BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

#Faktenfuchs: Die Thesen des Corona-Youtubers Bodo Schiffmann | BR24

© Quelle: YouTube/Screenshots, Collage: BR

Collage aus verschiedenen Screenshots von Videos des Arztes Bodo Schiffmann

2
Per Mail sharen

    #Faktenfuchs: Die Thesen des Corona-Youtubers Bodo Schiffmann

    Eine Stimme derer, die mit den Anti-Corona-Maßnahmen unzufrieden sind: der Arzt Bodo Schiffmann aus Sinsheim. Seit März veröffentlicht der Mitgründer von "Widerstand2020" regelmäßig Videos. Ein #Faktenfuchs zu seinen zentralen Behauptungen.

    2
    Per Mail sharen

    Bodo Schiffmann zählt seit Monaten zu den am häufigsten genannten Namen, wenn es um die Kritik an den Corona-Entscheidungen von Bund und Ländern geht. Der Arzt ist mit seinen täglichen YouTube-Videos zu einer viel gehörten Stimme derer geworden, die mit den Anti-Corona-Maßnahmen unzufrieden sind. Er betreibt eine HNO-Praxis in Sinsheim in Baden-Württemberg und ist auf die Behandlung von Schwindelpatienten spezialisiert. Seit März veröffentlicht er regelmäßig Videos auf Youtube, in denen er die Anti-Corona-Maßnahmen kritisiert. Und er ist Mitgründer von "Widerstand 2020".

    Die täglichen Videos von Schiffmann werden zu hunderttausenden auf YouTube abgerufen und unter anderem auf dem Telegram-Kanal der Gründer von Widerstand 2020 geteilt. Darin vermischt Bodo Schiffmann Berichte über die aktuelle Entwicklung der Fallzahlen, Thesen zur medizinischen Einordnung von Covid-19 und Kommentare zur politischen Diskussion um Corona-Maßnahmen. Er bezweifelt, dass die Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Epidemie gerechtfertigt waren, und sammelt Berichte, Statements und Untersuchungen, die diese These stützen.

    Sars-Cov-2 und Influenza-Virus

    Eine seiner Hauptthesen ist, Covid-19 sei nicht gefährlicher als eine Grippe-Erkrankung. Inwiefern diese beiden Erkrankungen vergleichbar sind, war vor allem auch in den Anfangszeiten der Pandemie immer wieder eine Diskussion unter Virologen, die wir in einem Faktenfuchs schon darstellten. Aktuell hält die Mehrheit der Virologen das Sars-Cov-2-Virus für bedrohlicher als das Influenza-Virus, auch weil das Immunsystem der Menschen auf dieses neue Virus nicht vorbereitet ist und weil es – anders als beim Influenza-Virus - noch keine Impfung dagegen gibt.

    Covid-19 als Todesursache

    Bodo Schiffmann betont in seinem täglichen Blick auf die Entwicklung der Infektions- und Todeszahlen explizit: Das seien Menschen, die mit und nicht an Covid-19 gestorben seien. Schiffmanns Tonfall suggeriert oft, die Mehrheit der Verstorbenen sei gar nicht ursächlich an Covid-19 gestorben. Dass es sich also vor allem um gebrechliche und mit erheblichen Vorerkrankungen belastete Personen handle, die eigentlich an ihrer Grunderkrankung gestorben seien. Die Formulierung "gestorben mit Covid-19" ist bezogen auf die Zählweise des Robert-Koch-Institutes richtig. Doch daraus lässt sich nicht automatisch ableiten, die Patienten wären ohne Covid-19-Erkrankung ohnehin bald verstorben.

    Die Frage, wie sehr Covid-19 das Leben der Patienten verkürzt, ist bisher ungeklärt. Klar ist: Vorerkrankungen spielen eine große Rolle. Das arbeitete für Deutschland unter anderem auch eine Untersuchung Hamburger Rechtsmediziner heraus, auf erste Berichte dazu bezog sich auch Bodo Schiffmann. Von den 100 obduzierten Verstorbenen litt die Mehrheit unter einer Vorerkrankung wie Bluthochdruck, Herzinfarkt, Lungenerkrankungen, Diabetes, schweres Übergewicht oder auch Krebs. Zur Frage, ob die Patienten durch Covid-19 deutlich früher verstarben, als es sonst – nur mit ihrer eigentlichen Vorerkrankung – der Fall gewesen wäre, macht die Untersuchung allerdings keine Aussage.

    Das aber versuchten Forscher in Schottland und ein Investigativ-Team des NDR mit Hilfe von allgemeinen Sterbedaten abzuschätzen. Die schottischen Forscher berechnen auf Basis von Daten aus Italien und Großbritannien, dass die Verstorbenen ohne Corona im Schnitt 12 bis 14 Jahre länger gelebt hätten. Deren Analysemethoden übertrug ein Journalisten- und Rechercheteam des NDR auf Deutschland und kam zu dem Schluss, dass Verstorbene hierzulande im Schnitt neun Jahre Lebenszeit verloren – auch wenn man den Einfluss von Vorerkrankungen mit einbezieht.

    In dieselbe Richtung weisen Untersuchungen aus Italien, wo Statistiker die aktuelle Sterblichkeit in der Lombardei und anderen von der Corona-Epidemie betroffenen Regionen untersuchten. Sie kamen zu dem Schluss, dass zwischen dem 21. Februar und dem 21. März, als sich das Coronavirus in Norditalien rasant verbreitete, in der Lombardei rund doppelt so viele Menschen starben wie sonst zu dieser Jahreszeit.

    Studie aus Italien: Mehr Covid-19-Tote als von Behörden gezählt

    Inzwischen gibt es auch weitere Studien zu der Todesursache Covid-19, die die These bekräftigen, dass offizielle Todeszahlen die die tatsächlichen unterschätzen. Laut einer Untersuchung von Wissenschaftlern der Universität Palermo in Jama Internal Medicine starben in Italien deutlich mehr Menschen durch Corona gestorben, als es die offiziellen Todeszahlen vermuten lassen. Und nicht etwa weniger, wie einige Kritiker harter Anti-Corona-Maßnahmen immer wieder in den Raum stellen. Die offiziellen Todeszahlen „unterschätzen den tatsächlichen Mortalitätsanstieg erheblich“, berichteten die Forscher. Über deren Ergebnisse berichteten auch zahlreiche deutschsprachige Medien, etwa das Ärzteblatt.

    Bis Ende April stellte Italien 27.682 offizielle Todesfälle durch COVID-19 fest.

    Die Forscher jedoch untersuchten die offiziellen Mortalitätsstatistiken von 1.689 Gemeinden in Italien, also rund einem Fünftel aller Kommunen des Landes, von 2015 bis 2020. Dort hatte es jeweils mehr als zehn Tote gegeben und die Mortalität war von 1. März bis 4. April 2020 um mindestens 20 Prozent gestiegen.

    Der Untersuchung zufolge wurden in diesem Zeitraum 41.329 Todesfälle gemeldet, im Vergleich zu den Vorjahren waren das mehr als doppelt so viele Tote. Denn in den Jahren 2015 bis 2019 waren in der entsprechenden Zeit durchschnittlich je 20.214 Menschen verstorben.

    Die Autoren der Studie folgern, dass den Behörden Sars-CoV-2-Tote entgangen sind, die zum Beispiel zuhause oder im Heim nicht getestet und deshalb nicht als Corona-Tote gezählt wurden. Die Wissenschaftler ziehen aber auch in Betracht, dass es auch Todesfälle durch Grunderkrankungen gegeben haben könnte, die durch das Virus verschlimmert wurden, oder Patienten in Krankenhäuser zu spät behandelt worden und die Kliniken überlastet gewesen sein könnten.

    Untersuchung in Italien: Fast 90 Prozent "gestorben an" - nicht mit

    Eine weitere Untersuchung – erstellt von der obersten italienischen Gesundheitsbehörde und des italienischen Statistikamts - kommt ergänzend zum Schluss, dass bei 89 Prozent der offiziellen Covid-19-Opfer das Virus die direkte Todesursache gewesen sei. Grundlage für die Analyse waren die Krankenakten von knapp 5000 Covid-19-Toten.

    Spekulationen um unzuverlässige Corona-Tests

    Schiffmann betont in jedem seiner Videos, er bemühe sich um Objektivität und wisse, dass er auch Fehler mache. Allerdings verbreitet er oft Aussagen, die vor allem Spekulationen nähren. Zum Beispiel zur Zuverlässigkeit der sogenannten PCR-Tests, mit denen überall auf der Welt Infektionen mit Sars-Cov-2 nachgewiesen werden. Auf seinem Kanal teilt Schiffmann ein Video, das den Präsidenten von Tansania bei einer Rede zeigt: Der Präsident vermutet laut englischer Übersetzung, jemand treibe ein "schmutziges Spiel mit den Tests". In seinem Auftrag habe die Regierung Sars-Cov-2-Abstriche bei Ziegen, Schafen, Vögeln, Papayas und Motoröl gemacht und diese bei medizinischen Laboren zur Auswertung eingereicht. Mehrere dieser Proben seien positiv auf Sars-Cov-2 getestet worden, zum Beispiel die Probe einer Papaya, einer Ziege und eines Kware-Vogels. Die Botschaft scheint klar: Den PCR-Tests könne man nicht trauen, entweder ergäben sie zufällig falsche Ergebnisse oder es seien verunreinigte Tests im Umlauf.

    Das Video aus Tansania zu positiven Papayas

    Dieses Video aus Tansania zitiert Schiffmann auch in seinen eigenen Videos immer wieder. Als Beleg für eine mögliche Unzuverlässigkeit von PCR-Tests taugt das Video allerdings nicht, denn zu den Umständen der angeblichen Tests gibt es keine Information. Die Weltgesundheitsorganisation kommentierte den Vorgang umgehend. Die Afrika-Leiterin der WHO, Matshidiso Moeti, bekräftigte: "Wir sind überzeugt, dass die Tests, die gestellt wurden und die auf dem internationalen Markt sind, (...) nicht mit dem Virus kontaminiert sind."

    Labormediziner in Deutschland verweisen auf eigene Versuche zur Zuverlässigkeit von PCR-Tests. "Der Versuch hat sich damit befasst, wie gut sind die Testsysteme für die PCR-Diagnostik in Deutschland, sind sie ausreichend empfindlich und ausreichend spezifisch. Da kann man sehen, dass die Testergebnisse für diesen Versuch außerordentlich gut sind", sagte Michael Müller von den Akkreditierten Laboren in der Medizin e.V. und bestätigte, was auch schon eine ältere Recherche der Faktenchecker von Correctiv ergab. Das Paul-Ehrlich-Institut, in Deutschland zuständig für die Zulassung von Medizinprodukten, teilt im Zusammenhang mit dem Video aus Tansania mit, dass falsch positive Ergebnisse vor allem durch Fehler und unsauberes Arbeiten im Labor entstehen.

    Schlussfolgerung aus Papier von Dr. Quak

    Auf solche Aussagen und Versuchsreihen geht Bodo Schiffmann in seinen Videos allerdings nicht ein, sondern gibt den Zweifeln an PCR-Tests mit Hilfe eines anderen Papiers Nahrung: Er zitiert eine Berechnung, die ein Arzt aus Fürstenfeldbruck bei München zum sogenannten "positiven Vorhersagewert" anstellte, Dr. Thomas Quak. Darin geht es um einen statistischen Effekt, der eintritt, wenn bei einem Massenscreening fast nur Gesunde auf aktuelle Sars-Cov-2-Infektionen getestet werden. Selbst wenn PCR-Tests nur eine sehr geringe Fehlerquote haben, dann käme bei Massenscreenings eine relevante Zahl falsch positiver Ergebnisse zustande, dann würden Gesunde fälschlicherweise als infiziert eingestuft. Darauf weist das Papier hin.

    Allerdings sind sogenannte falsch-positive Ergebnisse bei diesen Tests eher ein theoretisches Problem, sie könnten entstehen, wenn ein Mensch mit dem alten SARS-Virus infiziert ist – das aber kursiert seit 16 Jahren nicht mehr, wie Christian Drosten von der Berliner Charité in einem NDR-Podcast erläutert. Der Hinweis auf die statistischen Probleme belegt also nicht die Unzuverlässigkeit der Tests an sich.

    Fazit

    Bodo Schiffmann vermischt in seinen Videos nüchterne Informationen – wie den Stand der aktuellen Infektionszahlen – mit diffusen Andeutungen. Er formuliert medizinisch relevante Fragen wie die Frage nach verlorener Lebenszeit oder Zuverlässigkeit von Testsystemen, aber beantwortet sie nicht gemäß der verfügbaren Quellen. Damit gibt er fragwürdigen Spekulationen Raum.

    27. Juli 2020, 11.44 Uhr: Wir haben den Text ergänzt um zwei aktuelle Untersuchungen zur Todesursache Coronavirus.

    "Darüber spricht Bayern": Der neue BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!