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Eine Podcast-Reihe des Bayerischen Rundfunks mit Dr. Christoph Spinner vom Münchner Klinikum Rechts der Isar rund um Corona: Klinikalltag, Therapie von Covid-19-Patienten und aktuelle Forschungsthemen.

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Der Astrazeneca-Impfstoff und das Thrombose-Risiko

In Bayern ist der Impfstoff von Astrazeneca für alle über 18 Jahren freigegeben, genau so, wie die Europäische Arzneimittelbehörde das empfiehlt. Menschen unter 60 müssen vor der Impfung ein ausführliches Beratungsgespräch mit dem Hausarzt führen.

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Von
  • Veronika Bräse
  • Yvonne Maier

In Deutschland gab es bis 15. April 59 gemeldete Fälle von Hirnvenenthrombosen, die im zeitlichen Zusammenhang mit einer Astrazeneca-Impfung aufgetreten sind. Bei den meisten der Fälle waren Frauen betroffen, zwölf dieser Menschen sind verstorben. Bis Mitte April wurden nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) mehr als 4,2 Millionen Erstdosen und über 4.100 Zweitdosen des Impfstoffs in Deutschland verabreicht. Empfohlen wird der Impfstoff von der Ständigen Impfkommission nur noch für Menschen über 60 Jahren - die Europäische Arzneimittelbehörde sagt dagegen seit Mitte März: Das Vakzin Astrazeneca sei für alle über 18 Jahren sicher. Der Nutzen durch den Schutz vor einer Covid-19-Erkrankung sei höher als das Risiko einer Hirnvenenthrombose durch die Impfung.

In vier Bundesländern (Bayern, Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Sachsen) ist seit dieser Woche dennoch die Impfpriorisierung für Astrazeneca aufgehoben. Alle über 18 Jahren können sich demnach nach Rücksprache und Beratung mit ihrem Hausarzt oder ihrer Hausärztin mit dem Vakzin impfen lassen.

Was ist eine Hirnvenenthrombose?

Eine Hirnvenenthrombose oder Sinusvenenthrombose ist ein Blutgerinnsel im Gehirn. Es verstopft Venen, also Blutbahnen, die für den Blutabfluss sorgen. Es kann in der Folge zu einem Schlaganfall kommen, weil das Hirngewebe anschwillt, wenn sich das Blut staut. Das häufigste Symptom sind Kopf- und Nackenschmerzen, die länger anhalten. Manchmal gibt es auch Sehstörungen oder Lähmungserscheinungen. Bei einer Computertomographie lassen sich Blutgerinnsel erkennen.

"Sinusvenenthrombosen sind sehr seltene Erkrankungen der blutversorgenden Gefäße des Gehirns und zwar der Blutgefäße, der Venen, die das Blut vom Gehirn wegführen." Christoph Spinner, Infektiologe am Klinikum rechts der Isar in München

Wie gefährlich sind Thrombosen im Gehirn?

Hirnvenenthrombosen sind selten und für etwa ein Prozent der Schlaganfälle verantwortlich. Es gibt die sogenannte Sinusthrombose, die ebenfalls die Venen betrifft. Hier ist eine ganz spezielle Region im Gehirn beeinträchtigt: Die äußerste Hirnhaut.

"Es ist auch eine Frage von Wahrscheinlichkeiten. Diese Erkrankungen wie Sinusvenenthrombosen kommen in der allgemeinen Bevölkerung vor und insbesondere bei den Menschen, die momentan priorisiert der Covid-Impfung zugeführt werden, weil sie ein hohes Risiko für schwere Verläufe bei Covid-19 haben." Christoph Spinner, Infektiologe am Klinikum rechts der Isar in München

Welche Risikofaktoren gibt es normalerweise für eine Hirnvenenthrombose?

Während einer Schwangerschaft steigt durch den Einfluss der Hormone das Risiko für Thrombosen. Es treten dann auch mehr Blutgerinnsel im Gehirn auf. Das gilt auch bei Menschen, die an Krebs erkrankt sind. Auch Stoffwechselstörungen oder Infektionskrankheiten können dazu führen, dass Venen im Gehirn verstopfen. Christoph Spinner, Infektiologe am Klinikum rechts der Isar in München, betont, dass man sich jetzt alle Einflussfaktoren genau anschauen müsse. Gab es Vorerkrankungen und andere Ereignisse, die Thrombosen begünstigen? Haben sie Arzneimittel eingenommen, die Blutgerinnsel wahrscheinlicher machen? Dann muss man einschätzen, welche Faktoren den Ausschlag gegeben haben und ob es wirklich an der Impfung lag, so Spinner.

Wie oft kommt eine Hirnvenenthrombose normalerweise vor?

Thrombosen im Gehirn treten in der allgemeinen Bevölkerung etwa zwei bis fünf Mal pro einer Million Personen pro Jahr auf. Bei 1,6 Millionen Geimpften und mittlerweile 13 Fällen in Deutschland seit Impfbeginn Anfang Februar sind dies überdurchschnittlich viele Fälle.

"Es scheint also, dass Hirnthrombosen zumindest in Europa häufiger als erwartet gemeldet wurden." Paul Hunter, Mediziner an der Norwich School of Medicine in East Anglia, England

Ist das Risiko nach einer Astrazeneca-Impfung höher als sonst?

Weltweit sind bereits Millionen Menschen mit Astrazeneca geimpft. Blutgerinnungsstörungen sind nun in Einzelfällen nachgewiesen worden, wobei noch nicht klar ist, welche Auslöser es dafür gab. Bei Covid-19-Erkrankten zeigt sich dagegen sehr häufig, dass Embolien und Gerinnungsstörungen auftreten.

"Patienten, die mit Covid-19 im Krankenhaus behandelt werden, bekommen in der Regel blutverdünnende Medikamente, weil Gefäßverschlüsse häufig auftreten. Wir wissen, wenn wir das nicht tun, dann erhöht sich das Risiko für schwere Verläufe, die auch zum Tod führen können." Christoph Spinner, Infektiologe am Klinikum rechts der Isar in München

In der 85. Folge des NDR-Podcasts "Coronavirus-Update" erklärt Virologin Sandra Ciesek, was die Auslöser für die Thrombosen nach der Impfung sein könnten. Einerseits könnte es mit dem verwendeten Adenovirus sein. Das ist ein Bestandteil der Impfstoffe von Astrazeneca aber auch von Johnson und Johnson. Die Viren sind im Impfstoff nur als Transportvehikel gedacht und schleusen den genetischen Code für das Spike-Protein nur in die Zellen ein.

"Ich kenne das auch nicht von einer Adenovirus-Infektion, es ist eine relativ harmlose Erkältungskrankheit bei den meisten, dass das bei den Patienten vermehrt zu Thrombosen führen würde." Prof. Sandra Ciesek, Virologin, Universitätsklinikum Frankfurt im Coronavirus-Update Folge 85

Die zweite Möglichkeit: Das Spike-Protein selbst könnte die Blutgerinnsel auslösen. Das hält Sandra Cisek für wenig wahrscheinlich, weil dann müsste man das bei einer Covid-19-Erkrankung selbst auch häufiger sehen. Die dritte Möglichkeit: die freie DNA in den Vektorviren könnte mit Bestandteilen des Bluts Komplexe bilden:

"Da gibt es ältere Daten, die fast zehn Jahre alt sind, dass freie DNA Komplexe mit Plättchenfaktor 4 bilden kann. Das ist schon möglich, wenn man überlegt, dass eine ganz große Menge an Vektorviren gespritzt wird." Prof. Sandra Ciesek, Virologin, Universitätsklinikum Frankfurt im Coronavirus-Update Folge 85

Eine Spritze Astrazeneca enthalte demnach 50 Milliarden Adenoviren, Sputnik V sogar 100 Milliarden. Dabei könnte es vorkommen, dass "ein Adenovirus-Vektor durch die Lagerung kaputt geht, durch die Herstellung der Lösung, durch eine mechanische Belastung. Das führt dann dazu, dass freie DNA freigesetzt wird und das kann zu Immunreaktionen führen." Doch bewiesen sei das noch nicht.

Für wen ist das Risiko der Impfnebenwirkung am größten?

Die Universität Cambridge hat eine Übersicht erstellt, in der die Risiken und Vorteile einer Impfung mit dem Vakzin von Astrazeneca gegenübergestellt werden.

"Das Risiko hängt auch davon ab, wie riskant es ist, für die bestimmte Person an der Infektion zu erkranken, also Covid-19 zu bekommen. Wie wahrscheinlich es ist, dass der Impfstoff bei dieser Person dieses seltene Krankheitsbild der Sinusvenenthrombose dann wirklich verursacht? Und wie wahrscheinlich es ist, dass dann auch diese Sinusvenenthrombose zu schweren Symptomen oder sogar zum Tod führt? Das wird wahrscheinlich häufig überschätzt. Das hängt vor allen Dingen vom Alter ab der Person." Prof. Sandra Ciesek, Virologin, Universitätsklinikum Frankfurt im Coronavirus-Update Folge 85

Das Ergebnis der Untersuchung: Selbst bei jüngeren Menschen ist das Risiko für eine Einweisung in die Intensivstation aufgrund einer Covid-19-Erkrankung doppelt so hoch wie das Risiko einer schweren Schädigung durch den Impfstoff. Das betrifft Menschen zwischen 20 und 29 Jahren, bei Menschen zwischen 60 und 69 Jahren ist das Risiko sogar 600-mal höher. Nur ein Szenario falle anders aus:

"Das ist für Menschen, die jünger als 30 Jahre alt sind und sich in risikoarmen Covid-19-Zonen, also Niedrig-Inzidenz-Zonen befinden." Prof. Sandra Ciesek, Virologin, Universitätsklinikum Frankfurt im Coronavirus-Update Folge 85

Thrombozytopenie: Eine weitere Impf-Nebenwirkung?

Neben den Thrombosen zeigt sich auch, dass die Zahl der Thrombozyten, der Blutplättchen, abnimmt. Das kommt daher, dass bei einer Thrombose Blutplättchen verbraucht werden. Es kommt zur Thrombozytopenie, also zum Mangel an Blutplättchen.

"Bei einer Sinusvenenthrombose kommt es im Rahmen der ungerichteten Gerinnung zu einem Verbrauch nicht nur von Gerinnungsbestandteilen wie Fibrinogen, Prothrombinkomplexen und Gerinnungsfaktoren. Es kommt auch zu einem Verbrauch von zur Gerinnung nötigen Blutbestandteilen wie Thrombozyten - daher gegebenenfalls zu einer Thrombozytopenie." Clemens Wendtner, Chefarzt in der München Klinik Schwabing

Gibt es einen Zusammenhang zwischen Thrombose zur Antibabypille?

Sinunsvenenthrombosen treten bei Frauen generell häufiger auf als bei Männern. Experten vermuten, dass die Hormone eine Rolle spielen. Auch die Antibabypille hat als eine mögliche Nebenwirkung, dass sich Thrombosen bilden können. Peter Berlit von der Deutschen Gesellschaft für Neurologie sagt, dass man in der späten Schwangerschaft, im Wochenbett und bei Frauen, die die Antibabypille einnehmen, die Sinusvenenthrombosen am häufigsten sehen könne. Wichtig zu wissen wäre, ob sie Vorerkrankungen hatten. Ohne genauere Informationen sei das nicht zu interpretieren, so Berlit im März.

Sinusvenenthrombosen auch bei Johnson und Johnson

Mittlerweile sind auch beim Impfstoff von Johnson und Johnson in den USA acht Sinusvenenthrombosen im zeitlichen Zusammenhang mit der Impfung gemeldet worden. Auch hier handelt es sich um einen Vektor-Impfstoff. Nach erneuter Prüfung empfiehlt die EMA den Impfstoff weiterhin.

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Der Impfstoff von Astrazeneca ist in Bayern seit Mittwoch für alle Altersgruppen ab 18 Jahren freigegeben. Freie Impfstoff-Kontingente wurden aber nicht gleichmäßig im Freistaat verteilt.

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