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Die Suche nach dem Ursprung des Coronavirus | BR24

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Der inzwischen geschlossene Tiermarkt in Wuhan gilt als möglicher Ausgangspunkt der Coronavirus-Pandemie.

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Die Suche nach dem Ursprung des Coronavirus

Über das Coronavirus SARS-CoV-2 weiß man inzwischen ziemlich viel, aber nicht, wo es eigentlich herkommt. Ein Experten-Team der Weltgesundheitsorganisation WHO soll deshalb zusammen mit chinesischen Forschern diese Frage wissenschaftlich ergründen.

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Von
  • Daniela Remus
  • Jan-Claudius Hanika

Zehn international renommierte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler hat die WHO ausgewählt, die zusammen mit ihren chinesischen Kollegen dem Ursprung des neuartigen Coronavirus auf die Spur kommen sollen. Darunter sind Virologen, Infektiologen und auch Zoonosen-Forscher, die sich mit Erregern beschäftigen, die von Tieren auf Menschen übergehen. Die Reise nach Wuhan soll Anfang 2021 stattfinden. Einen konkreten Termin gibt es aber wegen der Pandemie derzeit noch nicht.

Sprung vom Tier zum Menschen

Gemeinsam wollen die Wissenschaftler herauszufinden, wo der "Spillover", die Übertragung vom Tier auf den Menschen stattgefunden hat und ob weitere Tiere als Zwischenwirte beteiligt waren. Auf der Suche nach dem Ursprung des Virus fahnden die Forscherinnen und Forscher nach dem Patienten Null, dem ersten Menschen, der an Covid-19 erkrankt ist. Diesen tatsächlich zu finden wird aber vermutlich schwierig bis unmöglich sein, denn das Virus ruft oft nur milde oder keine Symptome hervor und kann sich so unbemerkt weiterverbreiten. Dennoch wollen die Forscherinnen und Forscher die Infektionskette möglichst weit zurückverfolgen. Das Forschungsteam der WHO soll deshalb Materialproben untersuchen, Laborergebnisse sichten und eigene Erkenntnisse oder Technologien zur Verfügung stellen, um keine Spur zu vernachlässigen. Die Spezialisten gehen auch Fallbeschreibungen von schweren Lungenentzündungen nach, die vor November 2019 in China dokumentiert wurden. Außerdem überprüfen sie Studien, in denen die Behauptung aufgestellt wird, bereits vor dieser Zeit Antikörper gegen SARS-CoV-2 nachgewiesen zu haben.

Tiermarkt in Wuhan im Fokus

Der Wildtiermarkt in Wuhan gilt weiterhin als möglicher Ausgangsort oder Pandemie. Deshalb wollen sich die WHO-Forscher anschauen, welche Tiere dort gehandelt wurden, wo sie herkamen und ob es Hinweise auf Infektionen gab. Beginnen wollen sie beim Huanan-Markt in Wuhan. Von dort liegen laut Fabian Leendertz vom Robert Koch Institut (RKI), der zum WHO-Team gehört, die solidesten Beweise vor. Der Ausgangspunkt der Pandemie liegt jedoch vermutlich woanders, denn nicht alle der ersten Infektionen lassen sich auf den Markt in Wuhan zurückführen. Doch im Bereich der Wildtierstände wurden besonders viele Spuren des Coronavirus gefunden. "Es gibt den starken Verdacht, dass die Epidemie mit dem Wildtierhandel zusammenhängt", schrieb Ende Januar Chinas Staatsagentur Xinhua. Kurz darauf verbot die Regierung das oft schmutzige Geschäft mit wilden Tieren, die in China als Delikatessen verzehrt werden.

Keine "Superhelden-Anzüge"

Von dem Markt wollen sich die WHO-Experten in der Zeit zurück arbeiten. "Und dann gucken wir, wo uns die Spur hinführt. Ob es in China bleibt, oder ob es nach außerhalb Chinas führt", sagt Leendertz. "Das ist ein ganz offener Ansatz." Er spielt die Erwartungen aber herunter. „Wir werden jetzt nicht irgendwie nach China fliegen, da unsere Superhelden-Anzüge anziehen, ein paar Fledermäuse einfangen und anfangen, den Markt abzustreichen und durch Krankenhäuser zu flitzen“, sagt Leendertz. "Das ist natürlich ganz anders." Es gehe mehr darum, mit den chinesischen Kollegen zu schauen, welche Spuren noch verfolgt werden sollten. "Das wird das Maximum sein."

Zoonosen treten häufiger auf

Derzeit gilt als gesichert, dass das Virus von Fledermäusen stammt. Aufgrund der genetischen Ausstattung von SARS-CoV-2 ist aber auch klar, dass es einen Zwischenwirt gegeben haben muss, von dem das Virus auf den Menschen übergegangen ist.

„Das hat für uns alle eine große Relevanz. Und zwar geht es darum, dass man eigentlich hofft, dass man eine Virusinfektion vollkommen ausrotten kann, und das ist sehr viele schwieriger bei Viren, bei denen es ein Reservoir bei Tieren gibt. Wenn wir jetzt das Reservoir kennen, dann kennen wir die Gefahr und können sie besser eingrenzen. (…) Im Moment sind wir dabei, die Puzzleteile zusammenzusetzen. Ob wir ein exaktes Bild bekommen, ist vielleicht gar nicht so wichtig. Viel wichtiger ist, dass wir die Mechanismen verstehen, denn wir haben ja in den letzten Jahren gesehen, dass solche zoonotischen Viren viel häufiger aufgetreten sind.“ Julian Schulze zur Wiesch, Coronavirus-Forscher am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

Zweifel am Erfolg der WHO-Mission

Nach gegenwärtigem Wissensstand gelten Schleichkatzen oder Schuppentiere als mögliche SARS-CoV-2 Zwischenwirte. Rund drei Viertel aller neu auftretenden Infektionskrankheiten sind zoonotischen Urspungs, beispielsweise HIV, Ebola oder die Schweinegrippe. Auch deshalb ist es wichtig, mehr über Ursprünge und Übertragungswege zu erfahren. Dennoch gibt es Zweifel, ob die WHO-Mission in diesem Sinne erfolgreich sein kann. China verzögere immer wieder die Einreise des Teams, weil die Regierung kein Interesse an Transparenz und echter Zusammenarbeit habe, so die Kritik. Fabian Leendertz vom RKI teilt diese Einschätzung nicht. Denn im Gegensatz zur Politik gehe es in der Wissenschaft nicht um Schuld, sondern um Aufklärung.

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