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Corona-Pandemie: Desinformation im Briefkasten | BR24

© Twitter/Screenshot BR

Screenshot aus Twitter mit der Vorder- und Rückseite eines Flyers

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    Corona-Pandemie: Desinformation im Briefkasten

    Irreführende und falsche Behauptungen zur Corona-Pandemie landen jetzt zum Teil direkt im Briefkasten. Die Querdenker-Szene verbreitet verschiedene Flugblätter, unter anderem mit Behauptungen zu Todeszahlen - die nicht stimmen! Ein #Faktenfuchs.

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    Die Szene der Corona-Maßnahmen-Gegner ist vielschichtig. Bei den Demos im Sommer - von verschiedenen Veranstaltern - versammelten sich sowohl Bürger, die ihre demokratischen Rechte wahrnehmen wollten und Wissenschaft anerkennen, als auch Verschwörungsideologen oder Rechtsextreme.

    Desinformation von "Querdenken"

    Als die Gruppierung "Querdenken" im Sommer Demos organisierte, zog sie auch Akteure an, die seit Beginn der Pandemie als selbsternannte Skeptiker auftreten und vielfach Desinformation verbreiten – so zum Beispiel der umstrittene Arzt Bodo Schiffmann. Zuletzt machte er mit Behauptungen von sich reden, in Schweinfurt sei ein Mädchen wegen Maskentragens gestorben – was die Polizei überprüfte und als Falschmeldung kennzeichnete.

    Jetzt ist der umstrittene Arzt der Absender von Flugblättern, die von Gleichgesinnten in Briefkästen verteilt werden. Der Deutsche Journalistenverband warnte davor und riet zur Nutzung seriöser Medien. Der #Faktenfuchs erklärt genauer, warum die Flyer als Desinformation einzustufen sind.

    Behauptung zu Todeszahlen stimmt nicht

    Die Flugblätter drehen sich zum Beispiel um PCR-Tests, worüber der #Faktenfuchs hier genauere Informationen liefert, oder das Maskentragen – dazu gibt es diesen #Faktenfuchs.

    Auf einem Flugblatt, das Bodo Schiffmann als "verantwortlich im Sinne des Presserechts" nennt, steht die Behauptung: "Dieses Jahr starben weniger Menschen als üblich". Das stimmt so jedoch nicht. Auf Anfrage des #Faktenfuchs erklärte das Statistische Bundesamt, dass in 2020 bis zum 9. Oktober 635.071 Menschen starben – 4.904 mehr als im Durchschnitt der Vorjahre.

    Statistikdaten widerlegen "Querdenken"

    Die grafische Darstellung vom Statistischen Bundesamt auf destatis.de zeigt die wöchentlichen Sterbefallzahlen einmal im Durchschnitt von 2016 bis 2019 (dunkelblaue Linie) und den Verlauf für 2020 bis KW 37 (rote Linie).

    "Bis März 2020 war bei einer monatsweisen Betrachtung kein auffälliger Anstieg der Sterbefallzahlen im Vergleich zu den Vorjahren erkennbar", lautete die telefonische Auskunft vom Statistischen Bundesamt. "Im April lagen die Sterbefallzahlen (...) deutlich über dem Durchschnitt der Vorjahre; seit Anfang Mai bewegten sich die Sterbefallzahlen zunächst wieder etwa im Durchschnitt", heißt es im Begleittext des Bundesamtes zu seiner Sonderauswertung. Im August seien die Zahlen erhöht gewesen, was aber offenbar auf die Hitzeperiode zurückzuführen sei.

    © Statistisches Bundesamt (Destatis)

    Grafische Darstellung der Sterbefallzahlen in Deutschland

    Weniger Corona-Tote in Deutschland

    Zu bedenken ist, dass die reine Betrachtung der Todes- oder auch der Infektionszahlen nie darauf schließen lässt, wie der Verlauf ohne die ganzen Maßnahmen zur Eindämmung des Corona-Virus gewesen wäre.

    Auffallend ist jedenfalls, dass Deutschland, das relativ früh auf die Epidemie reagierte, im Vergleich zu anderen Ländern wenige Corona-Tote zu beklagen hat. Mit Stand 13. Oktober starben hierzulande 116 Menschen je eine Million Einwohner an oder mit Corona, in Spanien beispielsweise waren es 708.

    RKI: Frühes Testen rettete Vielen das Leben

    Ein möglicher Grund, warum in Deutschland die Todeszahlen vergleichsweise niedrig sind, ist laut dem Robert Koch-Institut (RKI), dass schon in einer frühen Phase der Pandemie breites Testen empfohlen wurde, um Fälle so früh wie möglich zu entdecken und die Verbreitung zu verlangsamen. "Dadurch wurden früh auch schon leichte Fälle entdeckt, die unter anderen Umständen möglicherweise übersehen worden wären", hieß es in einer Mail-Antwort an BR24 vom RKI weiter. Durch die Maßnahmen im Frühjahr habe verhindert werden können, dass das Gesundheitssystem überlastet wurde.

    Zudem wandte das RKI ein, dass fast 10.000 Tote auch nicht wenig seien und derzeit die Fallzahlen wieder anstiegen. "Der Anteil der Todesfälle ist auch davon abhängig, welche Altersgruppen betroffen sind. In den letzten Monaten erkrankten jüngere Menschen, die meist weniger schwer erkranken", erläutert das RKI. Steckten sich wieder vermehrt ältere Menschen an, träten wieder mehr schwere Fälle und Todesfälle auf.

    Verbreitung der Flugblätter in großem Stil

    Die Behauptungen von Corona-Skeptikern, die seit Beginn der Pandemie sehr stark über digitale Wege verbreitet wurden, gelangen als Flugblätter jetzt auch direkt zu den Menschen nach Hause - in ihre Briefkästen. Jetzt sollen sie in großem Stil verteilt werden – wie Schiffmann am 7. Oktober bei einer seiner Bustour-Stationen in Sinsheim sagte, was auf Youtube übertragen wurde.

    Die Gruppe der selbsternannten "Freiheitsboten" sehe sich in der Lage, "mindestens jeden vierten Briefkasten in Deutschland zu bestücken", so Schiffmann. Lagerhallen, Logistik, Verteilerzentren seien vorhanden. Auf dem genannten, von Schiffmann gezeichneten Flugblatt mit der Todeszahlen-Behauptung, findet sich unter der Überschrift "Andere Meinungen" eine lange Reihe von Kontakten und Links – darunter die umstrittenen Ärzte Wodarg und Bhakdi.

    Auf eine Mailanfrage von BR24 hat Bodo Schiffmann bisher nicht geantwortet.

    Auch andere irreführende Flugblätter mit Desinformation im Umlauf

    Flugblätter mit medizinischer Desinformation sind in vielen Teilen Deutschlands schon aufgefallen – in Berlin zum Beispiel. Das Bezirksamt Neukölln warnt derzeit vor irreführenden Informationen zur Corona-Pandemie von der Gruppierung "Ärzte für Aufklärung" – eine Gruppierung, die ebenfalls auf Schiffmann-Flyern aufgeführt ist. Auf den in Berlin aufgetauchten Zetteln werde unter anderem vor einem "Zwang zur Impfung" gewarnt, obwohl die Bundesregierung mehrfach betont hat, dass es keine Impfpflicht gegen das Corona-Virus geben soll.

    Der Präsident der Ärztekammer Berlin kündigte im Deutschen Ärzteblatt an, gegen jeden dieser Ärzte berufsrechtlich vorzugehen. Auch in Emden in Niedersachsen sind Flyer von Kritikern in Briefkästen gelandet, in denen sich - laut Aussage des dortigen Gesundheitsamtsleiters in der Emder Zeitung - zutreffende Aussagen mit Halbwahrheiten und Unwahrheiten vermischen.

    Fazit

    Kritiker der Corona-Maßnahmen verteilen derzeit in größerem Stil Flugblätter in Briefkästen. Die Flyer enthalten auch unzutreffende Behauptungen zur Corona-Pandemie.

    So sind die Todeszahlen in Deutschland in diesem Jahr nicht niedriger als im Durchschnitt der vergangenen vier Jahre. Zudem kann niemand wissen, wie die Zahlen ohne die Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus aussähen würden. Im Vergleich mit anderen Ländern hat Deutschland bislang eine niedrige Zahl an Corona-Toten.

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