Deutschland, Nordrhein-Westfalen, Wuppertal-Barmen, Evangelische Kirche Gemarke (Gemarker Kirche).
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Gemarker Kirche in Wuppertal-Barmen: 1934 wurde hier das zentrale Dokument des evangelischen Widerstands gegen Hitler verfasst.

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90 Jahre Barmen: Protestanten-Protest gegen Hitler

Mit sechs Thesen wehrten sich vor 90 Jahren 139 Protestanten gegen die Vereinnahmung durch die Nazis. Die "Barmer Theologische Erklärung" ist bis heute ein wichtiges Dokument der evangelischen Kirche und gilt manchen sogar als Bekenntnisschrift.

"Wir verwerfen die falsche Lehre" – auf diese deutlichen Worte konzentriert sich eins der wichtigsten Dokumente in der Geschichte der evangelischen Kirchen in Deutschland. Am 31. Mai 1934 unterschrieben 139 Theologen und Pfarrer verschiedenster evangelischer Kirchen – reformierte, unierte und lutherische Christen – bei einer Synode im rheinländischen Barmen, das seit 1929/30 zu Wuppertal gehört, die sogenannte "Barmer Theologische Erklärung".

Sie ist Zeugnis der evangelischen Abgrenzung von der Ideologie der Nationalsozialisten und wurde zum theologischen Grundstein der "Bekennenden Kirche", also desjenigen Teils des deutschen Protestantismus, der sich nicht von den Nazis gleichschalten ließ.

Sie sei so etwas wie "die Magna Carta der Bekennenden Kirche", sagt der evangelische Kirchenhistoriker Christopher Spehr von der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Und bis heute sei sie außerdem für alle Kirchen eine wichtige Mahnung: "Die Barmer Theologische Erklärung" will ermutigen, immer wieder neu auf die Heilige Schrift zu hören, die Verkündigung der Kirche, das Handeln des Staates und die gesellschaftlichen Entwicklungen daran kritisch zu prüfen.

Christus und Bibel statt Führerprinzip und NS-Ideologie

"Der Staat Adolf Hitlers ruft nach der Kirche, die Kirche hat den Ruf zu hören", so hatten die Hitler-treuen Deutschen Christen 1933 bei ihrer ersten Reichstagung erklärt. Doch während der gleichgeschaltete Teil der Protestanten die Agenda der Nationalsozialisten als Auftrag an die Kirche interpretierte, opponierten die Teilnehmer der Barmer Bekenntnissynode gegen das nationalsozialistische Führerprinzip in der Kirche und den Versuch der Nazis, jüdische Einflüsse aus der Bibel zu streichen.

In sechs theologischen Thesen formulierten die evangelischen Christen, inwiefern die nationalsozialistische Weltsicht unvereinbar mit ihrem Glauben sei. Die Theologen Karl Barth, Hans Asmussen und Thomas Breit übernahmen die Federführung. Gegen die NS-Ideologie der Deutschen Christen setzten sie die alleinige Verpflichtung auf Jesus Christus und das Evangelium:

"Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen."

"Diese Aussagen hatten im totalitären NS-Regime Sprengkraft", sagt der Münchner Kirchenhistoriker Christopher Spehr. Habe man doch damit eine religiöse Deutung zurückgewiesen, etwa der nationalsozialistischen Machtergreifung, der NS-Ideologie von Blut und Boden oder der Führergestalt Hitlers, wie sie die Deutschen Christen betrieben.

Nach 90 Jahren: Barmer Erklärung als Bekenntnisschrift?

Auch heute, 90 Jahre nach ihrer Unterzeichnung, hat die Barmer Theologische Erklärung bleibende Aktualität für evangelische Christen in Deutschland. In manchen evangelischen Kirchen hat der Text sogar den Status eines religiösen Bekenntnisses und ist damit ebenso wichtig wie etwa das Apostolische Glaubensbekenntnis. In der bayerischen Landeskirche wird die Barmer Theologische Erklärung seit einer entsprechenden Ergänzung 2017 explizit in der Kirchenverfassung erwähnt.

"Einig sind sich alle Gliedkirchen der EKD, dass die Barmer Theologische Erklärung ein wegweisendes Lehr- und Glaubenszeugnis ist, auf das zahlreiche Grundordnungen und Verfassungen der Landeskirchen Bezug nehmen", so Kirchenhistoriker Spehr. Umstritten ist heute wie damals ihr Status als Bekenntnisschrift.

Denn da die Verfasser aus unterschiedlichen Kirchen der Reformation stammten, konnten sie sich 1934 nur auf eine gemeinsame "Erklärung" einigen, nicht aber auf ein gemeinsames "Bekenntnis", dafür waren ihre theologischen Positionen zu verschieden. "Während die reformierten und unierten Landeskirchen einen offeneren Bekenntnisbegriff pflegten und pflegen, tun sich einige lutherische Landeskirchen bis heute schwer, neben den altkirchlichen und reformatorischen Bekenntnisschriften auch der Barmer Theologischen Erklärung den Status eines Bekenntnisses zuzusprechen", erklärt Christopher Spehr.

Kein Zeugnis des politischen, aber des religiösen Widerstands

Die Barmer Theologische Erklärung ist kein Dokument des politischen Widerstands. Viele evangelische Christen waren eher deutschnational eingestellt, etliche waren NSDAP-Mitglieder. "Die Barmer Theologie Erklärung war in erster Linie ein theologisches Wort zur kirchlichen Lage und kein politisches Manifest", erklärt der Münchner Kirchenhistoriker Christopher Spehr. Sie sollte den Glauben "aktualisierend bezeugen". "In ihrer Deutlichkeit waren diese Formulierungen gleichwohl politisch brisant."

Mit Material von epd

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