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Beleidigung, Bedrohung, Körperverletzung: Der Freistaat will seine Mitarbeitenden besser vor der zunehmenden Gewalt gegen sie schützen - und vor den seelischen Folgen, die beispielsweise allein der Anblick einer Waffe auslösen kann.

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Gewalt im öffentlichen Dienst: Bayern will Mitarbeiter schützen

Beleidigung, Bedrohung, Körperverletzung: Der Freistaat will seine Mitarbeitenden besser vor der zunehmenden Gewalt gegen sie schützen – und vor den seelischen Folgen, die beispielsweise allein der Anblick einer Waffe auslösen kann.

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Von
  • Leonie Thim

Von sexueller Nötigung, Beschimpfungen und Drohungen über geworfene Gegenstände bis zu Verunglimpfung in den sozialen Netzwerken reichen die Gewaltformen, die Sybille Steinhuber erlebt hat. Seit 33 Jahren arbeitet sie für die Stadt München, zuerst als Mitarbeiterin in der Bezirkssozialarbeit, heute als Führungskraft in einem Sozialbürgerhaus der Landeshauptstadt.

Ihre Kunden, wie sie sie nennt, sind Hilfesuchende, die oft in existentiellen Nöten stecken, weil sie ihre Wohnung verloren, ihre Sozialhilfe gekürzt bekommen haben oder das Sozialamt ihre Kinder in Obhut genommen hat. In solchen Ausnahmesituationen können manche gewalttätig werden, erklärt Sozialpädagogin Sybille Steinhuber und erzählt von einem einschneidenden Erlebnis.

Mit der Waffe bedroht

Eines Tages erhielt Sybille Steinhuber einen Anruf von einem Kollegen am Empfang, der sie warnte, dass gleich ein Kunde zu ihr ins Büro kommen würde, der nicht aufzuhalten gewesen sei und der vermutlich eine Waffe in der Tasche habe. Sybille Steinhuber informierte noch schnell ihre Kollegin im Nachbarzimmer: "Wenn irgendwas ist, komm bitte rein!" Einen Wachdienst gab es damals noch nicht. "Dann kam der Kunde und hat tatsächlich eine Tasche auf den Tisch gelegt, wo deutlich wurde: da ist ein eine Pistole oder irgendetwas dieser Art drin."

Sie sprach mit dem Mann, versuchte ihn zu beruhigen und vereinbarte einen weiteren Gesprächstermin, "so dass es nicht zu einer weiteren Eskalation kam", erzählt Sybille Steinhuber. "Das war schon eine sehr grenzwertige Erfahrung, weil man in dem Moment so schnell gar nicht handeln konnte", erinnert sich die Sozialpädagogin.

Psychologe: Gewalterfahrung kann traumatisieren

Je nachdem, wie intensiv Gewalt erfahren wird und was genau passiert ist, können Betroffene traumatisiert werden, erklärt Professor Dieter Frey von der LMU München. Der Sozialpsychologe forscht zu Gewaltprävention und erklärt: Beamte, die Gewalt erleben, können Ängste entwickeln, wenn sie bedroht wurden. Dies könne dazu führen, dass sie versuchen, ähnliche Situationen zu vermeiden "mit der Konsequenz, dass die Täter nicht immer Beamte vor sich haben, die selbstbewusst Regeln durchsetzen".

Für diejenigen, die Gewalt erfahren, sei es wichtig, dass sie Halt und Unterstützung in der eigenen Gruppe finden, sagt Dieter Frey. Es müsse für sie die Chance bestehen, sich professionelle Hilfe zu holen und letztlich eine Auszeit nehmen zu können, wenn alles zu viel wird.

Um Gewalt zu vermeiden, könne es helfen, wenn man klar und sachlich mit denjenigen spricht, die vor einem sitzen. Wenn möglich, soll man sich Hilfe von Kolleginnen und Kollegen holen. Das könne vor Gewalt schützen.

Das Feuer rasch löschen

Deeskalation und Gewaltprävention kann man lernen, erklärt Oliver König von der EWTO München, einer Akademie für WingTsun und Selbstverteidigung. Er schult unter anderem Mitarbeitende von Behörden und betont, wie wichtig es sei, möglichst früh zu erkennen, wann jemand unruhig wird und zu Gewalt neigen könnte.

Man könne solche Situationen mit einem Strohfeuer vergleichen, sagt Oliver König. "Wenn es anfängt und man schüttet sofort Wasser drauf, dann ist es weg", erklärt er. Aber wenn man zu lange warte, "kann es sein, dass es sich fast nicht mehr löschen lässt".

Gewaltschutzkonzept der Staatsregierung

Die Gewalt gegen Beschäftigte im öffentlichen Dienst habe zugenommen, sagt Rainer Nachtigall, Vorsitzender des Bayerischen Beamtenbundes. Um besser zu verstehen, welche Formen von Gewalt es gibt, wurde eine Studie erstellt und aus den Ergebnissen ein Gewaltschutzkonzept erarbeitet.

Dieses besteht aus drei Teilen:

1. Handlungsanweisungen, wie Beschäftigte vor Gewalt geschützt werden können, sollen durch Kurse und Weiterbildungen vermittelt werden

2. Sollen in Zukunft in einem regelmäßigen Turnus Gewalttaten analysiert und veröffentlicht werden

3. Sollen Beschäftigte in Zukunft stärker dabei unterstützt werden, Anzeige zu erstatten. Dies soll Beschäftigte im öffentlichen Dienst in Zukunft besser vor Gewalt schützen.

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