/Pfizer oder Astrazeneca seien gegen die hochgradig übertragbare Delta-Variante des Coronavirus fast genauso wirksam wie gegen die bisher dominierende Alpha-Variante, heißt es in der am 21. Juli im New England Journal of Medicine veröffentlichten Untersuchung. Demnach verhindern zwei Impfungen mit dem Biontech/Pfizer-Vakzin zu 88 Prozent eine symptomatische Erkrankung bei einer Infektion mit der Delta-Variante. Bei der Alpha-Variante betrug die Wirksamkeit 93,7 Prozent. Die Zweifachimpfung mit Astrazeneca schützt zu 67 Prozent gegen die Delta-Variante, verglichen mit 74,5 Prozent gegen die Alpha-Variante. Bei beiden Impfstoffen war die Wirksamkeit nach nur einer Impfdosis bei der Delta-Variante deutlich geringer als bei der Alpha-Variante. Das zeigt, wie wichtig die Gabe von zwei Impfstoff-Dosen grade bei der Delta-Variante ist, besonders bei gefährdeten Bevölkerungsgruppen.

Eine Studie aus Schottland, die Mitte Juni in der Fachzeitschrift Lancet erschienen ist, kam zu folgendem Ergebnis: 14 Tage nach Gabe der zweiten Dosis schützte der Impfstoff von Biontech/Pfizer zu 92 Prozent vor einer Infektion mit der Alpha-Variante (B.1.1.7) und zu 79 Prozent vor einer Infektion mit Delta. Beim Vakzin von AstraZeneca war die Effektivität niedriger. Der Impfstoff schützte zu 73 Prozent vor einer Infektion mit Alpha und zu 60 Prozent bei Delta.

Weiterhin hoch war der Schutz vor schweren Krankheitsverläufen: Nach Gabe der zweiten Dosis schützte der Biontech/Pfizer-Impfstoff zu 96 Prozent und der Astrazeneca-Impfstoff zu 92 Prozent vor einer Krankenhauseinweisung nach einer Infektion mit der Delta-Variante. Die Zahl der Teilnehmer an der Studie war jedoch klein. Die Autoren weisen daher darauf hin, dass die Wirksamkeitswerte der Impfstoffe mit Vorsicht interpretiert werden. Auf eine geringere Wirksamkeit des Biontech/Pfizer-Impfstoffs gegen eine Infektion mit der Delta-Variante weisen auch Zahlen aus Israel hin.

Der Grund für die reduzierte Wirksamkeit der Impfstoffe ist anscheinend, dass die Delta-Variante der Antwort des menschlichen Immunsystems zumindest teilweise entkommen kann. Darauf weisen erste Studien hin, in denen Blutproben Geimpfter auf die Aktivität der darin enthaltenen Antikörper untersucht wurden. Eine am 8. Juli in der Fachzeitschrift Nature veröffentlichte Studie zeigt, dass nach einer Einzeldosis des Biontech/Pfizer- oder des AstraZeneca-Impfstoffs nur etwa 10 Prozent der Studienteilnehmer Antikörper im Blut hatten, die die Delta-Variante neutralisieren konnten.

Nach Verabreichung einer zweiten Dosis eines der beiden Impfstoffe war jedoch bei 95 Prozent der Probanden eine neutralisierende Reaktion festzustellen, die allerdings deutlich geringer als bei der Alpha-Variante ausfiel. Der Unterschied der Antikörper-Reaktionen nach der ersten und der zweiten Dosis belegt, wie wichtig die zweite Impfdosis für einen effektiven Schutz ist. Zwei weitere Studien kamen zu ähnlichen Ergebnissen bei der Impfstoff-Wirksamkeit: Sowohl beim Biontech/Pfizer-Impfstoff also auch beim Astrazeneca-Vakzin fiel die Aktivität bei der Delta-Variante schwächer aus als beim Wildtyp und der Alpha-Variante.

Wirksamkeit der Impfstoffe von Moderna und Johnson & Johnson gegen Delta

Auch die Wirksamkeit des Impfstoffs von Moderna wurde an Blutseren Geimpfter und den darin enthaltenen Antikörpern untersucht. Dabei zeigte sich, dass die Varianten Alpha, Beta, Gamma und Delta nicht mit der gleichen Effektivität neutralisiert wurden wie der Wildtyp. Insgesamt blieb die Impfung jedoch hoch wirkungsvoll.

Eine ähnliche, allerdings sehr kleine Studie zum Impfstoff von Johnson & Johnson ergab, dass die Antikörper gegen die Delta-Variante zwar weniger Aktivität als gegen den Wildtyp zeigen, aber mehr als gegen die Varianten Beta (B.1.351) und Gamma (P.1). Das deckt sich mit den Ergebnissen weiterer Studien zur Wirkung der anderen Impfstoffe.

Je mehr Geimpfte, desto kleiner wird die vierte Welle

Die in Deutschland zugelassenen Impfstoffe schützen auch vor schweren Covid-19-Erkrankungen, auch wenn sich die Delta-Variante weiter ausbreitet. Sie hat auch keinen unmittelbaren Einfluss auf die Impfempfehlungen der Ständigen Impfkommission (StiKo). Das gilt speziell für die Empfehlung der Kombination der Impfstoffe von Astrazeneca und einem mRNA-Impfstoff. Eine Variante des Virus unterscheidet sich nur in einer oder wenigen Mutationen von anderen Varianten des Virus. Die Impfstoffe trainieren das Immunsystem jedoch, auf das Spike-Protein des Coronavirus zu reagieren und diesen zu bekämpfen.

Wegen der Ausbreitung der Delta-Variante sollte allerdings schneller geimpft werden, damit die vierte Welle, die im Herbst höchstwahrscheinlich bevorsteht, so flach wie möglich verläuft. Das Robert Koch-Institut hält dafür eine Impfquote von 85 Prozent der 12- bis 59-Jährigen für notwendig. Damit ließen sich auch die schützen, die sich bisher noch nicht impfen lassen können, zum Beispiel Kinder im Alter unter 12 Jahren.

Wegen der Variante Delta und möglicherweise kommenden Varianten könnten jedoch früher oder später Auffrischungsimpfungen nötig sein, zumindest für Teile der Bevölkerung. Derzeit ist der wissenschaftliche Erkenntnisstand aber nicht ausreichend, um Auffrischungsimpfungen regelhaft zu empfehlen, sagte der Infektiologe Spinner ebenfalls im BR-Podcast "Corona-News" vom 6. Juli 2021.

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