BR24 Logo
BR24 Logo
Startseite

NEU

Sind Partys die bedeutendsten Corona-Treiber? | BR24

© dpa-Bildfunk/Paul Zinken

Gäste prosten sich in einer Bar zu. Sind Feiern die Corona-Treiber?

33
Per Mail sharen

    Sind Partys die bedeutendsten Corona-Treiber?

    Jugendliche und junge Erwachsene, die Party machen, seien die Hauptverursacher für die steigenden Corona-Zahlen. So ist es von Seiten der Politiker häufig zu hören. Doch stimmt das? Sind Feiern für die aktuellen Corona-Ausbrüche verantwortlich?

    33
    Per Mail sharen

    Valide Angaben im aktuellen Corona-Infektionsgeschehen zu bekommen ist nicht einfach. Zu schnell steigen die Zahlen, zu schwierig wird es für die Gesundheitsämter in den Landkreisen die entsprechenden Infektionsquellen einzugrenzen und zu bestimmen.

    Erfasst werden die Daten von Covid-19-Erkrankten mit einer entsprechenden Software des Robert Koch-Instituts unterschieden nach bestimmten Infektionsumfeldern. Diese sind unter anderem:

    • Wohnstätten (private Haushalte, Alten-/Pflegeheim, Flüchtlings-/Asylbewerberheim, Wohnheim)
    • Med. Behandlungseinrichtung (Krankenhaus, Arztpraxen, Reha-Einrichtung)
    • Arbeitsplatz
    • Ausbildungsstätte (Schule, Universität)
    • Betreuungseinrichtung (Seniorentagesstätte, Kindergarten, Hort)
    • Freizeit (Verein, Picknick, Zeltplatz, Tierpark, Zoo)
    • Speisestätte (Restaurant, Kantine, Imbiss)
    • Übernachtung (Hotel, Pension, Kreuzfahrtschiff)
    • Verkehrsmittel (Bus, Flugzeug, Fähre, Bahn)

    Insgesamt können bei der Dateneingabe mehr als 30 verschiedene Infektionsumfelder für Ausbrüche in der Software eingegeben werden. Immer mit der Schwierigkeit, dass die Zuordnung zu einem Setting, in dem es zu Ausbrüchen kommt, nicht immer eindeutig ist.

    So lässt es sich manchmal nicht sagen, ob die Übertragung des SARS-CoV-2-Virus bei befreundeten Kollegen auf dem Weg zur Arbeit (Fahrgemeinschaft), oder am Arbeitsplatz (Mittagspause) stattgefunden hat.

    BR Wissen – Entdecken und Verstehen: Das neue Wissensangebot im BR

    Ausbrüche der Infektionen im zeitlichen Verlauf

    Zu Beginn der Pandemie in Deutschland, von Ende März bis Ende April (KW 13-18), standen bei vielen COVID-19-Fällen Alten- und Pflegeheime sowie Krankenhäuser und Flüchtlingsheime im Fokus. Damals war auch die Todesrate bei den über 70-Jährigen besonders hoch.

    Von Juni bis Anfang August (KW 23-32) wurde häufig der Arbeitsplatz als wahrscheinliches Infektionsumfeld angegeben. Dazu zählten insbesondere die Ausbrüche in den fleischverarbeitenden Betrieben wie in Gütersloh. Seit Mitte August (KW33) stellt die Anzahl der Ausbrüche in privaten Haushalten, neben dem Arbeitsplatz und den Freizeitaktivitäten, den größten Anteil an Ausbruchsituationen dar. Im Herbst steigt auch wieder die Anzahl von Fällen in Alten- und Pflegeheimen.

    An welchen Orten häufen sich Corona-Infektionen?

    Aus den Veröffentlichungen des Robert Koch-Instituts lässt sich herauslesen, dass Ausbrüche in privaten Haushalten häufig vorkommen, aber die durchschnittliche Fallzahl pro Ausbruch relativ gering ist. In Alten- und Pflegeheimen haben Corona-Ausbrüche eine sehr viel höhere Fallzahl pro Ausbruch.

    Deutlich weniger Übertragungen gibt es naturgemäß bei Situationen im Freien. Es gibt keine Ausbrüche in Tierparks und Zoos, beim Zelten und nur wenige beim Picknick.

    Ausbrüche im Arbeitsleben gehen meist mit erschwerten Arbeitsbedingungen wie in Schlachtbetrieben oder bei Erntehelfern einher. Hier spielt auch die Unterbringung in beengten Wohnungen eine Rolle. Ähnliches gilt für Ausbrüche in Flüchtlings- und Asylbewerberheimen.

    Vergleichsweise selten kommen Infektionen in Gaststätten, Hotels und in Verkehrsmitteln vor. Dies ist aber sicher auch den vor Ort geforderten AHA-Regeln geschuldet.

    Neue Studie: drei Haupttreiber der Pandemie

    Zu ähnlichen Ergebnissen kommt auch eine neue Übersichtsstudie, die im Fachmagazin "Science" veröffentlicht worden ist (22.10.2020). Demnach seien 46 bis 66 Prozent der Ansteckungen haushaltsbasiert. Auch "Superspreading-Events" spielen eine große Rolle, zum Beispiel bei Chorproben, Gottesdiensten, Fleisch verarbeitende Betriebe oder Hochzeiten. Interregionale und internationale Reisen seien der dritte Haupttreiber der Pandemie.

    Immer wieder genannt: die jungen Erwachsenen

    Doch wie steht es um die Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Alter zwischen 15 und 34 Jahren? Eine Covid-19-Erkrankung hat in dieser Altersgruppe meist keinen schweren Krankheitsverlauf. Das RKI schreibt dazu: "Jüngere Menschen, die zwar ein deutlich geringeres Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf haben und deshalb möglicherweise (bei niedrigerer Risikowahrnehmung) die Empfehlungen zur Infektionsverhinderung (AHA-Regeln) nicht ernst genug nehmen, können das Virus durch enge Kontakte im privaten Umfeld weiterverbreiten."

    Klar ist, wer wenige bis keine Symptome hat, denkt vielleicht zunächst nicht an Corona, wenn es mal im Hals kratzt. So können Infektionsketten unbemerkt beginnen, die dann zu größeren Ausbrüchen führen. Doch tatsächlich hat beispielsweise der globale Klimastreik am 25. September, bei dem viele Teilnehmer dieser Altersgruppe angehörten, nicht zu einem größeren Ausbruch von Corona-Infektionen geführt.

    Feiern für Anstieg der Inzidenz verantwortlich?

    Und wie steht es um Partys? Das RKI spricht in diesem Zusammenhang von "Feiern im Familien- und Freundeskreis". Sie werden gerne und immer wieder von Politikern als ein wichtiger Corona-Treiber genannt. Auch jüngst wieder im Landkreis Berchtesgaden, wo Ministerpräsident Markus Söder eine private Geburtstagsfeier als Ursache für den starken Anstieg der Inzidenz genannt hat: "Ausgangspunkt war auch wieder eine entsprechende Party."

    Sowohl Landrat Bernhard Kern als auch der Leiter des dortigen Gesundheitsamtes, Wolfgang Krämer, distanzierten sich von Söders Schnellanalyse und sprachen lieber von einem "diffusen Geschehen im gesamten Landkreis". Ein Ausdruck, den auch das RKI in seinem täglichen Lagebericht gerne verwendet: "Zusätzlich kommt es in zahlreichen Landkreisen zu einer zunehmend diffusen Ausbreitung von SARS-CoV-2-Infektionen in die Bevölkerung, ohne dass Infektionsketten eindeutig nachvollziehbar sind."

    Dies müsste aber bei einer privaten Feier leicht der Fall sein, denn das Gesundheitsamt vor Ort fragt die Details zu den Infektionsquellen nach Aussage des Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) genau nach. "Die Gesundheitsämter sind grundsätzlich dazu gehalten, die Infektionsquellen bei positiven Fällen sorgfältig zu ermitteln", so die Aussage von Aleksander Szumilas, Pressesprecher des LGLs. Erkranken mehrere Menschen nahezu gleichzeitig an Covid-19 wäre die Quelle eindeutig.

    © Robert Koch-Institut

    Grafik aus dem RKI-Lagebericht vom 20. Oktober 2020

    Wie kommen Daten über Infektionsgeschehen zum RKI?

    Die Abfrage vor Ort wird vom jeweiligen Gesundheitsamt an das LGL übermittelt und von dort an das RKI in Berlin. Nutzt das jeweilige Gesundheitsamt die entsprechende Software des RKIs - das tun derzeit rund 270 von 400 Gesundheitsämtern - wird die Infektionsquelle "Feier" dann in eines der o. g. Settings gepackt. "Ausbrüche auf Feiern dürften meist unter 'Freizeit' von den Gesundheitsämtern übermittelt worden sein, alternativ 'privater Haushalt'", so das RKI am 21. Oktober auf Anfrage.

    Unter Freizeit werden aber auch Ausbrüche nach Gottesdiensten subsumiert. In privaten Haushalten gibt es wie schon beschrieben viele Ausbrüche, aber diese mit eher geringen Fallzahlen. "Party ist vielleicht auch etwas sehr eingeschränkt, auch haushaltsübergreifende Zusammenkünfte (z.B. Spieleabende, gemeinsames Kochen, Vereinssitzungen) können infektionsrelevante Ereignisse darstellen", relativiert das RKI.

    Welche Schlüsse lassen sich mit Blick auf Partys ziehen?

    Was bedeutet das nun im Hinblick auf die Ausgangsfrage - dass Feiern häufig als Corona-Treiber genannt werden? Erstens, es gibt bislang kaum belastbare Zahlen, die diese These eindeutig belegen. Zweitens ist es schwierig, diese Feiern reflexhaft jüngeren Menschen zuzuschreiben.

    Eine Jugendstudie der TUI Stiftung vom 22. Oktober kommt aktuell zu dem Schluss, dass die Akzeptanz für die Maßnahmen zur Bekämpfung der Corona-Pandemie unter jungen Deutschen sehr hoch ist. 52 Prozent der jungen Menschen hält die Maßnahmen zur Corona-Bekämpfung für angemessen, 83 Prozent hält sie ein. Für die Studie wurden junge Menschen zwischen 16 und 26 Jahren vom Meinungsforschungsinstitut YouGov befragt.

    Was allerdings nicht von der Hand zu weisen ist, und darauf weist RKI-Präsident Lothar H. Wieler in seinem Presse-Briefing vom 22. Oktober eindringlich hin: Überall dort, wo Menschen miteinander intensiv interagieren, besteht in schlecht belüfteten Innenräumen die Gefahr, dass sie sich über die Aerosole beim Lachen und Sprechen anstecken. Daher sollten Feiern möglichst vermieden werden und wenn Party, dann mit möglichst wenigen Menschen, damit man möglichst wenige infizieren kann, so das Fazit von Wieler.

    "Darüber spricht Bayern": Der BR24-Newsletter informiert Sie immer montags bis freitags zum Feierabend über das Wichtigste vom Tag auf einen Blick – kompakt und direkt in Ihrem privaten Postfach. Hier geht’s zur Anmeldung!