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Zum Pollenstart sorgt eine Studie für Aufsehen: Sie legt einen Zusammenhang zwischen starkem Pollenflug und steigenden Covid-19-Infektionszahlen nahe.

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Treibt Pollenflug tatsächlich die Infektionszahlen in die Höhe?

Zum Pollenstart sorgt eine Studie für Aufsehen: Sie legt einen Zusammenhang zwischen starkem Pollenflug und steigenden Covid-19-Infektionszahlen nahe. Was ist da dran? Ein genauer Blick auf die Untersuchung.

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Von
  • Katrin Klaus

Im Februar und März geht es los mit den Frühblühern Erle und Hasel, dann folgen im April Bäume wie Esche, Pappel, Birke und Eiche und ab Mai legen die Gräser so richtig los und sorgen bei Allergikern für verstopfte Nasen, erschwertes Atmen und juckende Augen.

Mehr Pollen = mehr Corona-Infektionen?

Doch der Pollenflug macht nicht nur Allergikern das Leben schwer, sondern kann auch verantwortlich für steigende Infektionszahlen mit dem Coronavirus sein - unabhängig davon, ob man Allergiker ist oder nicht.

So lautet zumindest das Ergebnis einer internationalen Studie unter der Leitung der Technischen Universität München (TUM) und des Helmholtz Zentrums München, die am Montag im Fachblatt "Proceedings of the National Academy of Sciences" veröffentlicht wurde und bereits rege diskutiert wird. Die Forschenden haben dabei Pollendaten von 130 Messstationen in 31 Ländern auf fünf Kontinenten untersucht.

Höhere Ansteckungsgefahr

Ihre Annahme lag darin, dass der Ausbruch der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr vor allem in der nördlichen Hemisphäre mit dem Pollenflug der Bäume zusammentraf. Zufall? Gemeinsam mit der Menge an Blütenstaub wurden die Infektionszahlen mit SARS-CoV-2 und Umweltbedingungen wie Feuchtigkeit, Temperatur, Bevölkerungsdichte und Lockdown-Regelungen im März und April 2020 verglichen. Das Ergebnis der Forschenden rund um Umweltexpertin Claudia Traidl-Hoffmann von der TUM: Je stärker der Pollenflug, umso höher die Ansteckungsgefahr mit dem Coronavirus.

Demnach könnten die Pollen - neben anderen Umweltfaktoren wie Luftfeuchtigkeit und Temperatur - durchschnittlich die Varianz, also die Streuung, von bis zu 44 Prozent der Infektionen erklären. Allergie-Expertin Erika von Mutius am Klinikum der Universität München schätzt diesen Wert im BR-Interview wesentlich geringer ein. Ihrer Meinung nach liege die Erklärung von Infektionszahlen durch Pollenflug bei gerade mal zwei Prozent.

Verschiedene Faktoren für Infektionen verantwortlich

Traidl-Hoffmann und ihren Kollegen geht es vor allem darum, darauf hinzuweisen, dass mehrere Faktoren eine Infektion mit dem Coronavirus begünstigen können - unter anderem eben auch Pollen. Ein Faktor, der bisher nicht in Betracht gezogen wurde. Durch verstärkten Pollenflug würde der Mensch anfälliger für Infektionen werden.

"Es gibt nicht nur einen Umweltfaktor, der das Risiko erhöht, an Covid-19 zu erkranken. Pollen sind aber auch ein Faktor." Umweltexpertin Claudia Traidl-Hoffmann

Die Forschenden schließen aber nicht aus, dass sich verschiedene Effekte auch aufheben können. Denn im frühen Sommer und Hochsommer sanken die Zahlen. Die Menschen hielten sich vermehrt draußen auf, was den Verdünnungseffekt des Coronavirus begünstigt. Das Virus mag kalte Temperaturen lieber als warme. Daher ist es schwierig, einen gleichzeitigen Anstieg der Infektionen durch Pollenflug und ein Sinken der Infektionen durch Temperaturzunahme in Einklang zu bringen.

Lockdown lässt Zahlen sinken

Einen positiven Effekt habe hingegen der Lockdown: In untersuchten Gebieten mit starken Lockdown-Regeln halbierte sich die Zahl der Neuinfektionen - bei gleichbleibender Pollen-Konzentration.

An Orten ohne Lockdown stieg die Infektionsrate um vier Prozent, während sich die Anzahl der Pollen um 100 pro Kubikmeter erhöhte. In einigen deutschen Ortschaften stieg die Anzahl der Pollen an manchen Tagen sogar auf 500 pro Kubikmeter - dort gab es insgesamt einen Anstieg der Corona-Infektion um 20 Prozent. Aber gibt es hier einen belegbaren Zusammenhang, also eine Kausalität, oder ist das nur Zufall?

Allergie-Expertin: Studie belegt keine Kausalität

Das bestätigt Traidl-Hoffmann im Gespräch mit dem BR: Da Umweltforschung sehr komplex ist, ist es schwierig, Kausalitäten darzustellen. Heißt: Für den Anstieg an Infektionen kommen sehr vielfältige Faktoren in Frage, die Pollen sind nur einer davon.

Von Mutius spricht hier zwar von einem statistisch signifikanten Zusammenhang, der gefunden wurde. Der ist ihrer Meinung nach aber zu schwach ausgeprägt. Zwar wurden einige Faktoren für die Studie herangezogen, aber viele andere, die für das Infektionsgeschehen verantwortlich sein könnten, eben nicht. Und daher könne nicht bestätigt werden, ob vermehrter Pollenflug zum Anstieg von Infektionen führt.

Wie der Körper gegen Viren kämpft

Was aber ist den TUM-Forschenden zufolge für die steigenden Infektionszahlen verantwortlich? In einer vorherigen Studie haben sie belegt, dass starker Pollenflug die Menschen empfänglicher für bestimmte Atemwegserkrankungen macht - das wurde aber noch nicht eindeutig für das SARS-CoV-2 belegt. Daher wollten die Forschenden überprüfen, ob das auch für das Coronavirus gilt.

Dringen Viren in den Körper ein, die in den Atemwegen für Schnupfen und Erkältungen sorgen, werden normalerweise Signalproteine von den infizierten Zellen produziert. Diese Signalproteine - antivirale Interferone - rufen andere Zellen auf, die Abwehr zu verstärken, um gegen die Viren zu kämpfen. Sie sorgen außerdem für ein Abklingen der Infektion.

Pollen dämmen Abwehrmechanismus des Körpers

Starker Pollenflug scheint aber dafür verantwortlich zu sein, dass, wenn neben Viren auch Pollen eingeatmet werden, weniger von diesen Signalproteinen, den antiviralen Interferonen, gebildet werden. Das liegt daran, dass die Schleimhaut durch die Pollen gelähmt wird. Damit wird die Produktion blockiert. Dadurch kann der Körper weniger stark gegen das Virus kämpfen und wir sind empfänglicher für eine Virusinfektion und damit auch für Atemwegserkrankungen. Das könnte den Forschenden nach offenbar auch für das Coronavirus gelten und dabei ist es egal, ob der Betroffene eine Allergie hat oder nicht.

Von Mutius weist ebenfalls darauf hin, dass Allergiker oder Asthmatiker per se kein erhöhtes Risiko haben. Die Studie selbst überzeugt sie aber nicht:

"Es sind definitiv statistische Zusammenhänge da, das ist keine Frage. Aber inwieweit das klinisch relevant ist, würde ich in Frage stellen." Allergie-Expertin Erika von Mutius im BR-Interview

Wie relevant sind Pollen?

Die schlimmste Zeit für Infekte wie Erkältungen oder Schnupfen sind Herbst und Winter und nicht Frühjahr und Sommer. Daher kann die Relevanz der Pollen laut von Mutius nicht allzu groß sein. Was ihr in der Studie fehlt, ist die Einzelbeobachtung von Personen. Hier wurden größere Bevölkerungsgruppen heranzogen. Für eine Einschätzung bräuchte es infizierte und nicht infizierte Personen, bei denen dann gemessen wird, wie viel Pollen sie ausgesetzt sind.

Genau das wollen Traidl-Hoffmann und ihre Kollegen in einer nächsten Studie untersuchen. Auch, ob vermehrt schwere Verläufe während der Pollensaison auftreten.

Risikogruppen sollen sich schützen

Die Autoren der Studie empfehlen dennoch, dass sich gerade Risikogruppen in den kommenden Monaten besser vor in der Luft umherwirbelnden Pollen schützen:

"Personen, die zu Hochrisikogruppen gehören, sollten deshalb darüber informiert sein, dass erhöhte Pollenkonzentrationen in der Luft anfälliger gegenüber viralen Infekten der Atemwege machen." Erstautorin der Studie, Stefanie Gilles, TUM

Dabei können laut der Forschenden FFP2-Masken helfen. Denn sie schützen nicht nur vor dem Virus, sondern auch vor Pollen. Traidl-Hoffmann rät außerdem, in den kommenden Monaten die Pollenflugvorhersagen zu beobachten. Für von Mutius reichen die Ergebnisse hingegen nicht aus, um Maßnahmen zu ergreifen.

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