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Brasilianische Corona-Mutante: Wie gefährlich ist sie? | BR24

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Bildrechte: picture alliance / CHROMORANGE | Christian Ohde

Die brasilianische Variante des Corona-Virus ist womöglich noch ansteckender als die britische Mutante. Verlaufen die Krankheiten schwerer? Wird die Impfung helfen? Interview mit Prof. Armin Ensser von der Universität Erlangen.

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Brasilianische Corona-Mutante: Wie gefährlich ist sie?

Während sich die britische Corona-Mutante B.1.1.7 rasant in Deutschland ausbreitet, bereitet schon eine neue Virusvariante Sorgen: die brasilianische Corona-Mutante P.1.

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Von
  • Franziska Konitzer

Im November 2020 ist sie wahrscheinlich in Brasilien entstanden, Ende Januar wurde sie erstmals in einer einzelnen Probe in Deutschland nachgewiesen. Obwohl das Robert-Koch-Institut in seinem aktualisierten Bericht zu Virusvarianten von SARS-CoV-2 in Deutschland (Stand 24.3.2021) derzeit noch von vereinzelten Nachweisen spricht, ist sie als "Variant of Concern" gelistet, als besorgniserregende: die brasilianische Corona-Mutante P.1. Gestern wurde bekannt, dass in Bayern insgesamt 57 Menschen mit der brasilianischen Corona-Variante infiziert sind. Was hat es mit dieser für Deutschland und Bayern neuen Corona-Variante auf sich und wie gefährlich ist sie?

Wo kommt die brasilianische Corona-Variante P.1 schon vor?

Die Mutante P.1 ist erstmals in Brasilien nachgewiesen worden, daher der Name. In einer Vorabveröffentlichung – das bedeutet, dass diese noch nicht das übliche wissenschaftliche Prüfverfahren durchlaufen hat – beschreiben Forscher die Entdeckung dieser "variant of concern". Demnach sei P.1 im frühen November 2020 entstanden und habe sich anschließend rasant in der brasilianischen Stadt Manaus, der Hauptstadt der Amazonas-Region Brasiliens, ausgebreitet. In Brasilien ist sie daher am stärksten vertreten und dominiert dort das Infektionsgeschehen.

Aber auch in anderen Ländern wurde sie bereits nachgewiesen – und zwar nicht nur in Nachbarstaaten von Brasilien. In Australien gibt es Fälle, genau wie in den USA und in Kanada. Aber auch in Europa wurde die Corona-Mutante in Proben nachgewiesen, unter anderem in Belgien, Deutschland, Schweiz, Großbritannien, Schweden, Frankreich. Zwar kann man aufgrund der Zahlen immer noch von vereinzelten Nachweisen sprechen. Aber allein die 57 Fälle in Bayern, die am 29. März gemeldet wurden, geben Anlass zur Sorge, dass sich die Corona-Variante P.1 auch bei uns ausbreitet.

Wie ansteckend ist die Corona-Mutante P.1?

Das Problem bei dieser Corona-Variante ist zunächst, dass sie wohl ansteckender ist als der Wildtyp des Coronavirus, der das Infektionsgeschehen hierzulande im letzten Jahr beherrscht hat. Die brasilianische Variante P.1 weist gegenüber dem Wildtyp des SARS-CoV-2-Virus mehrere Mutationen auf, die es dem Virus erleichtern könnten, menschliche Zellen zu befallen. Das Robert-Koch-Institut schreibt dazu: "Eine erhöhte Übertragbarkeit wird ebenfalls als denkbar erachtet." In der vorab erschienen Studie, die erstmals die Corona-Mutante P.1 beschreibt, schätzen die Forscher eine erhöhte Übertragbarkeit gegenüber dem Wildtyp um den Faktor 1,4 bis 2,2.

Anscheinend ist P.1 also ansteckender als der Wildtyp. Allerdings ist bislang nicht genau bekannt, wie viel ansteckender diese Variante nun wirklich ist oder wie genau sie im Vergleich zur britischen Variante B.1.1.7 abschneidet.

Ist P.1 tödlicher als als der Wildtyp des SARS-CoV-2-Virus?

In der vorab veröffentlichten Studie von Nuno Faria vom Imperial College London und seinen Kollegen fanden die Forscher eine erhöhte Wahrscheinlichkeit dafür, dass eine Erkrankung an Covid-19 aufgrund der P.1 Mutante tödlich endet.

Allerdings untersuchte die Studie dies nur für die brasilianische Stadt Manaus in Brasilien, in der die Variante P.1 erstmals nachgewiesen wurde. Das Gesundheitssystem dieser Stadt war zu diesem Zeitpunkt völlig überlastet. Deshalb schreiben die Forscher: "Daher können wir nicht herausfinden, ob der geschätzte Anstieg des relativen Sterblichkeitsrisikos auf die P.1-Infektion zurückzuführen ist, auf die Belastung des Gesundheitssystems von Manaus oder auf beides.“

Was macht P.1 zur "variant of concern"?

Zunächst einmal handelt es sich bei Corona-Mutante P.1 um eine Mutante, die in ihrem Ursprungsland Brasilien den Wildtyp des Virus inzwischen weitgehend verdrängt hat und dort das Infektionsgeschehen inzwischen wohl dominiert.

Außerdem kann man sich vermutlich mit P.1 anstecken, auch wenn man zuvor schon eine Corona-Infektion mit einer anderen Coronavirus-Variante überstanden hat. Diese vergangene Infektion schützt laut der vorab erschienenen Studie von Nuno Faria und Kollegen um 25 bis 61 Prozent weniger vor einer Infektion mit P.1. als vor einer erneuten Ansteckung mit dem Wildtyp.

Tatsächlich war die brasilianische Stadt Manaus bereits von einer ersten Infektionswelle überrollt worden: Bis Oktober 2020 waren 76 Prozent der Bevölkerung mit SARS-CoV-2 infiziert gewesen. Eigentlich hätte die Stadt somit Herdenimmunität gegenüber dem Coronavirus erreicht haben sollen. Trotzdem traf sie die Infektion mit der P.1 Mutante in einer zweiten Welle mit voller Härte, das Gesundheitssystem kollabierte.

Das Robert-Koch-Institut schreibt zur P.1-Mutante, dass aufgrund seiner Mutationen eine Reduktion der Wirksamkeit neutralisierender Antikörper bei Genesenen beziehungsweise geimpften Personen angenommen wird.

Wirkt eine Impfung gegen die brasilianische Coronavirus-Variante?

Wie gut die derzeit verfügbaren Impfstoffe gegen P.1 wirken, ist derzeit etwas unklar – zumindest, was die harten Zahlen angeht. Klar ist aber: Vollkommen wirkungslos sind sie nicht.

Eine vorab veröffentlichte Studie von Wissenschaftlern der Universität Oxford bescheinigen den Impfstoffen von Biontech und Astrazeneca sogar eine bessere Wirksamkeit bei P.1, verglichen mit der Mutante B.1.351 aus Südafrika. Allerdings neutralisieren die durch die Impfstoffe produzierten Antikörper die Viren der P.1-Mutante weniger gut als die des Wildtyps des Coronavirus. Eine weitere Vorabveröffentlichung, die sich ebenfalls noch im wissenschaftlichen Prüfverfahren befindet, bescheinigt den Impfstoffen von Biontech und Moderna allerdings eine geringere Schutzwirkung.

Hedwig Roggendorf, Impfärztin am Klinikum rechts der Isar in München, betont, dass man diese Zahlen der verringerten Wirksamkeit der Impfstoffe auch gegenüber anderen Infektionskrankheiten relativieren müsse: "Mutanten haben wir jedes Jahr auch bei der Grippe-Impfung."

Es gibt auch eine Art gute Nachricht, was den Impfschutz gegenüber dem Coronavirus und seinen Mutanten betrifft: Die neuartigen mRNA-Impstoffe können deutlich leichter an Virusmutationen angepasst werden, als dies bei bisherigen Impfstoffen der Fall ist. "Man wird dann wahrscheinlich einfach die betreffende Sequenz austauschen oder ergänzen", sagt Hedwig Roggendorf: "Das macht man bei der Grippe-Impfung auch jetzt schon. Bei diesen neuen mRNA-Impfstoffen ist das ein Prozess, der viel schneller geht als bei der Grippe-Impfung. Und ich denke, dass das auch bei diesem Impfstoff so sein wird, dass der Schutz zwar nicht mehr so gut ist, aber dass schwere und schwerste Krankheitsverläufe und eben auch Todesfälle damit verhindert werden können."

Welche weiteren Mutanten gibt es?

Neben der brasilianischen Mutante listet das Robert-Koch-Institut derzeit vor allem die britische Variante B.1.1.7 als "variant of concern": Sie wird derzeit in Deutschland in 3 von 4 untersuchten Proben nachgewiesen. Darüber hinaus wird auch die südafrikanische Variante B.1.351 gelistet.

Welche Mutanten aber vor allem Sorgen bereiten, sind diejenigen, die es vielleicht noch gar nicht gibt, aber geben könnte. Denn das Coronavirus mutiert ständig und umso häufiger, je stärker es sich ausbreitet und je mehr Wirte es befällt. Wird eine Infektion nicht unter Kontrolle gehalten, vermehren sich nicht nur die Viren selbst, sondern auch seine Gelegenheiten, zu mutieren. Unter den künftigen Mutanten könnten auch welche sein, gegen die unsere derzeitigen Impfstoffe tatsächlich weitaus weniger wirksam, wenn nicht gar nutzlos sind.

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