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Kadaverforschung: Warum tote Tiere für die Natur wichtig sind | BR24

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In abgestorbenen Ästen und Bäumen finden Pilze und Käfer einen Lebensraum mit viel Nahrung. Aber nicht nur totes Holz zieht Arten an. Ein Forschungsprojekt im Nationalpark Bayerischer Wald mit toten Tieren kommt zu ganz erstaunlichen Ergebnissen.

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Kadaverforschung: Warum tote Tiere für die Natur wichtig sind

Bislang wurden Tierkadaver aus ästhetischen und veterinärrechtlichen Gründen aus Nationalparks entfernt. Nicht so im Nationalpark Bayerischer Wald. Hier läuft seit 2012 ein Forschungsprojekt mit toten Tieren - mit erstaunlichen Ergebnissen.

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Keiner sieht gerne tote Tiere in der Natur. Für die wissenschaftlichen Mitarbeiter im Nationalpark Bayerischer Wald ist das mittlerweile anders. Seit 2012 werden die toten Tiere dort - bisher allerdings nur abseits der Besucherwege - entgegen der Gewohnheit zurückgelassen oder an spezielle Stellen, sogenannte Luderplätze, gebracht. Sinn und Zweck der Aktion ist ein Forschungsprojekt. Anfangs ging es dabei lediglich darum, die wissenschaftlichen Mitarbeiter und Ranger des Nationalparks für die toten Tiere zu sensibilisieren. Inzwischen ist aus den Tierkadavern im Nationalpark aber ein viel nachhaltigeres Forschungsprojekt geworden. Seit Herbst 2017 ermittelt dort Christian von Hoermann, wissenschaftlicher Mitarbeiter auf dem Gebiet, welche Auswirkungen die toten Tiere auf die Artenvielfalt haben. Die Ergebnisse seiner bisherigen Untersuchungen sind beachtlich: Kadaver spenden neues Leben und erhöhen, ebenso wie Totholz, die Biodiversität in der Natur.

Fliegen sind die ersten Profiteure der Kadaver

Für viele Tiere ist der Duft toter Tiere geradezu unwiderstehlich. Die Fliegen sind die ersten Tiere, die davon angelockt werden. Bis aus drei Kilometern Entfernung können sie den Verwesungsgeruch wahrnehmen, befallen das tote Tier und legen zwischen 200 und 230 Eier darauf ab. Was für die Verarbeitung des Kadavers entscheidend ist: Aus jedem Ei schlüpft eine Made. Und jede Made vertilgt etwa zwei Gramm Fleisch des toten Tieres, bevor aus ihr wieder eine Fliege wird. So dauert es nicht lange, bis von dem toten Tier nichts mehr übrig ist. Dabei wirkt sich die erhöhte Umgebungstemperatur, die aufgrund des Gewimmels um das tote Tier entsteht, sowohl auf die Entwicklung der Maden als auch auf die Verwesung des Kadavers zusätzlich beschleunigend aus.

"Dunkle" Biodiversität durch spezielle Insektenfallen

Für seine Forschungen hat Christian von Hoermann neben den Kadavern spezielle Insektenfallen auf dem Boden installiert. 112 Arten, die bei Standardfallen normalerweise nicht erfasst worden wären, konnte er mit dieser Methode einfangen. Als "dunkle Biodiversität" bezeichne man das, was einem mit Standardfallen entgehe, sagt der Ökologe. Auch auf dem Gebiet des Nationalparks Bayerischer Wald bisher nicht nachgewiesene Arten konnte der Wissenschaftler so ermitteln.

Fehlende Kadaver lassen Arten verschwinden

Klar ist: Mit den toten Tieren können nur Arten angelockt werden, die schon beziehungsweise noch im Ökosystem existieren. Aber auch wenn nicht alle Arten über Tierkadaver herfallen, überleben viele eben nur, wenn regelmäßig verendete Tiere da sind. Verschwinden die toten Tiere, verschwinden auch die Arten, die von ihnen leben. Ein Beispiel dafür ist der Totengräber, ein Käfer, der von großen Kadavern lebt und schnell verschwindet, wenn er keine Kadaver findet.

Kurios, aber effektiv: Das Überleben des Fliegentöterpilz

Wie sehr Tierkadaver für das Ökosystem gebraucht werden, beweist der Fliegentöterpilz auf eine kuriose Art. Der Pilz tötet erst die Fliege ab, dann wächst er aus der Fliege heraus. Die Hinterleibe der Fliege erscheinen dadurch größer. Männliche Fliegen fühlen sich durch die größeren Hinterleibe der Weibchen angezogen, kopulieren mit ihnen. "Das ist für die Fortpflanzung zwar nicht zielführend, aber während der Kopulation nehmen sie Sporen von dem Pilz auf und tragen die wieder ins Ökosystem weiter“, sagt von Hoermann. "Fliegen würden auch, wenn die Optik stimmt, mit einer Glasmurmel kopulieren", fügt der Wissenschaftler hinzu.

Fotofallen dokumentieren Aasfresser

Auch Fotofallen hat Christian von Hoermann im Nationalpark aufgestellt. Damit kann er dokumentieren, wer alles von den Kadavern profitiert. Neben Fliegen, Käfern und Maden sind es Wölfe, Luchse und Greifvögel. Wissenschaftler von Hoermann sagt, Kadaver seien ein unglaublicher Nährstoffimpuls für das Ökosystem.

"Der Kadaver ist eine wichtige Ressource für kurze Zeiträume, die aber immer wieder anfällt, und somit profitiert tatsächlich das ganze System davon.“ Christian von Hoermann, Leiter des Projekts über Kadaverforschung im Nationalpark Bayerischer Wald

Kadaverforschung: Weitere Projekte geplant

Dass Kadaver für das Ökosystem extrem wichtig sind, davon ist Wissenschaftler von Hoermann überzeugt. Beim Bundesumweltministerium beantragt er deshalb gerade weitere Langzeit-Forschungsprojekte für alle 16 deutschen Nationalparks. Wenn das klappt, soll dort ab Herbst 2022 mindestens sechs Jahre lang über tote Tiere geforscht werden. Auch sollen dann die Besucher der Nationalparks mehr in die Projekte mit eingebunden werden. So ist geplant, die toten Tiere - anders als bisher - selbst auf den Besucherwegen liegen zu lassen.

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