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Richard Branson (Virgin Galactic) will am 11. Juli mit seinem Raumflugzeug VSS Unity ins All fliegen und damit Amazon-Gründer Jeff Bezos (Blue Origin) zuvorkommen. Das Raumschiff befindet sich in der Mitte eines Trägerflugzeugs und wird ausgeklinkt.

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Wettrennen um Weltraum-Tourismus: Branson startet mit Unity 22

Zwei Multimilliardäre wetteifern darum, wer mit den eigenen Fluggeräten zuerst ins All fliegt. Richard Branson, Chef der Raumfahrtfirma Virgin Galactic, will heute starten. Und Jeff Bezos, Amazon- und Blue-Origin-Gründer, nicht nur damit zuvorkommen.

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Von
  • Alexandra Klockau

Höher, schneller, weiter - bei den reichsten Menschen der Welt nimmt das Kräftemessen erstaunliche Dimensionen an: Richard Branson, Chef der privaten Raumfahrtfirma Virgin Galactic, und Jeff Bezos, Amazon- und Blue Origin-Gründer, eifern darum, wer als Erster selbst mit an Bord des eigenen Fluggeräts ins All fliegt.

Branson will mit seinem Raumflugzeug VSS Unity und der Mission Unity 22 am heutigen 11. Juli loslegen - neun Tage vor Jeff Bezos: Er plant, am 20. Juli in seiner New-Shepard-Raumkapsel zu fliegen. Hinter dem nicht ganz ungefährlichen Wettrennen steckt aber noch etwas anderes: Die beiden wollen sich mit ihren Unternehmen die beste Startposition für künftigen Weltraum-Massentourismus sichern.

Richard Branson fliegt im Raumflugzeug VSS Unity

Heute wollte der 70-jährige Multimilliardär Branson, Gründer der Virgin Group, als eines von sechs Crew-Mitgliedern im Raumflugzeug VSS Unity vom Typ SpaceShipTwo eigentlich um 15 Uhr in den Weltraum starten. Aufgrund schlechter Wetterbedingungen wurde der Start auf 16.30 Uhr verschoben.

Wenn es heute klappt, käme der Brite damit seinem US-Konkurrenten Jeff Bezos neun Tage zuvor. Der Amazon-Gründer hatte schon im Mai angekündigt, am 20. Juli seinen ersten Weltraum-Trip starten zu wollen.

Richard Branson und Virgin Galactic wollen die Mission Unity 22 vom rund 73 Quadratkilometer großen kommerziellen Weltraumflughafen Spaceport America in New Mexico aus starten. Neben Richard Branson, der das Unternehmen 2004 gegründet hat, sollen die zwei Virgin-Galactic-Astronautinnen Beth Moses und Sirisha Bandla, der Virgin-Galactic-Astronaut Colin Bennett sowie die beiden Piloten des Raumflugzeugs VSS Unity, Dave Mackay und Michael Masucci, dabei sein. Das Trägerflugzeug VMS Eve vom Typ White Knight Two fliegen CJ Sturckow und Kelly Latimer.

Mission Unity 22 mit Trägerflugzeug VMS Eve und VSS Unity

Das Trägerflugzeug VMS Eve, das mit rund 43 Metern die ungefähre Flügelspannweite einer Boeing 737 besitzt, soll dann mit der mittig eingeklinkten 18 Meter langen VSS Unity abheben. Nach etwa einer Stunde Flugzeit wird das Raumflugzeug in einer Höhe von rund 15 Kilometern abgekoppelt und mithilfe seines eigenen Raketentriebwerks auf rund 90 Kilometer Höhe steigen.

Mit seinen Tragflächen kann das Raumflugzeug wie ein normales Flugzeug zur Erde zurück gleiten. Laut Einsatzplan der VSS Unity könnte die gesamte Flugzeit rund eineinhalb bis zwei Stunden betragen, davon würde die VSS Unity rund 30 Minuten alleine und etwa fünf Minuten in der Schwerelosigkeit unterwegs sein.

"Ich war immer ein Träumer. Meine Mutter hat mir beigebracht, nie aufzugeben und nach den Sternen zu greifen", twitterte Richard Branson am 2. Juli. "Am 11. Juli ist es Zeit, diesen Traum an Bord des nächsten Virgin-Galactic-Weltraumflugs Wirklichkeit werden zu lassen." Ursprünglich wollte Branson erst bei einem späteren Flug mit an Bord sein. Offenbar entschied er anders, um seinem Konkurrenten Jeff Bezos zuvorzukommen.

Jeff Bezos will am 20. Juli mit der Rakete New Shepard starten

Der 57-jährige Jeff Bezos, Amazon-Gründer und reichster Mensch der Welt, hat seinen bemannten Trip mit der Rakete New Shepard - in Anlehnung an Alan Shepard, den ersten US-Amerikaner und Golfspieler im All - schon im Mai angekündigt. Ganz bewusst legte er ihn auf den 20. Juli - auf den Tag genau 52 Jahre nach der ersten Mondlandung.

Mit ihm sollen sein Bruder Mark und laut Bezos als "Ehrengast" die 82-jährige Ex-Pilotin Wally Funk vom eigenen Blue-Origin-Weltraumhafen Launch Site One in West Texas aus starten. Wally Funk war Mitglied eines Frauenteams, das in den 1960er-Jahren ein Astronautentraining absolvierte. Als Frau erhielt sie jedoch nie eine Starterlaubnis der NASA. Wenn sie erfolgreich mit der New Shepard fliegt, wird sie der bislang älteste Mensch im All sein und John Glenn den Titel abknöpfen, der mit 77 noch einmal aufgebrochen war.

Ein weiterer Platz wurde für 28 Millionen Dollar, fast 24 Millionen Euro, an eine noch nicht bekannt gegebene Person versteigert.

So fliegt Jeff Bezos mit der Rakete und Raumkapsel New Shepard

Jeff Bezos hat Blue Origin im Jahr 2000 gegründet. In Texas hat die Firma in den vergangenen Jahren die wiederverwendbare Rakete New Shepard entwickelt, die an ihrer Spitze eine Raumkapsel ins All befördert. Bis zu sechs Passagiere finden darin im Kreis angeordnet vor großen Fenstern Platz.

Der Ausflug der New-Shepard-Raumkapsel erfolgt von Bordcomputern autonom gesteuert, also ganz ohne Piloten. Nach rund drei Minuten Flugzeit wird die Kapsel vom Antriebsmodul getrennt. Die Passagiere erleben die Schwerelosigkeit. Nach rund vier Minuten ist eine Höhe von etwas mehr als 100 Kilometern und der Scheitelpunkt des Ausflugs erreicht. Nach rund sechs Minuten bekommen die Passagiere die Schwerkraft wieder zu spüren. Nach etwa neun Minuten Flugzeit wird die Kapsel von drei Fallschirmen abgebremst und kommt nach etwa zehn Minuten in der texanischen Wüste auf. Die Rakete soll bereits nach etwa sieben Minuten wieder in der Nähe der Startrampe landen.

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Jeff Bezos wird am 20. Juli 2021 mit der Rakete New Shepard ins All fliegen. Die Raumkapsel an der Spitze wird abgekoppelt.

Jeff Bezos hat Amazon-Konzernleitung aufgegeben

"Seit meinem fünften Lebensjahr träume ich davon, ins All zu reisen", sagt der 57-Jährige Jeff Bezos. "Das ist ein Abenteuer." Um sich ganz dem Abenteuer Weltraum und seinen anderen Projekten zu widmen, hat Bezos am 5. Juli 2021 nach fast drei Jahrzehnten die Amazon-Konzernleitung niedergelegt.

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    Amazon-Gründer Jeff Bezos fliegt im Juli mit seinem Bruder ins All. Schön wäre es, wenn ihm diese Reise ein spirituelles Erwachen spendiert - und er geläutert und als besserer Mensch zurückkehrt. Denn mit all dem Geld könnte man durchaus Gutes tun.

    Wettrennen um künftigen Weltraum-Tourismus

    Dieser private Wettlauf ins All ist nicht nur das persönliche Wettrennen zweier Superreicher, es ist ein Kräftemessen und Pfründeabstecken ganz besonderer Art: Bei diesem space race wollen die beiden Unternehmer jeweils der Erste, der Beste und derjenige mit der meisten positiven Aufmerksamkeit sein - um sich die aussichtsreichste Startposition für künftigen Weltraum-Tourismus zu sichern. "Technische Brillianz" soll demonstriert werden, wie es Virgin Galactic auf seiner Homepage nennt. Virgin Galactic und Blue Origin - und damit Richard Branson und Jeff Bezos - haben es auf zahlungskräftige Fluggäste zuhauf abgesehen und wollen Privatpersonen, also Weltraum-Touristen und keine professionellen Astronauten, ins All bringen. Richard Branson hebt hervor, dass "der Weltraum uns allen" gehöre - doch Branson und Bezos möchten davon gerne ein großes, und vor allem größeres Stück als der Konkurrent abhaben.

    Selbst solche "einfachen" kurzen Flüge - ohne ein besonderes Ziel wie die ISS oder den Mond - würden mutige Interessenten wohl ab mehreren Hunderttausend Euro aufwärts kosten. Bei Virgin Galactic seien nach eigenen Angaben bereits mehr als 600 Tickets zum Preis von je 250.000 Dollar, rund 210.000 Euro, reserviert. Es geht also um viel Geld - und um's Ganze: Ob die kurzen Weltraum-Ausflüge von Virgin Galactic und Blue Origin denn sicher gelingen, ist so sicher nicht.

    Erst drei bemannte Testflüge ins All für Bransons VSS Unity

    Die VSS Unity des Briten Richard Branson wird am 11. Juli 2021 zu ihrem 22. Testflug, aber erst viertem bemannten Testflug ins All aufbrechen - und zum ersten Mal mit voller, sechsköpfiger Besatzung. Am 22. Mai 2021 hat das Raumflugzeug VSS Unity erstmals einen bemannten, kompletten Testflug in den Weltraum mit zwei Piloten vom Spaceport America aus absolviert. In knapp 14 Kilometern Höhe klinkte das Mutterflugzeug die VSS Unity aus. Das Raumflugzeug beschleunigte mit eigenem Antrieb rund 60 Sekunden lang und setzte den Flug mit dreifacher Schallgeschwindigkeit (Mach 3) kurz fort. Es erreichte eine Höhe von 89,2 Kilometern und landete wieder sicher auf dem Weltraumbahnhof, auch das Trägerflugzeug kehrte unbeschadet zurück.

    Nach Unternehmensangaben war dies der dritte erfolgreiche bemannte Flug der VSS Unity ins All seit ihrem ersten im Dezember 2018. Allerdings landete die VSS Unity bei ihrem Testflug im Februar 2019 zwar sicher, doch die Steuerelemente waren beschädigt. Bei ihrem Testflug im Dezember 2020 funktionierte der Raketenantrieb nicht planmäßig: Die VSS Unity landete nach der Trennung vom Trägerflugzeug gleich wieder auf der Erde, ohne den Weltraum zu erreichen.

    Im Oktober 2014 erlebte Richard Branson mit seinem Unternehmen Virgin Galactic die wohl größtmögliche Katastrophe: Bei einem Testflug über Kalifornien stürzte das Vorgängermodell der VSS Unity, die VSS Enterprise, ab - der Co-Pilot kam dabei ums Leben, der Pilot überlebte schwerverletzt. Möglicherweise begann das Sinkflugprogramm zu früh.

    Virgin Galactic darf Weltraum-Touristen seit 25. Juni ins All bringen

    Am 25. Juni 2021 erhielt Virgin Galactic überhaupt erst die Erlaubnis von der US-Luftverkehrsbehörde FAA, Touristen ins All zu bringen. Nach dem jetzigen Flug sollen noch zwei weitere Testflüge mit der VSS Unity folgen. Geplant ist, dass das Raumflugzeug ab 2022 den kommerziellen Betrieb aufnimmt und Touristen ins All bringt.

    Bezos' New Shepard flog bislang nur unbemannt

    Jeff Bezos hat seine Rakete New Shepard seit 2012 bereits 15 Mal und zuletzt Mitte April 2021 im Weltraum getestet: Die abgetrennte Raumkapsel erreichte eine Höhe von rund 105 Kilometern. Bei allen Tests ist sie erfolgreich gelandet – allerdings war sie stets unbemannt. An Bord befanden sich bestenfalls Testdummys. Wie es der Crew in Bezos' New-Shepard-Raumkapsel ergehen wird, ist also ein noch größeres Rätsel als bei Bransons Raumflugzeug VSS Unity.

    Elon Musk fliegt mit SpaceX bereits Astronauten zur ISS

    Beim privaten Raumfahrtgeschäft mischt noch ein dritter Superreicher mit: Elon Musk. Und er liegt eigentlich vorn beim bisherigen Kräftemessen im Weltraum: Mit seinem Unternehmen SpaceX hat er mithilfe einer Falcon-9-Trägerrakete und der Crew-Dragon-Raumkapsel bereits Astronauten zur ISS gebracht. Und natürlich will auch er in den Weltraum-Massentourismus einsteigen: Bereits 2018 kündigte er an, Touristen um den Mond fliegen zu wollen.

    2023 soll es so weit sein, unter anderem mit dem japanischen Milliardär Yusaku Maezawa an Bord. Noch 2021 will der US-Milliardär Jared Isaacman mit SpaceX ins All fliegen. Ob dann auch Elon Musk mit an Bord sein wird, ist noch nicht bekannt. 2022 will SpaceX gemeinsam mit dem US-Unternehmen Axiom Space und der NASA einen touristischen Raumflug zur ISS unternehmen. An Bord sollen vier Männer aus den USA, Kanada und Israel sein - für rund 55 Millionen Dollar pro Ticket.

    Dennis Tito war 2001 der erste Tourist im Weltraum

    Richard Branson und Jeff Bezos werden nicht die ersten Touristen ins All befördern: Mehrere andere Unternehmen und Raumfahrtbehörden brachten bereits Privatpersonen statt Astronauten in den Weltraum: Als erster Weltraum-Tourist gilt der US-Unternehmer Dennis Tito, der 2001 für rund 20 Millionen Dollar eine Woche auf der ISS verbrachte. Danach folgten noch rund ein halbes Dutzend weitere ISS-Touristen.

    Wenn ihre Vorhaben und damit ihre Marketing-Coups klappen, werden Richard Branson und Jeff Bezos den Weltraum-Tourismus kräftig ankurbeln. Branson hat bereits angekündigt, nach seinem Flug Details zu nennen: "Wenn wir zurückkehren, werde ich etwas sehr Aufregendes ankündigen, um mehr Menschen die Chance zu geben, Astronauten zu werden."

    Selbstredend sind die Entwicklung und Durchführung von Raumfahrt-Missionen nicht nur mit viel Geld, sondern auch mit hohen Sicherheitsrisiken verbunden. Bleibt zu hoffen, dass den hohen Preis für die großen Ziele nicht noch weitere Menschen mit dem Leben bezahlen.

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