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Embryos: Menschliche Vorläufer aus der Petrischale

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Neue Embryo-Forschung: Menschliche Vorläufer aus der Petrischale

Menschen aus der Petrischale? Das scheint zumindest in der Theorie ein Stück näher gerückt zu sein. Zwei Forschergruppen vermelden: Es ist ihnen gelungen, ohne Befruchtung Vorläufer menschlicher Embryonen im Labor herzustellen.

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Von
  • Leander Beil

Ob Frankenstein oder Homunculus, die künstliche Erzeugung von Leben fasziniert uns Menschen und besonders die Wissenschaft schon seit geraumer Zeit. Nun horcht die forschende Gemeinschaft auf, denn zwei Teams aus den USA und Australien haben Fortschritte verkündet: Im Fachmagazin „Nature“ berichten sie, dass menschliche Embryo-Vorläufer ohne Befruchtung im Labor kreiert werden konnten.

Die Struktur ist eine Art Zellball

Konkret handelt es sich bei dieser Frühform um eine Art Zellball, eine sogenannte blastozysten-ähnliche Struktur. Vergleichbar ist dieser Ball, der aus etwa 200 embryonalen Zellen zusammengesetzt ist, mit dem Zustand nach etwa fünf bis sechs Tagen bei einer natürlichen Spermium-Eizellen-Befruchtung.

Dafür wählten die beiden Forschergruppen unterschiedliche Herangehensweisen: Das Team aus den USA differenzierte die Zellstruktur aus embryonalen Stammzellen in 3D-Zellkultur. Die australischen Forscher hingegen reprogrammierten sogenannte Fibroblasten, ein zellulärer Hauptbestandteil des Bindegewebes. Mit diesen führten sie dann im Reagenzglas Experimente bei der Einnistung durch. So wird der Vorgang bezeichnet, bei dem sich üblicherweise der Embryo in die Gebärmutterschleimhaut einnistet.

Die Forscher hielten die Ethikregeln strikt ein

Festzuhalten bleibt: Die internationalen Regeln zur Embryonalforschung hielten die Forscher allesamt strikt ein. Daraus folgte unter anderem der Abbruch der Einnistungs-Experimente nach viereinhalb Tagen. Insgesamt lag die Erfolgsrate bei den Experimenten zwischen sechs und 18 Prozent. Von den Ergebnissen erhoffen sich beide Teams Erkenntnisse über frühen Schwangerschaftsverlust oder Entwicklungsdefizite bei der Entstehung von Embryos.

© Rui Diogo, Natalia Siomava and Yorick Gitton
Bildrechte: Rui Diogo, Natalia Siomava and Yorick Gitton

Hand eines zehn Wochen alten Embryos

Die Ergebnisse sind bemerkenswert, aber nicht überraschend

Thomas Zwaka, Professor an der Icahn School of Medicine in New York, USA, sieht die Ergebnisse jedoch als nicht wirklich überraschend. Ähnliche Versuche in Mäusen hätten bereits zu vergleichbaren Befunden geführt. Dem schließt sich Michele Boiani, Leiter der Arbeitsgruppe „Mouse Embryology“ vom Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin, an, auch wenn er die neuen Resultate als durchaus bemerkenswert beschreibt. Entscheidend bleibt für Boiani jedoch Folgendes:

„Der eigentliche Punkt ist jedoch für mich, dass die Blastoide, selbst wenn sie sich als funktionstüchtig erweisen, nur einen begrenzten Einblick in die Ursachen des frühen Schwangerschaftsverlustes und der Entwicklungsdefekte beim Mensch bieten.“ Michele Boiani, Max-Planck-Institut für molekulare Biomedizin

Das führt Boiani unter anderem darauf zurück, dass die äquivalente natürliche Struktur zwei Elternteile besitze. Ein Entwicklungsdefizit, das beispielsweise aus der Interaktion zwischen Spermium und Eizelle resultiert, sei also durch die neuen Untersuchungen nicht in den Blick zu bekommen.

Neben wissenschaftlichen Kritikpunkten sind bei solchen und ähnlichen Untersuchungen auch immer ethische und rechtliche Kriterien zentral. Zuletzt wurde der hinter einem Experiment mit genmanipulierten Babys stehende, chinesische Wissenschaftler He Jiankui Ende 2019 zu drei Jahren Haft verurteilt. Seine höchst fragwürdigen Forschungen hatten 2018 eine Welle der Empörung ausgelöst.

Auch wenn Jiankuis Experimente mit der Entwicklung von embryonalen Vorläufern kaum vergleichbar sind, stellt sich auch hier stets die Frage: Wie sind solche basalen menschlichen Zellstrukturen zu bewerten? Bis zu welchem Grad ähneln sie bereits menschlichen Lebewesen? Probleme, die immer wieder von Experten und Öffentlichkeit von Neuem erörtert werden müssen.

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