Eine medizinische Fachangestellte zieht in Schützausrüstung eine Spritze mit Impfstoff gegen das Coronavirus auf.
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Eine medizinische Fachangestellte zieht eine Spritze mit Impfstoff gegen das Coronavirus auf.

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    #Faktenfuchs: Nein, Geimpfte sind nicht anfälliger für Omikron

    #Faktenfuchs: Nein, Geimpfte sind nicht anfälliger für Omikron

    Dass Impfungen gegen einen schweren Covid-Verlauf helfen und das Ansteckungsrisiko verringern, ist wissenschaftlicher Konsens. Im Netz kursiert die Behauptung, Geimpfte würden sich leichter mit Omikron anstecken als Ungeimpfte. Das ist nicht belegt.

    Ein Leser hat den #Faktenfuchs per Mail auf einen Podcast aufmerksam gemacht, der mit den Worten beginnt: "RKI – 95 Prozent der Omikron-Fälle sind geimpft". Weiter heißt es in dem am 4. Januar veröffentlichten Audio: "Die letzten Daten des RKI bestätigen (…): Zweifach Geimpfte sind schlechter geschützt gegen Omikron als Ungeimpfte."

    Der Podcast, der für verschwörungslastige Thesen bekannt ist, beruft sich auf den Corona-Wochenbericht vom 30.12., in dem zu lesen war, dass für einige der Omikron-Fälle im Meldesystem Zusatzinformationen vorlägen. "186 Patientinnen und Patienten waren ungeimpft, 4.020 waren vollständig geimpft, von diesen wurde für 1.137 eine Auffrischimpfung angegeben." Zunächst einmal: Diese Zahlen waren falsch. Das RKI berichtigte den Bericht am 3. Januar – ruft man den Wochenbericht vom 30.12. heute auf, ist unter dem Titel in rot zu lesen: "Korrektur: Auf S. 14 wurde die Zahl der Ungeimpften unter den gemeldeten Omikron-Fällen am 03.01.2022 korrigiert (vorher: 186; nachher: 1.097)."

    Die Zahl der ungeimpften Omikron-Fälle wurde also nach oben korrigiert - von 186 auf 1.097. Die Berechnungen aus dem Podcast, unter anderem die Aussage, Geimpfte hätten ein achtmal höheres Risiko, sich mit Omikron zu infizieren, als Ungeimpfte, stimmen allein deshalb nicht.

    Studien aus anderen Ländern belegen Effektivität der Impfung

    Auf Anfrage des BR teilte das RKI mit, dass Daten und Studien zur Wirksamkeit der COVID-19 Impfung (insb. mRNA-Impfstoffe) in Bezug auf den Schutz vor der Omikron-Variante vor allem aus England aber auch aus Dänemark, Schottland und Südafrika vorlägen. "Einen Hinweis, dass die Impfung eine Infektion begünstigt, gibt es in keiner dieser Studien."

    Die Daten belegten einen Effekt der Impfung nach Abschluss der Grundimmunisierung (2. Dosis). Allerdings liege der Schutz vor der Omikron-Variante 20 bis 30 Prozent niedriger als der Schutz vor der Delta-Variante und nehme innerhalb weniger Wochen weiter ab.

    Dass die Wirksamkeit der Impfung mit der Zeit abnimmt, gelte aber vor allem für den Schutz vor "normalen" (milden) Infektionen. Der Schutz vor einer schweren COVID-19-Erkrankung mit Hospitalisierung aufgrund der Omikron-Variante dagegen bleibt laut Studien hoch: Er betrug in England im Zeitraum 2-24 Wochen nach der zweiten Impfstoffdosis noch immer 72 Prozent. In Südafrika betrug der Schutz vor einer hospitalisierungsbedürftigen COVID-19-Erkrankung nach abgeschlossener Grundimmunisierung mit einem mRNA-Impfstoff 70% . Die Daten aus England belegen laut RKI auch, dass die Omikron-spezifische Wirksamkeit durch eine Auffrischimpfung sowohl in Bezug auf den Schutz vor milder (auf 70-80 Prozent) als auch hospitalisierungsbedürftiger COVID-19 (auf 88 Prozent) gesteigert werden kann.

    Verhältnis zur Bevölkerung ist entscheidend

    Warum sehen die Zahlen aus Deutschland dann so aus, als würden mehr Geimpfte erkranken? Im aktuellen Wochenbericht vom 6. Januar werden die Omikron-Fälle noch detaillierter in einer Tabelle aufgeschlüsselt:

    Bildrechte: BR

    Auszug aus dem Wochenbericht des RKI vom 06. Januar 2022.

    Die Tabelle betrachtet zum Beispiel die gemeldeten symptomatischen Omikron-Fälle oder die gemeldeten Hospitalisierungen mit Omikron isoliert. Um daraus ablesen zu können, inwiefern Geimpfte und Ungeimpfte tatsächlich von Omikron betroffen sind, müsste man die Zahlen jedoch ins Verhältnis zu allen Geimpften und Ungeimpften in der entsprechenden Altersgruppe setzen.

    Unter den Über-60-Jährigen etwa sind bereits mehr als 80 Prozent geimpft. Es ist statistisch gesehen wahrscheinlicher, dass in dieser Altersgruppe ein Geimpfter mit dem Virus in Kontakt kommt. Die Impfung schützt vor einer Infektion – jedoch nicht zu 100 Prozent. Es wird also zu Impfdurchbrüchen kommen und deren Zahl nimmt zu, je mehr Geimpfte es gibt.

    Das RKI zeigt in einer ähnlichen Tabelle alle Impfdurchbrüche (nicht nur mit Omikron). Im November wurden diese Zahlen bereits von verschiedenen Stellen verwendet, um ein angebliches Impfversagen zu belegen. Der BR hat damals mit Epidemiologen und Statistikern gesprochen, um zu klären, warum dieses Narrativ falsch ist – unter anderem hier: Bedeuten Impfdurchbrüche ein Impfversagen? Possoch klärt!

    Diese Grafik veranschaulicht die Situation:

    Bildrechte: BR

    Diese Grafik zeigt, warum man Geimpfte und Ungeimpfte in den Krankenhäusern nicht isoliert betrachten kann.

    Durch einen ähnlichen Vergleich des Anteils Geimpfter unter COVID-19-Fällen mit dem Anteil Geimpfter in der Bevölkerung schätzt das RKI auch die Wirksamkeit der Impfung ab. Das Verhältnis zur Gesamtzahl von Geimpften und Ungeimpften spielt also bei diesen Tabellen eine große Rolle. Auch in Bezug auf die Omikron-Variante weist das RKI darauf hin, dass für eine Interpretation der Impfdurchbrüche die erreichte Impfquote in der jeweiligen Altersgruppe beachtet werden muss.

    Laut dem jüngsten Wochenbericht ist ein Vergleich und damit eine zuverlässige Schätzung der Impfeffektivität in Bezug auf Omikron aber aktuell noch nicht möglich. Auf Anfrage des BR macht eine Sprecherin des RKI deutlich, dass sich aus den Daten aus Deutschland keine Rückschlüsse zur Wirkung oder Effektivität der Impfung in Bezug auf Omikron treffen ließen.

    Durch einen ähnlichen Vergleich des Anteils Geimpfter unter COVID-19-Fällen mit dem Anteil Geimpfter in der Bevölkerung schätzt das RKI auch die Wirksamkeit der Impfung ab. Das Verhältnis zur Gesamtzahl von Geimpften und Ungeimpften spielt also bei diesen Tabellen eine große Rolle. Auch in Bezug auf die Omikron-Variante weist das RKI darauf hin, dass für eine Interpretation der Impfdurchbrüche die erreichte Impfquote in der jeweiligen Altersgruppe beachtet werden muss.

    Laut dem jüngsten Wochenbericht ist ein Vergleich und damit eine zuverlässige Schätzung der Impfeffektivität in Bezug auf Omikron aber aktuell noch nicht möglich. Auf Anfrage des BR macht eine Sprecherin des RKI deutlich, dass sich aus den Daten aus Deutschland keine Rückschlüsse zur Wirkung oder Effektivität der Impfung in Bezug auf Omikron treffen ließen.

    Schlechte Datenlage zu Omikron

    Was die Situation zusätzlich unsicher macht: Die Daten zu Omikron in Deutschland sind nicht gut. Der BR berichtete unter anderem am 25. Dezember darüber, warum es deshalb schwierig ist, die künftige Entwicklung abzuschätzen.

    Es gibt zwar regelmäßig eine deutschlandweite, repräsentative Stichprobe, innerhalb derer alle Fälle auf Corona-Varianten überprüft werden. Allerdings berichtet etwa der Norddeutsche Rundfunk, dass auch diese Stichprobe in der Größe schwankt. Die Daten aus der oben gezeigten Tabelle sind aber die Daten nach dem Infektionsschutzgesetz. Sie beinhalten zusätzlich zu den Fällen aus der Stichprobe alle weiteren Fälle, in denen Omikron nachgewiesen wurde oder in denen ein labordiagnostischer Verdacht auf Omikron besteht.

    Auf Anfrage des BR gab das RKI im Dezember an, dass nicht gesagt werden könne, wie viele positive Corona-Fälle in den Bundesländern auf diese Weise auf Varianten bzw. auf Omikron untersucht werden. Es hieß lediglich, es sei nicht von einer repräsentativen Auswahl auszugehen. Jedes Bundesland kann selbst regeln, wie die Auswahl funktioniert – etwa nach Verdachtsmomenten wie einem Reisehintergrund oder ungewöhnlichem Krankheitsverlauf. Außerdem kann innerhalb eines Bundeslandes der Anteil der untersuchten Fälle von Woche zu Woche schwanken.

    Meldeverzug nach Feiertagen macht Daten noch unverlässlicher

    Zusätzlich zu dieser Verzerrung sind die Varianten-Daten natürlich auch weiterhin wie alle Meldedaten von Faktoren wie Testverhalten und Meldeverzug betroffen. Eine verzerrte Darstellung der Gruppen der Geimpften und Ungeimpften innerhalb der Varianten-Daten ist aufgrund all dieser Gründe möglich.

    Hinzu kommt, dass gerade die jüngsten Omikron-Daten aus der Zeit von Weihnachten und dem Jahreswechsel stammen. Aus dem vergangenen Jahr etwa wissen wir, dass in diesem Zeitraum die Daten in hohem Maß unvollständig sind. Das RKI weist auch dieses Jahr darauf hin, dass sich wegen der Feiertage weniger Menschen testen ließen und nicht alle Gesundheitsämter Daten weiterleiten. Im Wochenbericht steht, dass in den Folgewochen noch mit Änderungen im Datensatz zu rechnen sei.

    Fazit

    Die Behauptung, Geimpfte seien häufiger mit der Omikron-Variante des Corona-Virus infiziert, ist nicht belegt. Die der Behauptung zugrunde liegenden Zahlen eines RKI-Wochenberichts hat das Institut später korrigiert. Außerdem müssten die Zahlen der geimpften und ungeimpften Personen, die sich mit Omikron infiziert haben, ins Verhältnis gesetzt werden zu allen Geimpften und Ungeimpften in der entsprechenden Altersgruppe. Dies ist laut RKI mit der aktuellen Datenlage nicht möglich.

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