Eine Frau in Schutzkleidung läuft eine Straße in Beijing am 26. Dezember 2022 entlang.
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Eine Frau in Schutzkleidung läuft eine Straße in Beijing am 26. Dezember 2022 entlang.

    Keine Belege für Leichenverbrennungen auf Chinas Straßen

    In westlichen Medien verbreiten sich Bilder, die belegen sollen: In China könnten Covid-Tote in den Krematorien nicht mehr verbrannt werden. Doch dafür gibt es bisher keine Beweise. Ein #Faktenfuchs.

    Darum geht’s:

    • In China sterben derzeit viele Menschen an Covid-19. Krematorien arbeiten auf Hochtouren und sind teils überlastet.
    • In einigen westlichen Medien verbreitet sich die unbelegte Behauptung, dass Menschen in China ihre verstorbenen Angehörigen auf der Straße verbrennen müssten.
    • Die angeblichen Beweisbilder zeigen jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach andere Feuer.

    Während sich in China derzeit sehr viele Menschen mit Sars-CoV-2 anstecken und an Covid-19 sterben, kursieren im Westen auch Falschinformationen über die Lage im Land. Einige westliche Boulevardmedien veröffentlichten in den ersten Januartagen die Schlagzeile: In China seien Menschen gezwungen, ihre toten Angehörigen auf der Straße zu verbrennen, weil die Krematorien zu voll seien. Artikel mit dieser Behauptung erschienen zum Beispiel in den USA bei Fox News und der New York Post, in Großbritannien bei der Daily Mail - und auch in Deutschland bei RTL.de und der Bild.

    Die vermeintlichen Quellen für die sehr ähnlich lautenden Schlagzeilen in englischsprachigen und deutschen Medien waren stets dieselben Videos. Doch für die Behauptung gibt es keine Belege und die häufig verbreiteten Bilder von Feuern auf offener Straße zeigen aller Wahrscheinlichkeit nach andere Dinge.

    Bilder zeigen vermutlich Verbrennung von Grabbeigaben aus Papier

    Bebildert wurden die Artikel besonders häufig mit Standbildern aus zwei Videos, die in den Sozialen Medien zirkulieren. Diese wurden von den entsprechenden Medien offenbar zunächst nicht verifiziert.

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    Bilder und Videos sollen zeigen, wie Menschen in China ihre toten Angehörigen auf der Straße verbrennen - Belege gibt es dafür nicht.

    Ein Video - und das Standbild daraus - zeigt eine Szene in einem städtisch wirkenden Wohngebiet. Zwischen Mehrfamilienhäusern mit mindestens 13 bis 17 Stockwerken hat sich auf einem Parkplatz eine Gruppe von knapp 20 Menschen versammelt. In ihrer Mitte brennt ein größeres Feuer. Drei Menschen werfen leicht wirkende, aber unhandliche bunte Scheiben in das Feuer. Ein Sarg oder eine Leiche ist nicht zu erkennen. In Deutschland verwendeten verschiedene Medien, unter anderem die Bild-Zeitung und RTL.de, dieses Video zur Bebilderung ihrer Schlagzeilen.

    Unter dem Twitter-Post mit dem Video blendet die Plattform inzwischen einen Hinweis ein: Das Video belege nicht, dass menschliche Überreste verbrannt werden.

    Bislang keine Berichte über Leichenverbrennungen im öffentlichen Raum

    Berichten aus China zufolge arbeiten die dortigen Krematorien derzeit auf Hochtouren, um die Toten der aktuellen Covid-Welle zu bewältigen. Das bestätigen die Recherchen des ARD-Hörfunkstudios in Peking und vieler anderer Medien. Meldungen seriöser Nachrichtenagenturen zu eigenhändig organisierten Verbrennungen im öffentlichen Raum in China gibt es bislang nicht.

    Der #Faktenfuchs hat daher das ARD-Studio in Peking gefragt, wie plausibel die Behauptungen sind. "Nach unserer Einschätzung wäre es in China, vor allem in Städten, kaum möglich, eine Leiche im öffentlichen Raum zu verbrennen, ohne dass sofort Sicherheitskräfte auftauchen und das unterbinden würden”, sagt ARD-Radio-Korrespondent Benjamin Eyssel aus dem Studio in Peking dem #Faktenfuchs. “Alles ist streng reglementiert, es gibt überall Überwachungskameras und Wachleute, die die Polizei rufen würden.” Es gebe bislang keine Berichte von eigenhändig verbrannten Leichen, auch nicht aus ländlichen Gebieten, sagt Eyssel. Auch Eva Lamby-Schmitt aus dem ARD-Studio in Shanghai sind keine Berichte von Leichenverbrennungen auf offener Straße bekannt.

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    Bilder und Videos sollen zeigen, wie Menschen in China ihre toten Angehörigen auf der Straße verbrennen - Belege gibt es dafür nicht.

    Es wird jedoch auch ein zweites Video von Boulevard-Medien als vermeintlicher Beleg genutzt, dass solche Verbrennungen stattgefunden haben soll - etwa bei Sky News in Großbritannien oder auch zunächst im Bild-Artikel.

    Dieses Video zeigt ein ländlich wirkendes Szenario: eine Straße zwischen zwei Äckern, im Hintergrund ein bewaldeter Hügel, im Vordergrund steht ein längliches Gebilde aus Holz und anderem Material in Flammen. Eine Twitter-Userin hatte dieses Video genutzt, um zu suggerieren, dass Menschen in einer ländlichen Gegend Chinas einen an Covid-19 verstorbenen Angehörigen in einem Sarg am Straßenrand angezündet hätten.

    Allerdings liegen über dem Video chinesische Schriftzeichen und es ist auch eine Person zu hören, die im Hintergrund spricht. Der #Faktenfuchs hat den Sinologen Dennis Schilling der Ludwig-Maximilians-Universität München um eine Übersetzung gebeten. Die Schriftzeichen bedeuten laut Schilling, der seit 2016 in Beijing lebt und auch auf Chinesisch lehrt und veröffentlicht, so viel wie: “Man könnte [dieses Feuer] nutzen, hundert Kilo Kartoffeln zu rösten.” Auch die Stimme im Hintergrund spricht von Kartoffeln, das bestätigte das ARD-Studio in Peking dem #Faktenfuchs im Gespräch. Was das Video genau zeigt, bleibt unklar - Hinweise darauf, dass ein Verstorbener dort verbrannt wird, gibt es aber nicht.

    "Leichen sind auf den Bildern und Videos, die wir bislang sichten konnten, nicht zu erkennen”, sagte ARD-Korrespondent Eyssel. “Es gibt also bislang keinerlei Belege dafür, dass in China Menschen ihre toten Angehörigen selbst auf der Straße verbrennen. Aber es ist auch nicht vollkommen auszuschließen, dass es irgendwo vereinzelt dazu kommt."

    Verbrennen von Gegenständen gehört in Teilen Chinas zu Trauerkultur

    Was es hingegen Eyssel zufolge in einigen Landesteilen Chinas gibt, ist “die Tradition, das Hab und Gut von Toten zu verbrennen - viel häufiger aber Papierprodukte, die zum Beispiel das Hab und Gut symbolisieren sollen oder Luxusgegenstände aus Papier beziehungsweise schlicht Papiergeld”. Das solle den Verstorbenen etwas mitgeben ins Reich der Toten.

    Diese Beschreibung passt zum erstgenannten Video. Die dort ins Feuer geworfenen Gegenstände wirken leicht und gehen schnell in Flammen auf - wie eben Papier. Auf diese Tradition wird auch in dem Hinweis von Twitter unter dem Post verwiesen.

    Bildzeitung entfernte Artikel-Foto und -Video und änderte Schlagzeile

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    Auch deutsche Medien griffen die unbelegten Behauptungen über Toten-Verbrennungen auf Chinas Straßen auf.

    Auf eine Anfrage des #Faktenfuchs antwortete ein RTL-Sprecher, in Abstimmung mit dem Verifizierungsteam habe RTL.de die Videos und deren Quellen als glaubwürdig eingestuft. Man habe sich zur Veröffentlichung entschieden, weil die Bilder die "ernste Corona-Lage in ihrer ganzen Dramatik darstellen" würden. Welche konkreten Belege auf Herkunft und Inhalt schließen lassen sollen und dem Verifizierungsteam von RTL vorliegen, teilte der Sprecher dem #Faktenfuchs nicht mit.

    Die Bild-Zeitung entfernte das Artikel-Foto und das Video nach kurzer Zeit wieder und änderte den Titel. Laut dem Pressesprecher der Bild war das Video im Artikel 15 Minuten lang auf der Homepage, die ursprüngliche Version des Artikels sei knapp eine Stunde online gewesen. "Die Quelle der ursprünglichen Berichterstattung waren mehrere US-amerikanische und britische Nachrichtenseiten. Unser Faktencheck ergab nach kurzer Zeit, dass es sich bei dem Video, das weltweit auf zahlreichen Nachrichtenseiten mit falschen Angaben verbreitet wurde, nicht um eine Leichenverbrennung handelt. Daher wurden Artikel und Video umgehend verändert", schrieb der Bild-Pressesprecher.

    In China kursiert eine unverifizierte Chat-Nachricht mit Drohung

    Für die Behauptung, in China würden Covid-Opfer auf der Straße verbrannt, fehlen also bislang jegliche Belege. In einem Artikel der Nachrichtenseite Bloomberg steckt allerdings ein Hinweis darauf, wie sich das Gerücht entwickelt haben könnte. Dabei geht es um eine - wie Bloomberg selbst anmerkt - nicht-verifizierte Nachricht aus dem chinesischen Chat-Dienst WeChat. Darin droht ein Mann, seinen an Corona verstorbenen Vater auf der Straße zu verbrennen, da er keinen Platz in einem Krematorium finde. ARD-China-Korrespondent Eyssel sagte dazu im Gespräch mit dem #Faktenfuchs: "Auch wir können diese Nachricht nicht endgültig verifizieren, aber laut Berichten hat der Mann nach seiner Drohung relativ schnell einen Platz in einem Krematorium bekommen."

    Fazit

    In den sozialen Medien, vor allem auf Twitter, verbreitete sich Anfang Januar die Behauptung, dass in China an Covid-19 Verstorbene im öffentlichen Raum verbrannt würden, da die Krematorien überlastet seien. Bilder und Videos von Feuern auf Straßen sollen dies angeblich belegen. Auch deutsche Medien griffen die Behauptung auf und verbreiteten die Bilder weiter.

    Doch bislang gibt es keine Belege oder unabhängige Berichte über Leichenverbrennungen auf offener Straße. Die Bilder zeigen aller Wahrscheinlichkeit nach eher Feuer, wie sie in China traditionell anlässlich von Bestattungen oder bestimmten Feiertagen entzündet werden - darin werden häufig symbolische Gegenstände aus Papier verbrannt. Während derzeit in China tatsächlich viele Krematorien an der Belastungsgrenze arbeiten, weil viele Menschen an Covid-19 sterben, lassen sich keine Beweise dafür finden, dass Angehörige ihre toten Verwandten tatsächlich selbst verbrennen mussten.

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