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Immer mehr Bedürftige brauchen Unterstützung von den Tafeln.

Bildrechte: BR / Daniela Olivares
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Tafeln am Limit: Wir können keine staatlichen Aufgaben erfüllen

Die Auswirkungen des Krieges spüren auch die Tafeln in Bayern immer deutlicher. Die Zahl der Bedürftigen ist vielerorts massiv angestiegen, wie etwa in Schrobenhausen oder München. Ohne Ehrenamtliche oder private Spender würde es nicht mehr gehen.

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Daniela OlivaresDaniela Olivares
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Zuerst ließ die Corona-Krise die Anzahl der Tafelkunden in die Höhe schießen, dann kam der Krieg in der Ukraine. Viele Geflüchtete kommen zu den Tafeln. Dazu noch die steigenden Preise in vielen Bereichen des täglichen Lebens, wie bei Benzin oder Lebensmitteln. Ohne die ehrenamtliche Hilfe der Tafeln würde es für viele Menschen schwierig werden. Die Tafeln federn viel ab. Verlässt sich der Staat zu sehr darauf?

Tafeln entlasten den Staat

Genau dieses Gefühl habe sie, erzählt eine ehrenamtliche Helferin. Peter Zilles, Vorsitzender der Tafel Bayern, berichtet, dass Städte und Gemeinden die Menschen teilweise direkt an die Tafeln verweisen. Er stellt klar: "Wir tun alles, um möglichst vielen zu helfen, aber wir sind kein staatliches Unternehmen und können diese Aufgaben nicht übernehmen." Mittlerweile bewegen sich einige Tafeln am Rande des Leistbaren. Sie sprechen sich Mut zu: "Irgendwie wird es schon gehen". Alle sind hoch motiviert, für die bedürftigen Menschen da zu sein. Aber: Viele blicken besorgt in die Zukunft – wie die Ehrenamtlichen bei der Tafel in Schrobenhausen. Sie wollen allen etwas mitgeben, niemanden mit leeren Händen wegschicken. Doch die Aufgabe ist schwer geworden.

Viele Tafelkunden aus der Ukraine

Schnell packt Roswitha Ächter Tomaten, Spargel, Käse und Erdbeeren in die Tasche. Sie lächelt dabei eine junge Frau an, die aus der Ukraine kommt und seit Februar mit ihrem Sohn in Deutschland ist. In dieser Woche holt sie zum ersten Mal Lebensmittel bei der Tafel in Schrobenhausen ab.

Ob sie auch Wurst brauche, fragt die Ehrenamtliche. Fragend schaut die Ukrainerin sie an. Sie spricht kaum Deutsch oder Englisch. Da kommt Verena Bartelmann, Vorsitzende der Tafel Schrobenhausen, dazu. Sie hält ein Handy in der Hand. Mit einem Online-Übersetzer helfen sie sich weiter. "Ab und zu kommen dann auch komische Sachen raus. Wie: Wollen Sie einen Hund baden? Da lachen wir dann alle", erzählt Bartelmann.

Doch die Verständigung ist nur eines von vielen Problemen, die die Ehrenamtlichen bei den Tafeln in Bayern seit ein paar Wochen haben.

In Nürnberg fast doppelt so viele Kunden

Bei der Tafel in Schrobenhausen sind rund ein Drittel Neukunden aus der Ukraine dazugekommen. Dazu noch Menschen, denen momentan das Geld nicht reicht. Laut Tafelvorstand Bayern, Peter Zilles, ist die Tafel in Schrobenhausen keine Ausnahme – im Gegenteil. Teilweise haben sich die Zahlen der wöchentlichen Abholer fast verdoppelt, wie zum Beispiel in Nürnberg. Dort sind zu den rund 5.500 Abholern etwa 4.500 neue dazugekommen – hauptsächlich Menschen aus der Ukraine.

Auch in München sind die Zahlen nach oben geschossen. Mittlerweile sind es dort 23.000 Menschen, die Lebensmittel abholen. So viele, dass sie Lebensmittel dazukaufen müssen. "Wir haben sehr gute Sponsoren und werden toll unterstützt, aber bei diesen Zahlen geht es nicht, ohne dazuzukaufen", berichtet Hannelore Kiethe, Vorsitzende der Tafel München. Da ihre Tafel nicht dem Dachverband angehört, ist das möglich. Die Tafeln, die dem bayerischen Verband angehören, dürfen das nach ihrem Reglement nicht. Sie müssen sich anders helfen. So nahm die Tafel in Bayreuth einige Zeit gar keine Neukunden mehr auf – unabhängig von der Nationalität. Und dieser Ansturm wird aktuell von den Ehrenamtlichen bewältigt. Doch die kommen an ihre Grenzen.

Ehrenamtliche sehr belastet

In Schrobenhausen arbeiten die 20 aktiven Ehrenamtlichen teilweise zwölf Stunden oder mehr. Pausen fallen oft weg. Für Gespräche mit den Kunden bleibt kaum noch Zeit: "Das ist sehr schade." Gabi Mayer rennt zwischen Lager und Ausgabe hin und her, ständig bepackt mit schweren Kisten, gefüllt mit Trauben, Tomaten oder Spargel. "Ich habe um halb acht in der Früh angefangen und bleibe bis acht Uhr abends. Das passt schon", meint sie und lächelt.

In Nürnberg sind zu den "Stamm-Ehrenamtlichen" spontan weitere Helfer dazugekommen. Insgesamt sind es 230 Tafelhelfer plus 40 sporadische Helfer. Wie lange diese bleiben, ist offen. Ohne sie werde es schwierig, meint Edeltraud Rager, Leiterin der Nürnberger Tafel.

Über mehr Helfer würden sich auch die Schrobenhausener freuen, denn sie wollen – trotz allem – hochmotiviert weitermachen. Doch es fehlen nicht nur Ehrenamtliche.

Supermärkte spenden weniger

Immer mehr Menschen kommen zu den Tafeln in Bayern, gleichzeitig geht das Angebot zurück. Die Supermärkte haben immer weniger Spenden für Bedürftige. Oft gebe es in den Märkten Rabatt-Aktionen, bei denen dann noch ein Großteil der Lebensmittel verkauft werde, der sonst bei den Tafeln gelandet wäre, meint Verena Bartelmann von der Tafel Schrobenhausen. Auch die Hamsterkäufe machten sich bemerkbar: "Nudeln oder Reis bekommen wir kaum noch", berichtet Bartelmann.

In München pflege man intensiv die Kontakte zu den Sponsoren, berichtet Hannelore Kiethe, Vorsitzende der Tafel. "Wir laden sie oft ein. Da zeigen wir unsere Lager und die Ausgabe. Damit sehen sie, dass die Lebensmittel da ankommen, wo sie gebraucht werden. Dadurch haben wir ein sehr gutes Verhältnis zu den Sponsoren." Erst kürzlich brachten zwei junge Jäger eine besondere Spende: etwa 40 Portionen edles Rehfleisch aus der Region. Es ist das erste erlegte Wild in diesem Jahr.

Für die Münchner Tafel sind solche Delikatessen eine Besonderheit, die sie normalerweise den Bedürftigen nicht anbieten können. Und ohne Spenden ließe sich die große Zahl an Bedürftigen kaum bewältigen. Während Corona seien die Zahlen von 20.000 auf 22.000 Menschen pro Woche gestiegen, berichtet Kiethe. Jetzt seien noch mal 1.000 Geflüchtete aus der Ukraine dazugekommen. "Das heißt, wir versorgen jetzt in der Woche 23.000 Menschen, die uns dringend brauchen." Deshalb sind die Verantwortlichen der Münchner Tafel, wie auch bei anderen Tafeln, immer auf der Suche nach helfenden Händen. Besonders dringend suchen sie nach sogenannten "BufDis", also jungen Leuten, die ein Jahr Bundesfreiwilligendienst absolvieren möchten und dabei die Arbeit der Tafel unterstützen möchten .

Wunsch: Mehr Unterstützung von der Politik

Mit der bayerischen Politik sei er zwar zufrieden, meint Bayern-Vorstand Peter Zilles. Aber auf Bundeseben stehen die Forderungen: etwa eine steuerliche Vereinfachung bei den Spenden oder eine Erhöhung der Hartz IV-Sätze. "Das ist ein Witz, was da zuletzt erhöht worden ist", meint Zilles.

Für Edeltraud Rager von der Tafel in Nürnberg ist klar: "Wir ergänzen", meint sie. Sie seien nicht Teil der Grundversorgung. Sie findet, dass die öffentliche Hand sich zurücknimmt. "Ich hätte mir mehr Unterstützung gewünscht." Verena Bartelmann von der Tafel aus Schrobenhausen würde sich eine Anerkennung wünschen – für alle Ehrenamtlichen: "Überall sind Ehrenamtliche im Einsatz und helfen den Menschen aus der Ukraine. Anders würde es gar nicht gehen", meint sie. Zusätzliche Rentenpunkte für Ehrenamtliche, wie sie schon mal im Gespräch waren, fände sie gut.

Keine Entlastung in Sicht

In Schrobenhausen sind an diesem Tag wieder vier Neuaufnahmen dazu gekommen. Ein Mann, der seit Kurzem kommt, erzählt: "Ich hab vor Kurzem meine Wohnung verloren und die Arbeit. Es ist schwer. Sehr schwer. Alles wird gerade teurer: Es geht bei Semmeln los und endet beim Öl. Ohne Tafel wäre ich aufgeschmissen." Eine Rentnerin ergänzt, dass sie nicht wisse, wie es ohne die Tafel gehen solle. "Aber, irgendwie geht es ja immer", meint sie.

Das hoffen auch die Mitarbeiter der Tafel – und glauben nicht, dass es in den nächsten Wochen leichter wird. Die Preise für viele Lebensmittel steigen und auch bei den Energiekosten gibt es keine Entspannung. Inzwischen endet die erste Ausgabe-Schicht. Eigentlich wäre jetzt Pause. Doch es gibt noch viel zu tun: Die Lebensmittel müssen wieder aufgefüllt werden – zum Ausruhen bleibt nur wenig Zeit. Helferin Gabi Mayer kommt mit einer Kiste Spargel aus dem Lager. Ans Aufhören denken sie und die anderen Ehrenamtlichen nicht: "Weil ich einfach helfen möchte. Das gibt mir ein gutes Gefühl und ich denke, das ist wichtiger denn je im Moment."

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