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Blick auf ein Holzschild am Eingang von Gut Klosterzimmern, als die Zwölf Stämme dort lebten

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    Vermisste Elfjährige: Wer sind die "Zwölf Stämme"?

    Das elfjährige Mädchen aus Eppisburg, das seit dem Wochenende vermisst wird, ist offenbar bei seinen leiblichen Eltern. Diese sind Mitglieder der "Zwölf Stämme" – einer Gruppe, die Polizei und Justiz in Schwaben schon seit Jahren beschäftigt hat.

    Von
    Beate MangoldBeate Mangold
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    Sie sollen sich keine Sorgen machen, es ginge ihr gut – diese Beteuerungen stehen offenbar in zwei E-Mails an den Pflegevater der Elfjährigen aus Eppisburg im Landkreis Dillingen, die seit dem Wochenende vermisst wird. Aktuell werden die Nachrichten von der Polizei überprüft. Die Absender sind laut dem Pflegevater die leiblichen Eltern selbst und ein Angehöriger der Sekte "Zwölf Stämme", der auch die leiblichen Eltern der Elfjährigen angehören.

    Bis 2016 lebten "Zwölf Stämme" im Landkreis Donau-Ries

    Es ist nicht der erste Fall, der mit den "Zwölf Stämmen" zu tun hat, in dem Kinder von der Polizei gesucht werden. Jahrelang hat der Umgang der "Zwölf Stämme" mit ihren Kindern Polizei und Justiz in Schwaben beschäftigt, denn etwa bis zum Jahr 2016 haben Mitglieder der Sekte auf Gut Klosterzimmern im Landkreis Donau-Ries gelebt.

    Die Geschichte der "Zwölf Stämme" beginnt aber schon in den 1970er-Jahren. In Chattanooga im US-Staat Tennessee wird damals die fundamentalistische Glaubensgemeinschaft gegründet. In Europa gibt es die "Zwölf Stämme" seit den 1980er-Jahren, in Deutschland seit den 1990ern. In Deutschland kommt es schon damals zu Konflikten mit den Behörden - vor allem wegen der Lehrinhalte an deutschen Schulen und der Schulpflicht.

    Die unterschiedliche Auffassung über die Schulinhalte werden auch im Landkreis Donau-Ries kurz nach der Ankunft der "Zwölf Stämme" ein Problem. Im Januar 2001 kaufen die "Zwölf Stämme" Gut Klosterzimmern. Ihr Auftauchen sorgt von Beginn an für Aufsehen, anfangs suchen die Mitglieder der Gemeinschaft aber den Dialog mit den Nachbarn. Im Oktober 2001 beginnt der Streit um die Schulpflicht der Kinder der "Zwölf Stämme".

    Streit um Schulpflicht

    Die Mitglieder der "Zwölf Stämme" wollen ihre Kinder aus Glaubensgründen nicht in eine öffentliche Schule schicken, sondern sie zuhause unterrichten. Die bayerischen Behörden verbieten das. Da sich die Mitglieder der Gemeinschaft trotzdem weigern, versucht sogar die Polizei den Schulbesuch durchzusetzen – aber ohne Erfolg. Zahlreiche Bußgelder werden verhängt. 2004 kommen sieben Väter der "Zwölf Stämme" sogar in Erzwingungshaft.

    2005 werden die Bußgelder dann ausgesetzt, um Gespräche mit den "Zwölf Stämmen" zu ermöglichen. An deren Ende wird der Gemeinschaft die Erlaubnis für eine private Ergänzungsschule erteilt – die Schule wird zwar vom Schulamt überwacht und regelmäßig kontrolliert, unterrichtet werden die Kinder aber von Lehrern der "Zwölf Stämme".

    Prügelvorwürfe in den Medien: 40 Kinder werden bei Razzia in Obhut genommen

    Danach bleibt es einige Jahre ruhig um die "Zwölf Stämme" in Klosterzimmern. Bis 2012 in den Medien über Prügelvorwürfe berichtet wird. Aussteiger berichten von "Prügelorgien" durch Eltern und Lehrer mit Weidenruten und von systematischer "Gehirnwäsche". Die Staatsanwaltschaft beginnt zunächst mit Ermittlungen, stellt diese wegen fehlender konkreter Hinweise aber wieder ein. Die Schule der "Zwölf Stämme" wird allerdings geschlossen, nachdem Mitglieder der Sekte gegenüber dem Kultusministerium einräumen, Kinder mit der Rute zu züchtigen.

    2013 kommt der Fall erneut ins Rollen. Auslöser sind heimlich gemachte Filmaufnahmen eines RTL-Reporters, die Züchtigungen der Kinder auf Gut Klosterzimmern zeigen. Bei einer Polizei-Razzia auf dem Gelände werden 40 Kinder in die Obhut der Behörden übergeben, den Eltern wird vorläufig das Sorgerecht entzogen. Vor den Amtsgerichten in Ansbach und Nördlingen beginnen daraufhin die mehrere Jahre dauernden Sorgerechtsverfahren.

    Zwölf Kinder in Heimen oder bei Pflegefamilien

    Während der familienrechtlichen Verfahren, die bis zum März 2016 dauern, verschwinden mehrmals Kinder aus Heimen oder aus der Obhut ihrer Pflegefamilien. Teilweise werden sie bei den leiblichen Eltern gefunden, es gibt aber auch mehrfach Razzien der Polizei auf Gut Klosterzimmern, um die Kinder zu finden. Auch strafrechtliche Verfahren gegen Eltern und Lehrer der "Zwölf Stämme" wegen Kindesmisshandlung werden vor Gericht verhandelt.

    Nach Abschluss der familienrechtlichen Verfahren bleiben zunächst zwölf Kinder der "Zwölf Stämme" aus Klosterzimmern und einer zweiten Einrichtung in Ansbach in staatlicher Obhut, also etwa bei Pflegefamilien. Aktuell sind laut Landratsamt Donau-Ries noch drei Kinder aus Klosterzimmern in Pflegefamilien untergebracht. Die anderen Kinder sind entweder vor Abschluss der Verfahren volljährig geworden. Oder sie haben eine Altersgrenze erreicht, ab der sie nach Meinung der Gerichte selbst entscheiden können, ob sie bei den Eltern bleiben oder nicht.

    "Zwölf Stämme" seit 2017 in Tschechien

    Die Gemeinschaft aus Klosterzimmern verlässt 2017 nach Abschluss der Verfahren Deutschland und richtet sich unter anderem im tschechischen Ort Skalná ein. Dort wird die körperliche Bestrafung von Kindern nicht generell unter Strafe gestellt.

    2018 wird vor dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte erklärt, dass es keine Verletzung der Menschenrechte darstellte, dass den Eltern ihre Kinder weggenommen wurden. Nur so hätten die Behörden die Kinder schützen können. Geklagt hatten vier der Familien aus Klosterzimmern.

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