Demonstranten mit Transparenten von Feministinnen, Abtreibungsbefürwortern und Anti-Russland-gegen-Ukraine-Kriegsfahnen in Gdansk, Polen.
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Demonstranten mit Transparenten von Feministinnen, Abtreibungsbefürwortern und Anti-Russland-Fahnen in Gdansk, Polen.

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Gräueltaten in der Ukraine befeuern Abtreibungsdebatte in Polen

Millionen Menschen sind seit Kriegsbeginn nach Polen geflohen. Doch Frauen, die von russischen Soldaten vergewaltigt wurden, können kaum auf Hilfe hoffen. Der Grund: das strikte polnische Abtreibungsgesetz.

Seit Kriegsbeginn in der Ukraine haben freiwillige Helfer den Warschauer Hauptbahnhof übernommen. Sie haben Zelte aufgestellt, Essen, Hygieneartikel und Informationen verteilt. Und sie haben auch immer wieder einen Wagen mit einem großem Plakat bemerkt. Darauf zu sehen: Ein zerfetzter Fötus in einer Blutlache liegend.

Der Wagen gehört zu einer Kampagne von Abtreibungsgegner der Pro-Life-Stiftung. Sie sind den Helfern mehrmals in der Umgebung rund um den Hauptbahnhof aufgefallen. Mit Flugblättern auf Ukrainisch wollten die Abtreibungsgegner ankommende Flüchtlinge davor "schützen, ihre Kinder zu töten", wie es auf der Website der Aktivisten heißt. Dabei ist die Gefahr, in Polen ein Kind abzutreiben, äußerst gering.

Abtreibungen sind in Polen nur in Ausnahmefällen legal

Das polnische Abtreibungsrecht ist stark beschnitten. Schwangerschaftsabbrüche sind nur noch in Ausnahmefällen legal. Dann wenn das Leben der Mutter gefährdet ist oder wenn die Schwangerschaft Resultat eines Verbrechens ist. Das Verbrechen müssen betroffene Frauen aber zunächst nachweisen, was in vielen Fällen sehr schwer ist, berichten Aktivistinnen.

Dutzende Berichte über Vergewaltigungen russischer Soldaten in der Ukraine, befeuern die Debatte über Abtreibungen in Polen nun erneut. "Diese Frauen brauchen keine Moralisten und Evangelikale, sie brauchen Hilfe", sagt die Linken-Abgeordnete Anita Kucharska-Dziedzic. "Diese Frauen sollten von Menschen empfangen werden, die ihnen helfen und keine Flugblätter geben, dass die Schwangerschaft nach Vergewaltigung ein Wunder sei."

Die Linke fordert, das bestehende Gesetz anzupassen, sodass missbrauchte Frauen in Polen schneller Hilfe erhalten können. Dem Vorschlag der Linken zufolge soll die Staatsanwaltschaft innerhalb von sieben Tagen nach Einreichung des Nachweises über ein stattgefundenes Verbrechen über den Fall entscheiden müssen.

Viele Ukrainerinnen wurden vergewaltigt, einige vermuten eine Schwangerschaft

Doch auch das würde vergewaltigen Frauen offenbar kaum helfen, wie eine Recherche der polnischen Gazeta Wyborcza nahelegt. Demnach hätten nach den Gräueltaten von Butscha Helfer in Kiew mit einer Warschauer Unterkunft für geflüchtete Frauen Kontakt aufgenommen. Auch in Warschau wollte man den Frauen helfen, doch diese wollten lieber nicht nach Polen in Sicherheit gebracht werden. Der Grund: Hunderte der Frauen seien vergewaltigt worden, Dutzende vermuteten eine Schwangerschaft. So stellt die Gazeta Wyborcza den Fall dar.

Ein Krankenhaus in Warschau gab an, den Frauen trotz der strengen Abtreibungsgesetze helfen zu wollen. Doch auf Nachfrage teilte das Warschauer Stadtamt mit, der Fall sei bereits nicht mehr aktuell. "Die Frauen sind in einem so schlechten psychischen Zustand, dass sie nicht nach Warschau reisen wollen. Sollte sich dies ändern, sind wir offen und bereit."

Auch deswegen sind Hilfsorganisationen schnell dazu übergegangen, Abtreibungstabletten an ukrainische Krankenhäuser zu liefern. Wie viele Menschen in der Ukraine Opfer sexueller Gewalt durch Soldaten geworden sind, ist derzeit nicht bekannt. Die ukrainische Psychotherapeutin Oleksandra Kwitko sagt dem finnischen Fernsehen: "Frauen, Kinder, Männer und Alte wenden sich an mich. Derzeit behandele ich 94 Opfer sexueller Gewalt."

Und die Frauenrechtsaktivistin Kinga Jelinska von der Initiative "Aborcyjny Dream Team" berichtet: "Die Frauen, die aus der Ukraine nach Polen kommen, wundern sich. Oft wissen sie nicht, welche Situation in Polen herrscht. Sie denken, dass ihnen in Krankenhäusern oder beim Arzt geholfen wird."

Bis zu acht Jahre Haft für helfende Ärzte

Doch weil die Strafen für Abtreibungen so drastisch sind, haben mittlerweile auch viele Ärzte Angst, Frauen dabei zu helfen, ihre Schwangerschaften zu beenden. Manchmal führt das sogar zum Tod der Frauen – so der Verdacht.

Izabela aus Pszczyna starb im Krankenhaus nach Komplikationen bei der Schwangerschaft. Ihr Fall ist wohl der bekannteste und wird immer wieder von Frauenrechtlerinnen herangezogen. Demnach warteten die Ärzte auf den Tod des kaum lebensfähigen Ungeborenen, statt eine Abtreibung durchzuführen. Izabela starb am Ende an einer Blutvergiftung.

Für nach polnischem Recht illegale Schwangerschaftsabbrüche drohen den Ärzten bis zu acht Jahre Haft. Nach dem Fall Izabella erließen polnische Behörden genauere Handlungsanweisungen für Ärzte. Doch Angst und Misstrauen prägen das Land. Fraueninitiativen führen daher Listen mit vertrauenswürdigen Ärzten.

"Bei uns melden sich immer wieder Ukrainerinnen, die geflohen sind und ihre Schwangerschaft abbrechen wollen", sagt Kinga Jelinska. Seit März erhält das Team immer mehr Anfragen von Ukrainerinnen.

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"Außer sexueller Gewalt gibt es weitere Faktoren, die die Entscheidung, eine Schwangerschaft fortzusetzen, beeinflussen. Zum Beispiels die stressige Fluchtsituation oder dass die Männer noch in der Ukraine sind", sagt Jelinska.

Zugang zu Verhütungsmitteln so schlecht wie nirgendwo sonst in Europa

Ihre Initiative unterstützt Frauen in Polen seit Jahren dabei, ihre Schwangerschaften zu beenden. Eine Arbeit, die die Aktivistinnen selbst in Gefahr bringt, wie der Fall Justyna Wydrzyńska zeigt. Ihr drohen aktuell bis zu drei Jahren Gefängnis in Polen. Der Vorwurf: Beihilfe zur Abtreibung. Wydrzyńska soll einer Frau Zugang zu Abtreibungsmedikamenten verschafft.

Gefängnisstrafen und verängstige Ärzte verunsichern auch viele polnische Frauen. Eine Schwangerschaft empfinden viele bereits als Risiko. Denn sollte es zu ernsthaften Komplikationen kommen, können sie kaum auf Unterstützung hoffen. In der Folge sank die Geburtenrate auf das tiefste Niveau seit dem 2. Weltkrieg – und das, obwohl der Zugang zu Verhütungsmitteln so schlecht ist, wie in keinem anderen europäischen Land.

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