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Der Klimawandel kann die Gefahren im Bergsport erhöhen.

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Klimawandel in den Alpen: Braucht es Warnsysteme für den Sommer?

Klimawandel in den Alpen: Braucht es Warnsysteme für den Sommer?

Steinschläge, Muren, Gletscherspalten – der Klimawandel macht die Alpen gefährlicher, zeigt eine Recherche von BR Data und dem Podcast "Bergfreundinnen". Braucht es ein Warnsystem vor Naturgefahren im Sommer, ähnlich dem Lawinenwarndienst im Winter?

Der Klimawandel macht sich im Alpenraum deutlich bemerkbar: Rekordtemperaturen sorgten dafür, dass ein Gletscher in Deutschland bereits weggeschmolzen ist, Berghütten mussten wegen Wassermangel oder instabilem Untergrund gesperrt werden, das Skigebiet am Dachsteingletscher in Österreich wurde auf unbestimmte Zeit geschlossen.

Forschende sehen Hinweise darauf, dass der Klimawandel die Berge unvorhersehbarer macht. Insbesondere im Sommer kann er sogenannte Naturgefahren verstärken. Die Rede ist von Steinschlägen, Murgängen und Schlammlawinen, oder sogar Eisschlägen und sich auftuenden Gletscherspalten. Oberhalb von 2.500 Metern kann der auftauende Permafrost außerdem dafür sorgen, dass Berghütten nicht mehr auf sicherem Grund stehen.

Keine dieser Gefahren ist neu, was Forscher wie Michael Bründl vom Schweizer Institut für Schnee- und Lawinenforschung herausstellen. Solche Risiken gehören zu den Bergen. Allerdings haben die Geschwindigkeit und Häufigkeit entsprechender Ereignisse durch den Klimawandel zugenommen, sodass die Sommer-Naturgefahren jetzt stärker in den Fokus der Forschung rücken.

Tourenabsagen und Sperrung von Wegen

Diese gestiegenen Gefahren sorgen schon heute für Einschränkungen beim Bergsport im Sommer. Im vergangenen Sommer wurden mitten in der Hauptsaison professionell geführte Touren aufs Matterhorn abgesagt: zu gefährlich. Auch für Bergsteiger, die ohne Führung unterwegs waren, habe es Warnhinweise und teilweise Sperrungen gegeben, berichtet Bruno Hasler vom Schweizer Alpinclub SAC: "Der Montblanc wird fast standardmäßig jedes Jahr mal gesperrt, da steht dann auch die Gendarmerie. In der Schweiz sind es Empfehlungen, da stehen keine Polizisten. Jeder kann sich selbst den Kopf einschlagen lassen. Aber die lokale Bergführerschule bietet das dann eben nicht mehr an." Eigenverantwortung sei dabei wichtig, betont Hasler.

Dafür müssen sich Touristen gut informieren, bei Ortsansässigen oder auch im Internet, und auf Warnschilder oder Hinweise achten. Dabei macht jeder Ort, jede Region unterschiedlich viel und arbeitet auch nach eigenen Maßstäben.

Warnungen im Sommer schwierig

Für Lawinen gibt es seit 1993 ein europaweit einheitliches Warnsystem, mit festen Warnstufen, die möglichst gleich benutzt werden. Damit sollen Wintersportler verstehen können, wie groß die Gefahr von Lawinen ist, egal ob sie in der Schweiz, Italien oder Frankreich unterwegs sind. Ein solches einheitliches System gibt es für Sommer-Naturgefahren, ob Muren oder Steinschläge, allerdings nicht.

Bründl arbeitet am Institut für Schnee- und Lawinenforschung in der Schweiz an einem Programm, dass sich mit den Auswirkungen des Klimawandels auf Massenbewegungen, wie zum Beispiel Murgänge, beschäftigt: "Bei den Sommer-Naturgefahren ist es schwieriger als bei Lawinen. Da kommen mehrere Faktoren zusammen, die wir nicht so gut kennen. Zum Beispiel wissen wir an vielen Stellen gar nicht, wie viel bewegliches Material, also Steine, Erde und Holz da im Tal liegt." Diese fehlenden Daten machen eine Voraussage schwer, was genau passiert, wenn es in kurzer Zeit viel regnet.

Keine gestiegenen Unfallzahlen

Die Gefahren für Menschen in den Bergen sind also schon jetzt gestiegen, gleichzeitig ist es schwierig, gefährliche Ereignisse vorauszusagen. Dass es trotz dieser Gemengelage nicht rasant ansteigende Unfallzahlen in den Alpen gibt, überrascht auf den ersten Blick. Weder in der Schweiz, noch in Österreich oder Deutschland gibt es zum Beispiel mehr Einsätze, weil Menschen nach einem Steinschlag festsitzen oder am Kopf verletzt sind.

Dieses Phänomen beschreibt auch Hasler, der beim SAC für die Unfallstatistiken verantwortlich ist: "Generell steigen die Unfallzahlen kontinuierlich leicht an, das würde ich aber nicht auf den Klimawandel zurückführen, sondern darauf, dass mehr Leute unterwegs sind. Und mehr Leute haben auch mehr Unfälle."

Zudem hängt gerade auch die Zahl der Wanderunfälle vom Wetter ab: Je später der erste Schnee fällt, desto länger sind Menschen zum Wandern in Bergen unterwegs. Tourenabsagen, Warnhinweise und teilweise Wegsperrungen verhindern bisher, dass mehr Leute zu Schaden kommen.

Grafik: Zahl der Unfalltoten in den Alpen

Schutz für kritische Infrastruktur

Forscher und Forscherinnen arbeiten an komplexeren Warnsystemen, um Gefahren für Straßen, Orte oder Bahnschienen frühzeitig zu erkennen. Adrian Ringenbach ist an der Entwicklung einer Software beteiligt, die genau solche Warnungen für Planungsbüros erstellt. In seinen Experimenten lässt er riesige Steinbrocken Berge herunterrollen. So gewinnt Ringenbach wichtige Daten, welchen Weg ein möglicher Steinschlag nimmt: "Es ist ein großer Unterschied, ob man eine alpine Wiese hat oder Hangschutt, oder auch welche Form ein Stein hat. Annähernd runde Steine rollen relativ gerade einen Berg herunter, während Steine, die einem Rad ähnlich sehen, wesentlich weiter seitlich rollen können."

Diese Fallrouten gehen dann als Datenpunkte in eine Simulationssoftware, die schon heute genutzt wird, um zu entscheiden, ob eine Straße einen Fangzaun bekommt oder ob sogar ein Tunnel gebohrt werden muss. Die gewonnenen Erkenntnisse könnten später auch für Warnungen im Freizeitbereich genutzt werden.

Regionale Daten – Regionale Entscheidungen

Franz Rasp ist Bürgermeister von Berchtesgaden. Hier hat im Juli 2021 ein Murgang die historische Eisbahn zerstört. Häuser mussten gesperrt werden, eine Frau kam ums Leben. Er bringt neben lokalen Warnsystemen gemeinsame Standards ins Spiel, um Gefahrenpotenziale besser zu vergleichen und knappe Ressourcen sinnvoll zu verteilen. "Es wäre spannend auf nationaler Ebene ein System zu haben, wo es um Mittelverteilung geht, um etwa das Berchtesgadener Land mit dem Allgäu zu vergleichen."

Als Reaktion auf die Naturkatastrophe wurden in Berchtesgaden Schutzmaßnahmen ergriffen: Ein neuer Steinschlagschutzzaun wurde gebaut, neu errichtete Brücken sollen bei Hochwasser besser standhalten. Absolute Sicherheit könne es aber nicht geben, so Rasp. Für diesen Umstand müssten die Leute sensibilisiert werden.

Potenzial in gesammelten Erfahrungen

Das betont auch Jan Beutel, er forscht an der Uni Innsbruck. Er hat am Matterhorn in der Schweiz oder am Hochvogel an der deutsch-österreichischen Grenze Sensoren angebracht. Damit werden Bewegungen von Felsbrocken aufgezeichnet, die abzustürzen drohen. Mit diesem System könnten Wege, Hütten und Ortschaften rechtzeitig evakuiert werden.

Beutel ist zwar skeptisch angesichts eines flächendeckenden Warnsystems, sieht aber Vorteile, wenn lokale Informationen gebündelt werden: "Es sind ganz viele Leute draußen unterwegs, Profis und Nicht-Profis, die haben Erlebnisse, tauschen sich auch auf den Hütten aus, aber das, was die unterwegs sehen, die Veränderungen, die Felsstürze, das wird ganz wenig gesammelt."

Dabei wären genau diese aktuellen Daten die wichtigste Quelle, um Bedingungen auf einer Tour tagesaktuell einzuschätzen, sind sich die Forscher einig. Ob eine Tour möglich ist, kann sich innerhalb von Tagen ändern. Zudem, so Forscher Bründl, gilt es, Augen und Ohren offen zu halten. Wenn am Gletscherende bereits Steine liegen, ist das meist nicht der beste Ort für ein Picknick.

Mehr Tipps, wie man sich als Wanderer oder Bergsteiger vor Sommer-Naturgefahren schützt, gibt es im Bayern2 Podcast "Bergfreundinnen".

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