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Jugendliche besprühen eine Garagenwand am Jugendzentrum Mühldorf mit Graffitis.

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Jugendzentren nach Corona: Mühldorf kämpft um seine Jugendlichen

Jugendliche leiden besonders unter der Corona-Pandemie. Nach monatelanger Schließung sind die Jugendzentren nun wieder offen. Auch in Mühldorf wollen Betreuer wieder mit den jungen Menschen in Kontakt treten - wenn die denn zurückkommen.

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Von
  • Florian Eckl
  • BR24 Redaktion

Monatelang waren die Jugendzentren Corona-bedingt geschlossen. Rechtzeitig zu den Pfingstferien durften nun jedoch viele der Einrichtungen in Bayern, abhängig von der jeweiligen Sieben-Tage-Inzidenz in ihrer Region, wieder öffnen. Doch nicht alle Jugendlichen schaffen den Schritt aus der Isolation zurück in die Normalität.

Endlich wieder Zeit mit Gleichaltrigen verbringen

Es ist ein grauer Nachmittag in Mühldorf. Omar hat über seinen weißen Marken-Trainingsanzug einen knallroten Malerkittel gezogen. Gemeinsam mit einer Jugendbetreuerin und zwei weiteren Jugendlichen sprüht der 18-jährige Berufsschüler Graffiti an die Garagenwand des Jugendzentrums.

Es ist lange her, dass Omar mit anderen hier Zeit verbracht hat. "Es war echt schwierig, sehr schwierig sogar. Denn man konnte mit keinem raus. Man hatte so Druck auf sich", beschreibt der Hobby-Sprayer die vergangenen Monate - und bestätigt damit: Kinder und Jugendliche litten und leiden besonders unter der Pandemie.

Jugendbetreuer sehen viele Nöte und Sorgen

Vor Corona kamen schon mal 100 Kinder und Jugendliche über den Tag verteilt hierher. Bislang sind es täglich nicht mehr als 20. Draußen wird gesprüht, drinnen gequatscht. Agnes Sarr sitzt mit zwei Jugendlichen in ihrem Büro zum Brainstorming. Sie wollen mithilfe eines Profitänzers eine Choreografie nachtanzen, die sie auf der Video-Plattform TikTok gesehen haben.

Die Leiterin des Jugendzentrums spürt, wie sehr sie und ihr Team gebraucht werden. "Es hat sich viel aufgestaut bei den Jugendlichen. Man hat bei manchen den Eindruck, dass man so ein Ventil öffnet und dann purzeln die Sorgen so richtig raus", erklärt die Pädagogin.

Seelische Not spitzt sich zu

Aber nicht jeder spricht hier so offen über seine Ängste und Sorgen. Manche kommen auch einfach nur zum Chillen oder Billardspielen. Für viele ist das Jugendzentrum eine wichtige Anlaufstelle abseits des Elternhauses.

Ohne geregelte Tagesstrukturen sehen immer mehr Kinder und Jugendliche kein Licht am Ende des Tunnels. Experten wie Professor Gerd Schulte-Körne, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie des LMU-Klinikums in München, warnen vor der psychischen Überbelastung durch den Lockdown: "Das Wichtigste ist, wahrzunehmen, dass Kinder psychisch erkranken und dass sie in Krisen kommen. Also, dass man nicht wegschaut und sagt, wir stemmen das alles und lösen das innerhalb der Familie. Sondern dass man sich professionelle Hilfe sucht." Hilfe bekommen Kinder und Jugendliche am LMU-Klinikum genauso wie in anderen Kliniken.

Rappen gegen die Angst

Auch Omar macht sich viele Sorgen. Angefangen von seiner Jobsuche bis hin zum Krieg in Palästina, dem Heimatland seiner Eltern. Er hat in der Pandemie mit Sprechgesang begonnen. Seine Gefühle verarbeitet er jetzt in eigenen Texten.

Im Hof bekommen mehrere Jugendliche und die Betreuer eine Kostprobe: "Der Kopf tut weh, Mama. Aus meinen Augen fließen nur noch Tränen, Mama. Bin nur noch am Rauchen, Mama. Bitte halt mich fest und lass mich nicht weg." Die Musik ist sein Ventil. Aber auch wer nicht so aus sich herauskommen kann oder will, findet hier ein offenes Ohr.

Jugendzentrum Mühldorf wieder für alle da

Sarr begleitet die Jugendlichen oft jahrelang. "Wir haben Jugendliche, die sind da, seit sie zwölf Jahre alt sind und sind dann noch da, wenn sie den Führerschein machen", erklärt die dreifache Mutter. Man komme da sehr nah ran und erfahre viel. Und so kann man die jungen Menschen auch aktiv begleiten. Jetzt müssen nur wieder mehr Jugendliche kommen. Das Jugendzentrum in Mühldorf ist bereit.

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Seitdem in München der Inzidenzwert unter 100 liegt, haben auch die Jugendfreizeitstätten wieder weitgehend geöffnet - für viele Kinder und Jugendliche eine Chance. Wenn auch trotzdem weiterhin die AHA-Regeln gelten, dürfen sie sich wieder treffen.

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