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Der Chiemsee und seine Moore sind FFH-Schutzgebiete.

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    Naturschutz am Chiemsee immer noch ohne Plan

    In Oberbayern liegen im bayerischen Vergleich die größten und meisten Schutzgebiete nach der europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie. Deren Ziel: Arten und Lebensräume erhalten. Doch konkrete Maßnahmen dafür gibt es am Chiemsee noch nicht.

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    Von
    • Theresa Krinninger

    Die EU-Kommission hat Deutschland im Februar wegen jahrelanger Verstöße gegen geltendes Naturschutzrecht verklagt. Es geht um den Umgang mit schützenswerten FFH-Gebieten, den sogenannten Fauna-Flora-Habitat-Gebieten. In diesen Zonen sollen Arten und Lebensräume erhalten werden. Aber nach Jahrzehnten fehlen auch in Bayern für viele FFH-Gebiete die konkreten Erhaltungsziele. Deshalb muss Bayern jetzt zügig Erhaltungsmaßnahmen für FFH-Gebiete umsetzen, denn durch die Klage drohen hohe Strafzahlungen.

    Chiemsee: FFH-Gebiet ohne Plan

    Doch für den Chiemsee und seine Feuchtgebiete als wertvolle Lebensräume für Wasser- und Watvögel gibt es noch keinen Plan. Gleichzeitig ist der Chiemsee eines der größten Tourismusziele in Deutschland. Hohe Besucherzahlen belasten unweigerlich das Ökosystem.

    Besonders schützenswert ist laut Bund Naturschutz das Mündungsdelta der Tiroler Achen, wo Vögel in Ruhe brüten sollen. Doch der Fluss schiebt sein Geröll immer weiter in den See hinein, sodass die Verlandungszone wächst und die alten Signalbojen auf dem See zu nah an das Delta heranrücken.

    Sabine Pröls vom Landesbund für Vogelschutz (LBV) beobachtet das schon seit mehreren Jahren mit Sorge. "Wenn die Kette nicht verlegt wird, wird die Verlandung über die Bojenkette reichen und Wassersportler können ganz legal ins Achendelta hineingehen“, sagt sie. Bereits 2016 hat sich der LBV an die Regierung von Oberbayern gewandt, um auf das Problem aufmerksam zu machen. Denn wenn Wassersportler an Land gingen, störten sie seltene Vögel bei der Aufzucht oder Fische beim Laichen.

    Mückenbekämpfung mit BTI erfolgt auch in Schutzgebieten

    Ungeklärt bleibt weiterhin, wie es am Chiemsee mit der umstrittenen Mückenbekämpfung mit dem Eiweißstoff BTI weitergeht. Denn nach starken Regentagen im Sommer schlüpfen Milliarden Stechmücken in den Überschwemmungsgebieten. Um den Besuchern die juckenden Stiche zu ersparen, verteilt ein Hubschrauber bei bestimmten Wetterbedingungen den Eiweißstoff über den Brutgebieten, aber auch über den Schutzgebieten.

    Oberbayern hat die größten und meisten FFH-Gebiete

    Im bayerischen Vergleich liegen in Oberbayern die größten und meisten FFH-Gebiete. Die Regierung von Oberbayern bewertet ihren Fortschritt bei der Umsetzung der Habitat-Richtlinie positiv. "In Oberbayern sind von insgesamt 140 FFH-Gebieten mehr als zwei Drittel der FFH-Managementpläne fertig gestellt“, heißt es in der Antwort auf BR-Anfrage. Der Rest sei aktuell noch in Bearbeitung. Bei einem Teil der Gebiete lägen Managementplan-Entwürfe vor.

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    Sabine Pröls betreut für den LBV die Region zwischen Inn und Salzach.

    Auswirkungen von BTI nicht ausreichend erforscht

    "Aus unserer Sicht ist es hier im Naturschutzgebiet aber auch im FFH-Gebiet ein Unding, dass BTI gegen Stechmücken ausgebracht wird“, sagt Sabine Pröls. Es reduziere die wichtigste Nahrungsgrundlage für Fische, Vögel für Amphibien. Gegen BTI hat aber nicht nur Sabine Pröls Einwände, Umweltschützer und Biologen sind sich einig, dass die Auswirkungen von BTI auf das Ökosystem noch nicht ausreichend erforscht sind. Die Regierung von Oberbayern prüft derzeit, ob das Mittel für den kommenden Sommer genehmigt werden kann, denn die Genehmigung lief Ende 2020 ab.

    Die Idee: Europäischer Naturschutz

    Im Mai 1992 hat die europäische Naturschutzidee mit der FFH-Richtlinie Gestalt angenommen. Durch sie soll die biologische Vielfalt Europas bewahrt werden. Seitdem haben die Mitgliedsstaaten der EU entsprechende Schutzgebiete ausgewiesen, um natürliche Lebensräume zu erhalten und wildlebende Tiere und Pflanzen zu schützen. In Deutschland und auch in Bayern sind seitdem viele FFH-Gebiete entstanden. In Oberbayern sind rund 11,3 Prozent der Landesfläche als FFH-Gebiete ausgewiesen. Doch hier liegt das Problem: Viele der Schutzgebiete existieren nur auf der Landkarte.

    Kein Plan für ein Drittel der FFH-Gebiete in Oberbayern

    In Oberbayern fehlen die Pläne für etwa ein Drittel der FFH-Gebiete. Etwa für die Moore bei Bad Aibling, Penzberg, für das Geigelsteingebiet, das Murnauer Moos, und die Loisach-Kochelsee-Moore - um nur ein paar zu nennen. Allein die Flächendimensionen sind riesig. Etwa 40 Prozent der alpinen Zone in Bayern sind FFH-Schutzgebiet. Im Landkreis Garmisch-Partenkirchen sind es etwa 60 Prozent der Landkreisfläche.

    Für einige Gebiete haben lokale Akteure gute Lösungen gefunden. Dort funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Umweltschützern, Landwirten, Landeigentümern, Jagd- und Forstbehörden sowie den Besuchern. Doch auch knapp 30 Jahre nach der Einführung der europäischen Schutzgebiete sind FFH-Gebiete bei vielen Menschen unbekannt.

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