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Gedenkmarsch in Würzburg

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Vor 80 Jahren: Erste Deportationen aus Würzburg

Vor 80 Jahren: Erste Deportationen aus Würzburg

Bei einem Gedenkmarsch durch Würzburg soll an die Menschen erinnert werden, die am 27. November 1941 deportiert worden sind. 202 Würzburgerinnen und Würzburger wurden verschleppt, nur wenige überlebten. Es folgten weitere sieben Deportationen.

Es ist der 26. November 1941, 14.00 Uhr. Die jüdischen Bürgerinnen und Bürger sollen sich in der Sammelstelle in Würzburg melden. Leibesvisitation, heißt es im Bericht der Gestapo. Außerdem werden private Gegenstände konfisziert. Tabak, Nagelschere, Kakao sind darunter, akribisch von der Gestapo notiert. Wer nicht pünktlich erscheint, wird abgeholt. Für diese erste Deportation aus Würzburg nutzt die Gestapo die Stadthalle/Schrannenhalle am heutigen Kardinal-Faulhaber-Platz für die Abfertigung.

Einer von 202 Würzburgern: Heinrich Michel, 30, Schuster

Unter den Menschen ist Heinrich Michel, 30 Jahre alt, von Beruf Schuster. Auf der Liste der Gestapo wird vermerkt: "eine Taschenuhr von Heinrich 'Israel' Michel, Artikelnummer 11." Er trägt die Deportationsnummer 339. Zusammen mit seiner Mutter Minna wird er nach Riga-Jungfernhof deportiert, wie das Johanna-Stahl-Zentrum Würzburg recherchiert hat. Kurz darauf stirbt er wahrscheinlich – wenn nicht an der Kälte des Winters, an Hunger oder Krankheit, dann im März 1942 bei einer Massenerschießung im Wald von Bikernieki.

Bildrechte: Staatsarchiv Würzburg

Eine Familie wartet an der Sammelstelle, heute Ecke Friedrich-Ebert-Ring/St.-Benedikt-Straße, auf die Deportation.

Am nächsten Morgen geht’s los. Es ist noch dunkel. Von der Sammelstelle werden die Menschen zum Bahnhof Aumühle in Würzburg gebracht. Am Gleis müssen die Menschen alles zurücklassen als sie in die Züge steigen. Koffer, Taschen, Deckenbündel türmen sich – der DenkOrt Deportationen am heutigen Würzburger Hauptbahnhof soll daran erinnern.

Nur 16 überlebten Konzentrations-, Arbeitslager und Todesmärsche

Von den 202 Jüdinnen und Juden, die an diesem Tag im November 1941 deportiert werden, überleben nur 16: die damals 52-jährige Jenny Cahn, der erst 12-jährige Herbert Mai und sein 11-jähriger Freund Fred Zeilberger, der 17-jährige Herbert Sturm, die 20-jährige Käthe Frieß, die 31-jährige Karoline Sichel, der 36-jährige Siegfried Ramsfelder, der 39-jährige Ludwig Gutmann, die 23-jährige Irene Gerstl, die 40-jährige Alice Meyer, der 28-jährige Eric Schloss, der 22-jährige Henry Behrens, der 18-jährige Siegfried Adler, die 32-jährige Margot Rails, die 17-jährige Inge Oppenheimer und der 20-jährige Eric Wassermann. Die Schicksale aller unterfränkischen Jüdinnen und Juden hat das Johanna-Stahl-Zentrum in Würzburg recherchiert.

Drei Jahre lang wurden insgesamt 2.069 Menschen deportiert

Auf seinem Weg in den Osten sammelte der Deportationszug auch Jüdinnen und Juden aus Bamberg, Bayreuth, Coburg, Erlangen, Forchheim und Fürth ein, insgesamt 1.008 Menschen aus der Region fuhren in den Tod. Im Schnitt waren die Deportierten gerade einmal 46 Jahre alt. Bis zum letzten Deportationszug aus Würzburg im Dezember 1944 waren es neun Transporte an acht Terminen mit 2.069 Menschen. Von den verschleppten Jüdinnen und Juden aus ganz Unterfranken überlebten nur 61.

Der zweite Transport wurde im März 1942 im Fränkischen Hof in Kitzingen abgefertigt. Seit der dritten Deportation im April 1942 nutzte die Gestapo das Vergnügungslokal "Platz’scher Garten", heute Ecke Friedrich-Ebert-Ring/ St.-Benedikt-Straße in Würzburg.

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