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Ein Transparent macht auf die negativen Auswirkungen des Lockdowns aufmerksam.

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    Fehlende Fakten? Von Lockdown-Kritik und Virus-Varianten

    Ein Twitter-Nutzer macht auf vermeintliche Falschbehauptungen in einem Interview mit dem Wirtschaftsethiker Christoph Lütge aufmerksam - einige dieser Aussagen kursieren auch so im Netz. Doch sind seine Behauptungen wirklich falsch? Ein #Faktenfuchs.

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    Von
    • Jana Heigl

    Während Politiker in Deutschland über eine Lockerung der Corona-Maßnahmen im März nachdenken, bleibt die Kritik am Lockdown weiterhin laut: Die Kollateralschäden seien zu groß, der Lockdown sei nicht mehr vertretbar, sagen prominente Kritiker, unter anderem Christoph Lütge, Wirtschaftsethiker von der TU München. Auf Twitter schließen sich viele Menschen der Kritik an, nicht immer unter Berücksichtigung der Fakten.

    • Alle aktuellen Faktenfuchs-Artikel finden Sie hier.

    Ein User auf Twitter machte auf ein Interview Lütges mit der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) und darin enthaltene vermeintliche Falschbehauptungen aufmerksam. Der User stellt dabei einen Zusammenhang zur Entlassung Lütges aus dem Bayerischen Ethikrat her. Doch das Interview und die darin enthaltenen Aussagen haben nicht unmittelbar mit dieser Entlassung zu tun. Der #Faktenfuchs betrachtet die Aussagen Lütges zu den Corona-Maßnahmen und zu den Virus-Varianten, weil diese so oder so ähnlich auch in den sozialen Netzwerken kursieren. Auf Nachfrage hat Christoph Lütge seine Aussagen präzisiert und neue Aspekte eingebracht. Auf diese neuen Aspekte geht der #Faktenfuchs nicht weiter ein, sondern beschäftigt sich mit den Aussagen in der NZZ und Lütges Ergänzungen dazu.

    Hat die WHO gesagt, der Lockdown richte mehr Schaden an als Nutzen zu stiften?

    Im Netz kommt diese Behauptung in der Diskussion um die Lockdown-Maßnahmen immer wieder. Die für Desinformation bekannte österreichische Seite “Wochenblick.at” veröffentlichte einen Artikel mit dem Titel “Corona-Politik: UN und WHO warnten vor tödlichen Lockdown-Folgen”. Ein User auf Twitter schreibt: “Selbst die WHO ist gegen Lockdowns.” Ein anderer twittert: “Die WHO sagt, Lockdowns bringen nichts und schaden mehr als sie nützen.” Ähnlich argumentiert auch Lütge im Interview mit der NZZ. Er sagt: “Zahlreiche Stellungnahmen, unlängst sogar von der Weltgesundheitsorganisation, zeigen, dass Lockdowns mehr Schaden anrichten als Nutzen zu stiften.”

    Lütge steht mit seiner Kritik am Lockdown grundsätzlich nicht alleine da. Auch der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV), Andreas Gassen, warnte im Oktober vor bleibenden Schäden für Gesellschaft, Kultur und Wirtschaft, und sagte: “Eine pauschale Lockdown-Regelung ist weder zielführend noch umsetzbar”.

    Was ist dran an Lütges Aussage? Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat das so nie gesagt, wie auch schon ein Faktencheck von PolitiFact zeigte. Die Stellungnahme, die Lütge zitiert, gibt es nach Recherchen des #Faktenfuchs nicht. Richtig ist, dass die WHO wiederholt auf die negativen Auswirkungen des Lockdowns, zum Beispiel auf die ärmere Bevölkerung, aufmerksam machte. Die WHO betont auch, dass nationale Lockdowns immer nur kurzfristige Maßnahmen sein sollten. Eine Sprecherin der WHO Europa antwortete dem #Faktenfuchs auf eine Mailanfrage, Regierungen sollten Lockdowns nur einsetzen, um sich dadurch mehr Zeit zu verschaffen, um Kapazitäten für Tests, die Kontaktnachverfolgung oder die gesundheitliche Versorgung aufzubauen. “Die WHO empfiehlt nationale Lockdowns nicht als die Standard-Kontrollmaßnahme.”

    Statt die von ihm zitierte WHO-Stellungnahme einzuordnen, verweist Christoph Lütge in seiner Antwort auf die #Faktenfuchs-Nachfrage auf andere Publikationen, unter anderem zu den negativen Folgen von Lockdown-Maßnahmen, die vom “American Institute für Economic Research” (AIER) gesammelt wurden. Das AIER ist eine Denkfabrik. Wie der ARD-Faktenfinder bereits berichtete, gilt das AIER als “Think Tank, der massive Kritik an den Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie äußert und den Klimawandel in Zweifel zieht.”

    Kritik am AIER

    Am AIER wurde zum Beispiel auch die Great Barrington Declaration unterschrieben. Darin fordern Wissenschaftler, die Corona-Maßnahmen sofort zu beenden, weil sie verheerende Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit hätten. Zahlreiche andere Wissenschaftler warnten vor diesem Vorschlag und bezeichneten ihn als “unethisch”.

    Martin McKee, Professor für öffentliche Gesundheit an der London School of Hygiene and Tropical Medicine, sieht die von Lütge als Quelle genutzte Zusammenstellung des AIER zu den negativen Auswirkungen des Lockdowns kritisch. “Die Auswahl ist sehr selektiv”, sagt McKee dem #Faktenfuchs. Es gebe eine große Zahl an Beweisen, die zu komplett anderen Schlussfolgerungen führen, die das AIER nicht zitiere. Außerdem verlasse man sich bei der Zusammenstellung stark auf sogenannte “Pre-Prints”, also Forschungsergebnisse, die noch keinem Peer-Review unterzogen wurden, also keiner Begutachtung durch andere Wissenschaftler. “Pre-Prints haben den Vorteil, die Informationen in einer sich ständig verändernden Situation schnell an die Öffentlichkeit zu bringen”, sagt McKee. “Allerdings würde man erwarten, dass diese Artikel in der Peer-Review-Version innerhalb von Wochen oder höchstens Monaten veröffentlicht werden.” Das sei bei einigen der von AIER zitierten Pre-Prints nicht der Fall, obwohl sie teilweise von April, Mai oder Juni 2020 stammten. Entsprechend beschäftigten sich einige der Studien auch mit dem ersten Lockdown, die Daten seien also schon älter.

    In der Sammlung findet sich unter anderem auch ein Pre-Print, der die Notwendigkeit des Lockdowns in Deutschland in Frage stellt. Einer der Autoren: Christof Kuhbandner. Der Psychologe ist bereits in der Vergangenheit mit Kritik am Lockdown aufgefallen, die aber laut MDR viele falsche Schlüsse ziehe und die Gefahren durch das Coronavirus unterschätze. Eine weitere Studie, die Lütge anführt, ist die Lockdown-Studie des Stanford-Statistikers John Ioannidis, die der #Faktenfuchs hier überprüft hat und die nach Ansicht verschiedener Wissenschaftler deutliche Mängel aufweist.

    Blieben die schwedischen Todeszahlen während der zweiten Corona-Welle “sehr niedrig”?

    Nicht nur in der Diskussion im Internet über den Lockdown geht der Blick immer wieder nach Schweden: Das Land dient als Beispiel dafür, wie man auf die Corona-Pandemie ohne Lockdown reagieren kann.

    Auch Lütge sprach mit der NZZ über den schwedischen Weg in der Pandemie. Lütge sagte: “Seit letztem Sommer hat Schweden sehr niedrige Todeszahlen, auch in der derzeitigen Welle - und das ohne all die Aufregung und die Kollateralschäden, die Corona-Maßnahmen in anderen Ländern mit sich bringen.”

    Was mit “sehr niedrig” gemeint ist, ist Auslegungssache. In der schwedischen Corona-Todeszahlen-Statistik zeichnet sich die aktuelle Corona-Welle jedoch deutlich ab.

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    Bildrechte: BR/ Our World in Data, Johns Hopkins University

    In der schwedischen Statistik zu Corona-Toten zeichnet sich die zweite Welle deutlich ab.

    Ob die Zahl der Covid-19-Toten nun hoch oder “sehr niedrig” ist, wie Lütge im Interview mit der NZZ sagt, kommt darauf an, mit welchen Ländern man Schweden vergleicht. Setzt man die Zahlen ins Verhältnis mit der Bevölkerungsgröße, sind die schwedischen Zahlen deutlich höher, als die in anderen skandinavischen Ländern.

    Auf Nachfrage des #Faktenfuchs präzisiert Lütge, dass er sich auf den europäischen Vergleich beziehe. Neben Ländern wie Portugal, Großbritannien oder Tschechien liegt Schweden mit seinen Todeszahlen in der Tat niedriger. Aber auf ganz Europa bezogen, bewegt sich die Zahl der schwedischen Corona-Toten eher im Mittelfeld. Laut Daten des European Center for Disease Control (ECDC) lag Schweden auf Platz 24 von 55 aufgeführten Ländern.

    Schweden wird häufig als Beispiel dafür herangezogen, wie die Pandemiebekämpfung vermeintlich auch ohne Lockdown und strenge Maßnahmen wie in Deutschland funktionieren könnte. Der #Faktenfuchs hat für den ersten Lockdown die Fakten zum Vergleich mit Schweden zusammengetragen. Die Corona-Toten im Frühjahr haben nach schwedischen Berichten aus dem Herbst nicht zu einer Übersterblichkeit beigetragen.

    In seiner Antwort an den #Faktenfuchs führt Lütge unter anderem auch den Vergleich zwischen den US-Bundesstaaten Kalifornien und Florida an. In Florida sind die Corona-Zahlen trotz sehr milder Maßnahmen deutlich geringer als im strikt-regulierten Kalifornien. Die niedrigeren Corona-Zahlen in Florida können laut diesem Faktencheck unter anderem auf das wärmere Wetter dort zurückgeführt werden.

    Geben sinkende Infektions- und Todeszahlen in Südafrika und Großbritannien einen Hinweis darauf, wie ansteckend Corona-Varianten sind?

    Anschließend an die Diskussion um die Lockdown-Maßnahmen, wird im Netz auch über die Ansteckungsgefahr durch die verschiedenen Varianten des Coronavirus diskutiert. Ein Nutzer schreibt auf Twitter: “Was juckt die Mutation, wenn die Zahlen sinken? Sie sinken bei uns und auch im Heimatland der “Killer Mutanten” Südafrika und England.” Ein weiterer User schreibt: “Erst der Hoax mit der England Variante, bei der überall die Zahlen sinken. Und nun auch die Südafrika Variante (...) Ist es bewusste Panikmache?”

    Im Interview mit der NZZ äußert sich auch Lütge zu den Virus-Varianten. “Ansteckender mag sie [Anm. der Red.: die Virus-Variante] sein, aber in den Herkunftsländern sinkt die Zahl der Erkrankungen und Todesfälle.” Lütge bezieht sich hier explizit auf Südafrika, wo die Infektions- und Todeszahlen mittlerweile wieder sinken und Corona-Maßnahmen gelockert werden.

    Insgesamt gibt es drei Varianten des Coronavirus, die sich aktuell stark verbreiten: die britische, die südafrikanische und die brasilianische. Die sogenannte britische Variante hat sich bisher am stärksten ausgebreitet, deswegen ist sie am besten erforscht. Welche Aussagekraft haben also sinkende Infektionszahlen auf die Infektiosität der Virus-Varianten?

    In Südafrika könnten 90 Prozent der Corona-Infektionen auf die südafrikanische Variante des Virus zurückgeführt werden, sagt Dr. Richard Lessells, Experte für Infektionskrankheiten an der KwaZulu-Natal Research and Innovation Sequencing Platform (KRISP) in Südafrika dem #Faktenfuchs. Die Virus-Variante scheint laut Lessells leichter übertragbar zu sein. Das liege vermutlich an einer Mutation des Spike-Proteins des Coronavirus, das dafür da ist, an der menschlichen Zelle anzudocken. Hinweise darauf, dass die Corona-Varianten eine schwereren Verlauf von Covid-19 auslösen, gibt es laut Lessells nicht.

    Warum in Südafrika und Großbritannien die Infektionszahlen sinken

    Allein von der Zahl der Infektionen in Südafrika kann man laut Lessels jedoch nicht auf die Ansteckungsgefahr der Virus-Variante dort schließen. Es stimme zwar, dass die Infektions- und Todeszahlen in Südafrika in den letzten Wochen drastisch sinken, Richard Lessells sieht den Grund dafür aber unter anderem im natürlichen wellenartigen Verlauf einer Epidemie. “Viele Menschen haben sich in der zweiten Welle mit der Variante des Virus angesteckt. Sobald viele Menschen infiziert sind, verlangsamt sich die Ausbreitung des Virus, weil es weniger Menschen gibt, die sich noch anstecken können”, sagte Lessells dem #Faktenfuchs.

    Ein weiterer Grund für die steil abfallenden Infizierten-Zahlen sei neben den mittlerweile gelockerten Maßnahmen der Regierung auch das veränderte Verhalten der Bevölkerung. Diese habe das Risiko und die Konsequenzen verstanden, weil die meisten Menschen Corona-Fälle in der Familie, im Freundeskreis oder unter Kollegen gehabt hätten.

    Lessells merkt außerdem an: Die gemeldeten Corona-Infektionen in der Statistik spiegelten nur einen Bruchteil der Fälle wieder, die es in Südafrika gebe. Weil dort nicht so viel getestet werde, schätzt er, dass es tatsächlich zehn Mal mehr Corona-Infizierte gebe.

    In Großbritannien sinken die Zahlen zwar auch, doch das hat laut dem Virologen Adam Grundhoff vom Heinrich-Pette-Institut nichts mit der Infektiosität der Virus-Variante zu tun: “Die verfügbaren wissenschaftlichen Daten weisen übereinstimmend darauf hin, dass die britische Variante tatsächlich infektiöser ist. Der Grund für die sinkenden Zahlen in Großbritannien ist dagegen der sehr harte Lockdown”, sagt Grundhoff dem #Faktenfuchs.

    Lütge sagte auf Nachfrage, er sehe die Beweislast für eine mögliche höhere Ansteckungsgefahr der Virus-Varianten bei denjenigen, die behaupten, sie wäre höher.

    Fazit

    Lütges Verweis auf eine “Stellungnahmen, unter anderem der Weltgesundheitsorganisation” ist teilweise falsch. Die Stellungnahme der WHO gibt es nicht. Die von Lütge auf Nachfrage zitierten Publikationen sind überwiegend ungeprüfte Pre-Prints und weisen verschiedene Kritikpunkte auf.

    Seine Behauptung, die Todeszahlen in Schweden wären “seit Sommer sehr niedrig” ist missverständlich, da es darauf ankommt, mit welchen Ländern man Schweden vergleicht. Innerhalb Skandinaviens sind die schwedischen Todeszahlen relativ hoch, innerhalb Europas eher im Mittelfeld.

    Lütges Schlussfolgerung zur Infektiosität der Virus-Varianten ist nach Einschätzung von Experten falsch. Anhand der sinkenden Infektionszahlen in Südafrika und Großbritannien kann man nicht auf die Ansteckungsgefahr durch die Coronavirus-Varianten schließen, wie Lütge mit seiner Aussage impliziert - dafür sind andere Faktoren verantwortlich.

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