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Rettung des Nördlichen Breitmaulnashorns Das Nashornbaby aus dem Labor

Najin und Fatu sind die letzten ihrer Art - zwei Weibchen des Nördlichen Breitmaulnashorns. Sudan, das letzte Männchen, starb 2018. Wissenschaftler setzen alles daran, die Art vor dem Aussterben zu bewahren, durch künstliche Befruchtung.

Stand: 21.08.2020

Als im März 2018 ein Breitmaulnashorn in einem Reservat in Kenia eingeschläfert werden musste, war die Trauer groß. Denn Sudan, wie der Nördliche Breitmaulnashornbulle hieß, war der letzte männliche Vertreter seiner Art. Weltweit leben nur noch zwei Exemplare dieser Nashorn-Unterart: die beiden Kühe Najin und Fatu - Sudans Tochter und Enkelin. Um diese Rhino-Art mit dem charakteristischen breiten Maul und seinen zwei Hörnern vor dem Aussterben zu retten, setzen Forscher des Berliner Leibniz-Instituts für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) auf Methoden der künstlichen Befruchtung und der Stammzellforschung. Sollten diese Verfahrensweisen erfolgreich sein, könnte man auf diese Weise auch andere stark gefährdete Arten vor dem Aussterben retten.

Südliche Breitmaulnashörner als Leihmütter

Von dieser eng verwandten Unterart gibt es in freier Wildbahn noch mehr als 20.000 Exemplare. Sie wird daher von der IUCN als "gering gefährdet" eingestuft. Die Chancen sind nach Angaben der Forscher "sehr hoch", dass ein Südliches Breitmaulnashorn als Leihmutter auf diese Art trächtig werden kann. Denn die beiden Nördlichen Breitmaulnashorn-Weibchen Najin und Fatu sind nicht mehr in der Lage, selbst Nachwuchs auszutragen.

Das Forscherteam aus Deutschland, Italien, der Tschechischen Republik, Japan und den USA verfolgt zur Rettung des Nördlichen Breitmaulnashorns zwei Ansätze, um ein kleines Nördliches Breitmaulnashorn zurück auf die Welt zu bringen.

1. Ansatz: Künstliche Befruchtung der Eizellen der beiden Weibchen

Bei der ersten Methode werden den beiden verbliebenen Nashornkühen Najin und Fatu Eizellen entnommen, um sie außerhalb des Körpers mit einem Spermium zu vereinen. Das Sperma von vier bereits verstorbenen Nördlichen Breitmaulnashörnern lagert bei minus 196 Grad Celsius in flüssigem Stickstoff am IZW. Unter dem Mikroskop werden die Spermien direkt in die Eizellen gespritzt. Diese Methode, die auch eine häufig genutzte Methode zur künstlichen Befruchtung beim Menschen ist, heißt Intrazytoplasmatische Spermien-Injektion (ICSI). Nach der Befruchtung im Reagenzglas wird der Embryo in die Gebärmutter eines Südlichen Breitmaulnashorns eingesetzt und von dieser Leihmutter ausgetragen.

Mittlerweile drei Embryonen des Nördlichen Breitmaulnashorns erzeugt

Bereits im Spätsommer 2019 gelang es dem Forscherteam, zehn Eizellen der beiden letzten Weibchen des Nördlichen Breitmaulnashorns zu entnehmen und zwei davon künstlich zu befruchten, mit dem Sperma bereits verstorbener Bullen. Ein drittes Ei wurde im Januar 2020 befruchtet. Seither liegen diese Embryonen des Nördlichen Breitmaulnashorns auf Eis, um Südlichen Breitmaulnashorn-Leihmüttern eingesetzt zu werden.

"Die Embyronen werden nun in flüssigem Stickstoff gelagert, um in der Zukunft in eine Leihmutter überführt zu werden. Dies wird voraussichtlich ein Weibchen der verwandten Unterart des Südlichen Breitmaulnashorns sein. Das gesamte Team entwickelt und plant diese Verfahren seit Jahren."

Thomas Hildebrandt vom Leibniz-IZW

Erneut Eizellen entnommen - für möglichst viele Nashorn-Babys

Im August 2020 konnten den beiden letzten Nördlichen Breitmaulnashorn-Weibchen Najin und Fatu erneut zehn Eizellen entnommen werden, um auch sie zu befruchten.

"Wenn man die Art der Nördlichen Breitmaulnashörner wieder aufbauen will, ist ein Baby nicht genug. Wir brauchen so viele Babys wie möglich. Deshalb möchten wir alle drei oder vier Monate weitere Eizellen entnehmen."

Jan Stejskal, Direktor für internationale Projekte, Safari Park Dvůr Králové

2. Ansatz: Wiederbelebung aus Hautzellen

Um ihre Erfolgsaussichten zu erhöhen, forschen die Wissenschaftler parallel an Stammzelltechnologie. Damit sollen Nashorn-Hautzellen in pluripotente Stammzellen, aus denen sich alle Gewebearten entwickeln können, umgewandelt werden. In weiteren Schritten könnten daraus Keimzellen, also Spermien und Eizellen, gewonnen werden. Auch bei diesem Forschungsansatz sind erste Schritte bereits erfolgsversprechend verlaufen. In Kryobanken in Berlin und San Diego liegen eingeforen Hautzellen von 13 Nördlichen Breitmaulnashörnern. Auch bei dieser Methode könnten Embryos im Reagenzglas entstehen und Südlichen Breitmaulnashorn-Leihmüttern eingesetzt werden.

Weil es nur eine geringe Anzahl an Eizellen und Spermien gibt und die beiden noch lebenden Nashornkühe auch direkt miteinander verwandt sind, dient der Stammzellen-Ansatz dazu, die genetische Vielfalt zu erhöhen. Die Forscher wollen dadurch eine sich selbst erhaltende, genetisch gesunde Population des Nördlichen Breitmaulnashorns erschaffen.

"Unser Ziel ist es, dass in drei Jahren das erste kleine Nördliche Breitmaulnashorn geboren wird."

Thomas Hildebrandt vom Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW) in Berlin

Beispiel Pyrenäensteinbock

Doch gerade High-Tech-Verfahren seien kein Garant für den Erhalt einer bedrohten Tierart, schreiben Terri Roth und William Swanson vom Center for Conservation and Research of Endangered Wildlife in Cincinnati. Sie verweisen auf das Beispiel des Pyrenäensteinbocks. Von dieser Unterart des Iberiensteinbocks starb im Jahr 2000 das letzte Exemplar. Wissenschaftler schafften es tatsächlich, mit seinen Zellen ein Jungtier zu klonen. Doch es verstarb wenige Minuten, nachdem es zur Welt gekommen war, weil seine Lunge noch unreif war.

Forschungsprojekt BioRescue zur Nashorn-Züchtung

Das Forschungsprojekt BioRescue zur Rettung des akut vom Aussterben bedrohten Nördlichen Breitmaulnashorns startete offiziell am 24. Juni 2019. Das internationale Team unter der Leitung des IZW wird dafür mit rund vier Millionen Euro vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) als Teil der BMBF-Forschungsinitiative zum Erhalt der Artenvielfalt gefördert.

  • Die Rettung des Nördlichen Breitmaul-Nashorns geht weiter. radioWelt, 21.08.2020 um 06:05 Uhr, Bayern 2
  • Rettung des Nördlichen Breitmaulnashorns. IQ - Wissenschaft und Forschung, 11.09.2019 um 18:05 Uhr, Bayern 2
  • Gespräch mit Robert Hermes zur Rettung des Nördlichen Breitmaulnashorns: radioWelt, 5.7.2018, 6.05 Uhr, Bayern 2
  • Nashornsterben - Rettung aus dem Labor: Gut zu wissen, 14.4.2018, 19.00 Uhr, Bayerisches Fernsehen
  • Breitmaulnashorn aus dem Labor: IQ - Wissenschaft und Forschung, 4.4.2018, 18.05 Uhr, Bayern 2
  • Gespräch mit Steven Seet, Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung (IZW), zur Rettung bedrohter Nashörner: radioWelt, 21.3.2018, 6.05 Uhr, Bayern 2

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