Christian Drosten berührt mit seiner Hand den Kopf und schaut zum Boden
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Christian Drosten ist einer der Experten, auf den die Politik in der Corona-Pandemie vertraut.

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    #Faktenfuchs - Was macht einen Experten zu einem Experten?

    #Faktenfuchs - Was macht einen Experten zu einem Experten?

    Gerade während der Corona-Pandemie sind "Experten" gefragt. Nicht immer ist gleich klar, ob die, die sich äußern, seriös sind. Vor allem Fachfremden fällt die Beurteilung schwer. Was einen Experten ausmacht, das erklärt dieser #Faktenfuchs.

    "Erklär’ mir die Welt." Das ist mehr oder weniger das, was sich Menschen von Expertinnen und Experten erhoffen, in einer Situation wie der Corona-Pandemie ganz besonders. Politik und Öffentlichkeit, aber auch die Medien stürzen und stützen sich seit Anfang 2020 auf Forschende.

    Wer ist Experte und wer nicht? Einstufung ist nicht immer leicht

    Manche Experten werden dabei als besonders seriös wahrgenommen, zum Beispiel Christian Drosten von der Charité Berlin und Sandra Ciesek von der Uniklinik Frankfurt, oder auch der Mobilitätsforscher Kai Nagel von der TU Berlin, der den Verlauf der Pandemie modelliert.

    Darüber hinaus gibt es aber andere “Experten”, die in ihren Äußerungen zur Corona-Pandemie gemeinhin als nicht seriös gelten. Auch der #Faktenfuchs hat sich schon mit einigen von ihnen beschäftigt. Bekannte Beispiele sind: Wolfgang Wodarg, Bodo Schiffmann, Sucharit Bhakdi oder Stefan Homburg.

    Im Alltag ist es nicht ganz einfach herauszufinden, ob jemand tatsächlich ein Experte ist und sich in dem Thema wirklich auskennt, über das er oder sie spricht. Das sagt auch der Professor für Wissenschaftsjournalismus der TU Dortmund, Holger Wormer, im #Faktenfuchs-Interview: "Es ist ja selbst in der Wissenschaft zum Teil nicht leistbar, selbst wenn Sie als Experte auf einem bestimmten Gebiet arbeiten. Sie schaffen es ja kaum, das eigene Fachgebiet, also was unmittelbar rechts und links daneben so passiert, vernünftig im Blick zu behalten. Insofern kann man das von Laien auch nicht erwarten."

    Er setzt darum auf eine andere Strategie. In Projekten mit Schülerinnen und Schülern aber auch anderen Interessierten geht es darum zu verstehen, wie Wissenschaft funktioniert. Und dafür hat er eine Art Checkliste erstellt.

    Checkliste gibt erste Anhaltspunkte auf Experten

    Mit dieser Checkliste aus seinem Buch "Endlich Mitwisser!" könne jeder selbst prüfen, ob ein Experte das hält, was er oder sie verspricht. Einige Informationen könne jeder übers Internet selbst recherchieren, sagt Holger Wormer. Das sind zum Beispiel:

    • Kommt die Person von einer renommierten Institution, also einer Universität oder einem öffentlich finanzierten Institut, wie z.B. dem Max-Planck-Institut?
    • Hat der Experte Studien in Fachzeitschriften veröffentlicht, die dem sogenannten Peer-Review unterliegen, also wurden die Forschungsergebnisse von Kollegen aus dem Fach geprüft?
    • Hat die Expertin Fachbücher veröffentlicht, und zwar in wissenschaftlichen Verlagen?
    • Ist der Experte auf Kongressen eingeladen oder hat schon renommierte Forschungspreise gewonnen?
    • Was bzw. wer steckt eigentlich hinter der Webseite, von der die Informationen kommen? Wer steht im Impressum?
    • Stammt die Expertin auch aus dem Fachbereich, zu dem sie sich äußert?
    • Werden "Wunder" oder "Wundermittel" versprochen?
    • Behauptet der Experte, er sei der einzige, der die "Wahrheit" weiß oder ist er an größere Forschungsprojekte eingebunden (Stichwort: Sonderforschungsbereich)?

    Um die Checkliste abzuarbeiten, ist ein bisschen Recherche gefragt. Die Universität Hamburg hat auf ihrer Webseite zum Beispiel die wichtigsten Fachzeitschriften für Sozial- und Wirtschaftswissenschaften aufgeführt. Auch die Hochschule Aschaffenburg stellt auf ihrer Internetseite Links zur Verfügung, mit denen hochrangige Fachzeitschriften recherchiert werden können.

    Weltweit gibt es fünf Wissenschaftsverlage, die weltweit die Hälfte aller seriösen wissenschaftlichen Bücher veröffentlichen: Springer Nature, Reed-Elsevier, Wiley-Blackwell, Taylor&Francis und Sage Publications.

    Formale Kriterien können irreführen

    Es reiche aber nicht, nur die formalen Kriterien anzuwenden, sagt Holger Wormer. Einige sogenannte Experten können die Checkliste bestehen - und dennoch zweifelhaft sein in ihren Äußerungen. Da müsse man im Detail hinschauen: "Aus der Frühzeit der Pandemie, da gab es Dr. Wolfgang Wodarg. Und wenn man anschaute, was er schon veröffentlicht hat, muss man leider sagen: Ja, der ist Allgemeinarzt gewesen, aber der hat sich nie wirklich mit diesem Virus beschäftigt. Da ist es eindeutig." Also laut Wormer: kein Experte für das Coronavirus.

    In dieselbe Kategorie fällt auch Bodo Schiffmann. Er ist HNO-Arzt und kein Virologe oder Epidemiologe.

    Aber es komme immer auf die Fragestellung an, so Wormer: "Ich finde, dass grundsätzlich jemand, der auf dem Feld der Virologie zu Hause ist, sich auch grundsätzlich zu Themen der Virologie und vielleicht auch zu bestimmten Aspekten einer Pandemiebekämpfung äußern kann, auch wenn diese Person jetzt nicht die einzig ausgewiesene Person speziell zu diesem Virus ist."

    Auch eine lange Publikationsliste allein reiche nicht aus, um zu beweisen, dass sich jemand wirklich auskennt. Man müsse mindestens auf die zweite Ebene gehen, so Wormer.

    "Passt das wirklich zu dem Gebiet? Und wenn man dann sieht, der ist zwar Infektiologe, aber dann stellt man fest, die Person hat das ganze Leben nur zu Bakterien geforscht, da muss man vielleicht vorsichtig sein, es ist jetzt kein Virologe. Also wenn ich einen Schnupfen hab, dann gehe ich auch nicht zum Urologen, auch wenn beide Arzt sind." Prof. Holger Wormer, TU Dortmund

    Bei der Bewertung müsse man sich eher auf den professionellen Wissenschaftsjournalismus verlassen. Ganz ohne Vorwissen seien derartige Einschätzungen schwierig.

    Mimikry - wenn man nur wie ein Experte aussieht

    Darüber hinaus gibt es das Phänomen, dass "gute Wissenschaft" auch nachgeahmt werden kann. Holger Wormer nennt das "Mimikry": Sieht aus wie Wissenschaft, ist aber keine. Da würden schon mal auf einschlägigen Webseiten Studien präsentiert, mit dem Hinweis, dass sie "noch nicht" im Peer-Review seien. Das sei perfide, so Wormer: "Da könnte man sagen, die machen transparent, dass diese Studie noch nicht begutachtet ist. Andererseits war diese Studie so unterirdisch schlecht, dass sie auch niemals ein seriöses Journal begutachten würde."

    Es gibt auch Fachzeitschriften, die wissenschaftliches Mimikry betreiben und Studien aus Fachgebieten veröffentlichen, die gar keine Wissenschaft sind, wie zum Beispiel die Homöopathie. Ein Problem, sagt Holger Wormer.

    "Wir haben eben nicht nur Fake News, nein, wir haben Fake Science, wir haben Fake Fachzeitschriften, wir haben Fake Kongresse und das ist tatsächlich eine Entwicklung, auf die man eigentlich in der Wissenschaft reagieren müsste." Prof. Holger Wormer, TU Dortmund

    Darüber hinaus sei vielen nicht klar, dass der Begriff "Studie" gar nicht geschützt ist.

    Experten werden unterschiedlich bewertet

    Die Philosophin Gloria Origgi weist im #Faktenfuchs-Interview darauf hin, dass Expertinnen und Experten für unterschiedliche Gruppen auch unterschiedliche Funktionen ausfüllten. Origgi ist leitende Wissenschaftlerin an der CNRS (Nationales Zentrum für wissenschaftliche Forschung) und der Universität Ecole Normale Supérieure in Paris. Bei den erwähnten unterschiedlichen Gruppen gehe es um die Medien, die Öffentlichkeit und die Wissenschaft.

    "Die Medien wollen gerne ausgeglichene Meinungen darstellen, also beide Seiten zeigen", so Origgi. Das widerspreche aber der wissenschaftlichen Praxis. Hier gehe es nicht um Ausgewogenheit, sondern um Evidenz. Derartige Berichterstattung könne schaden, das kenne man von der Klimakrise, in der die überwiegende Mehrheit der Wissenschaft davon ausgehe, dass der Klimawandel menschengemacht sei. Doch die Medien präsentierten immer wieder die "andere Seite", die aber "wissenschaftlich unbedeutend ist". So bekämen Personen einen Expertenstatus, der ihnen aus der wissenschaftlichen Betrachtung heraus gar nicht zustehen, das wird auch "false balancing" genannt.

    Die Öffentlichkeit wünsche sich etwas ganz anderes von Expertinnen und Experten, so Origgi. "Laien wollen vor allem Sicherheit, es gefällt ihnen nicht, wenn sich Experten uneins sind und damit unklar ist, wem man sich anschließen soll."

    Für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler könne das eine Herausforderung sein, sagt Ophélia Deroy, Lehrstuhlinhaberin für Philosophy of Mind and Neuroscience an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. "Wenn man als Wissenschaftler mit Laien spricht, dann hat man ein Dilemma. Man muss vereinfachen und die Gesprächsregeln des öffentlichen Publikums annehmen. So gewinnt man möglicherweise die öffentliche Debatte - aber man wird wissenschaftliche Glaubwürdigkeit verlieren."

    Medizinische Experten während einer Pandemie

    Gloria Origgi hat sich in ihrer Forschung mit dem französischen Mikrobiologen und Infektiologen Didier Raoult beschäftigt. Er hatte Mitte Februar 2020 einen Aufsatz veröffentlicht, in dem er das Medikament Hydroxychloroquin gegen Covid-19 anpries. Raoult sei ein Beispiel dafür, dass medizinische Experten nochmal ein Spezialfall seien, so Origgi. "Er war mit seinen Behauptungen sehr erfolgreich, in den Medien, aber auch auf Youtube. Ich glaube aber nicht, dass die Nutzer auf eine alternative Wahrheit angesprungen sind, in der sie davon ausgehen, dass alle anderen lügen und nur Raoult die Wahrheit gepachtet hat."

    Raoult ist am 31. August 2021 in der Ruhestand getreten, vorher hatte er das Institut für Infektionskrankheiten in Marseille geleitet. Formal besteht er die Checkliste, die Holger Wormer aufgestellt hat. Er hat 1.300 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht, aufsehenerregende Entdeckungen im Feld der Virologie gemacht und 2010 den renommierten Großen Preis des Institut national de la santé et de la recherche médicale (INSERM) zugesprochen bekommen.

    Gloria Origgi: "Raoult war kein Fake-Experte. Er war ein echter Experte in diesem Feld. Er lag einfach nur falsch." Seine Studie zu Hydroxychloroquin sei schlecht gemacht gewesen, hätte zum Beispiel keine Kontrollgruppe gehabt, die nicht mit dem Medikament behandelt wurde. Auch habe die Studie nur wenige Teilnehmende gehabt. Größere Studien mit mehr Aussagekraft konnten später nicht zeigen, dass das Medikament wirksam ist.

    Raoult sei dennoch bei seiner Ansicht geblieben, aus einem speziellen Grund, den er auch immer wieder formuliert habe, sagt Origgi: Er bestand immer darauf, dass er Arzt und nicht nur Wissenschaftler sei. Und so sei es ihm darum gegangen, Patienten zu heilen." Er habe es nicht mit seinem Gewissen vereinbaren können, eine Kontrollgruppe aufzustellen, der er dann das mögliche Medikament hätte verweigern müssen.

    Fehler im Nachhinein eingestehen ist schwierig

    Obwohl die Wissenschaft mittlerweile zeigen konnte, dass Hydroxychloroquin doch nicht das Wundermittel gegen Covid-19 ist, wie Didier Raoult angekündigt hat, gibt es immer noch viele Menschen, die ihm glauben. Raoult selbst hat seine Studie nie zurückgezogen oder eingestanden, dass Hydroxychloroquin doch nicht wirksam ist. Eine einmal formulierte Haltung aufzugeben fällt keinem leicht, sagt die Philosophin Ophélia Deroy: "Eine 180-Grad-Drehung kann einen vieles kosten, vor allem, wenn man eine Person der Öffentlichkeit ist. Je nachdem, wie sehr sich das eigene Ansehen oder der Status verbessert hat mit dieser Aussage, desto schwieriger ist es, sich davon loszusagen."

    Und das Publikum würde in der Folge im Nachhinein eine Rechtfertigung suchen, warum es dieser Person oder Meinung weiter folgen könne, und die sei dann: Es ist ein Experte, der das gesagt hat.

    Psychologische Faktoren in der Expertenwahl

    Überhaupt gebe es verschiedene Mechanismen, die uns in der Pandemie dazu brächten, falschen Experten zu glauben, sagen Deroy und Origgi. Einerseits hätten wir ein Bedürfnis nach Ausgewogenheit, nach einer anderen Meinung als der, die landläufig zum Beispiel in den Medien verbreitet werde. Origgi: "Wir leben in einer Demokratie und da ist vielen wichtig, dass viele Stimmen gehört, viele verschiedene Standpunkte diskutiert werden und vielleicht fühlten sich viele Menschen von dieser einseitigen Beschallung erdrückt."

    Andererseits gebe es auch psychologische Mechanismen, die es falschen Experten leicht machten, vor allem, wenn man ein Erlebnis als negativ erlebt habe, so Deroy. Sie erklärt das Phänomen, das den Fachbegriff "outcome bias" trägt, an einem Beispiel: "Wenn man mit dem Rad fährt und einen Unfall hat, dann überlegt man - was hätte ich im Nachhinein anders machen können? Wir schauen uns die Qualität des Prozesses an und haben dann eine Illusion der Sicherheit. Denn eigentlich war die Situation nicht vorhersehbar. Ebenso ist das in der Wissenschaft, wenn das Ergebnis schlecht war, dann war vielleicht gleich die ganze Wissenschaft schlecht." Und so suche man sich einen anderen Experten, der einem mehr Sicherheit verspreche.

    Unabhängige Wissenschaft und die Politik

    Auffällig in der Corona-Pandemie sei die enge Verbindung von wissenschaftlichen Experten und Politik, sagt Gloria Oreggi. Virologinnen und Virologen wurden weltweit von der Politik konsultiert und auch in Pressekonferenzen vorgestellt. "Schnell stellte sich die Frage, ob die Wissenschaft noch unabhängig ist", so Oreggi. Wer sich als unabhängig und als abweichende Meinung präsentieren könne, bekomme in dieser Atmosphäre Anerkennung und Glaubwürdigkeit.

    So erklärt sich laut Oreggi auch der Erfolg des schwedischen Virologen Anders Tegnell: "Obwohl es in Schweden mehr Tote gab als in den Nachbarländern, wurde er von der Bevölkerung weiter unterstützt. Das ist ein interessanter Fall, es gab offensichtlich ein menschliches Bedürfnis, dass viele und alternative Stimmen gehört wurden."

    Fazit

    In der noch immer andauernden Corona-Pandemie ist das Bedürfnis nach Expertinnen und Experten weiterhin hoch. Doch als Laie einen echten Experten von einer falschen Expertin zu unterscheiden kann mitunter schwierig bis unmöglich sein.

    Dennoch lohnt es sich, Checklisten einzusetzen und zum Beispiel zu klären, ob der Experte sich im Fachgebiet wirklich auskennt und dort auch wissenschaftlich veröffentlicht. Darüber hinaus sollte man vor allem spektakuläre Einzelmeinungen genau betrachten.

    Update (22.11.2021)

    In einer vorherigen Version dieses Artikels wurde John Ioannidis in der Aufreihung von "nicht seriös geltenden" Experten genannt, zu denen der #Faktenfuchs Faktenchecks erstellt hat. Tatsächlich befasst sich der Faktencheck vom 21.01.2021 nur mit einer Studie des Wissenschaftlers, deren Aussagen zur Wirksamkeit von Lockdown-Maßnahmen pauschal nicht so haltbar sind. Hier lesen sie den ganzen #Faktenfuchs-Artikel dazu.

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