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Alles Einbildung? Schlaflosigkeit bei Vollmond | BR24

© stock.adobe.com/ViennaPress/Andreas Tischler

Schlaflosigkeit: Der Einfluss des Mondes auf den Menschen

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Alles Einbildung? Schlaflosigkeit bei Vollmond

Der Mond setzt nicht nur Gezeiten in Bewegung, sondern auch Gemüter: Hat er oder hat er keinen Einfluss auf Mensch und Natur? Schläft man nun schlechter, wenn Vollmond ist? Kommen mehr Kinder auf die Welt und geschehen mehr Verbrechen?

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Um die geheimnisvollen Kräfte des Mondes ranken sich viele Mythen. Als Motor der Gezeiten bewegt er das Wasser mächtiger Ozeane. Nur logisch, dass er auch unsere Biologie und unser Verhalten beeinflusst. Oder? Einer Umfrage zufolge sind 40 Prozent aller Deutschen "mondfühlig". Aber was ist wirklich dran an den populärsten Mondmythen?

Bei Vollmond schläft man schlechter

Bei Vollmond findet man keinen Schlaf - das ist wohl die landläufige Annahme, wenn es um den Einfluss des Mondes auf den Menschen geht. Eindeutige wissenschaftliche Belege dafür fehlen allerdings bisher. Die Schlaflosigkeit in Vollmondnächten bleibt nach vorläufigem Ergebnis eher subjektive Wahrnehmung als wissenschaftliche Erkenntnis.

Stört der Mond beim Schlafen?

Christian Cajochen von der Universität Basel ist im Juli 2013 in einer Studie im Schlaflabor dem möglichen Einfluss des Mondes auf den Schlaf nachgegangen. Bisher wurde vermutet, dass die schlechtere Schlafqualität auf das helle Mondlicht zurückzuführen ist, das nachts durch die Fenster und Gardinen schimmert. Dadurch wird die Ausschüttung des Schlafhormons Melatonin gestört. Doch gegen diesen Einfluss haben die Forscher Vorkehrungen getroffen. Die Tests fanden mit 33 Probanden in einem fensterlosen Schlaflabor statt. Die Teilnehmer wussten nicht, dass es bei der Studie um den Einfluss des Mondes ging, noch welche Mondphase regierte.

Schweizer Studie: Der Mond beeinflusst den Schlaf

Die Wissenschaftler erfassten die Hirnströme der Schlafenden und untersuchten den Melatonin-Spiegel. Das Ergebnis laut Studie: Vollmondphasen haben tatsächlich Auswirkungen auf den Schlaf. Die Versuchsteilnehmer brauchten fünf Minuten länger, um einzuschlafen, die Schlafdauer verkürzte sich insgesamt um 20 Minuten, der Melatoninspiegel war zur selben Zeit relativ niedrig und der Schlaf war weniger "gut", weil die Tiefschlafphasen um 30 Prozent verkürzt waren.

Aber: Studie hat deutliche Schwächen

Doch bewiesen ist damit nichts. Denn die Studie hat erhebliche Schwächen, das räumt auch Christian Cajochen ein. Vor allem, weil der Schlafforscher nicht ausschließen kann, dass der eine oder andere Proband vor dem Einschluss ins Labor nicht doch noch einen Blick auf den nahenden Vollmond geworfen hat.

Schlaflosigkeit? Selbsterfüllende Prophezeiung!

Es ist eher die "selbsterfüllende Prophezeiung", die der Soziologe Edgar Wunder für die Schlaflosigkeit bei Vollmond verantwortlich macht. Sein Hobby, die Astronomie, hat ihn zu seinem Forschungsschwerpunkt geführt: der Einfluss des Mondes auf den Menschen. Über 500 wissenschaftliche Studien hat er ausgewertet, ein halbes Dutzend selbst verfasst. Schlaflosigkeit bei Vollmond - das hat für ihn nichts mit Magie zu tun.

Mond hat keinen Einfluss auf den Schlaf

Andere Wissenschaftler, unter anderem vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, konnten das Ergebnis der Schweizer Studie auch nicht bestätigen. Sie hatten rückblickend Schlafdaten von mehr als 1.200 Teilnehmern aus mehr als 2.000 Nächten ausgewertet und keinen Zusammenhang mit dem Mondzyklus gefunden. Sie stießen allerdings auf Hinweise, dass vor allem bei Neuanalysen älterer Daten positive Studien veröffentlicht werden, während solche mit negativem Ergebnis in der Schublade verschwinden - eine mögliche Erklärung dafür, dass sich die Vermutung so hartnäckig hält.

© Alexander Preyer

Supermond über der Trimburg im fränkischen Saaletal.

Mehr Geburten bei Vollmond?

Ein ebenfalls weit verbreiteter Volksglaube ist, dass bei einem Mondwechsel und besonders bei Vollmond besonders viele Kinder zur Welt kommen sollen. So sympathisch dieser Gedanke sein mag, statistisch kann kein Zusammenhang nachgewiesen werden. Oliver Kuß, Mathematiker an der Medizinischen Fakultät der Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg, hat vor mehr als zehn Jahren über vier Millionen Geburten daraufhin analysiert. Die Daten stammen vom Statistischen Landesamt in Baden-Württemberg, der Zeitraum der Erfassung erstreckte sich von 1966 bis 2003.

Montags und dienstags sind geburtenstärker

In dem untersuchten Zeitraum liefen 470 Mondzyklen ab. Das Ergebnis: Kuß konnte keinen Einfluss des Mondes auf die Anzahl der Geburten feststellen. Stattdessen fand der Mathematiker bei seiner Analyse heraus, dass montags und dienstags die meisten und am Wochenende die wenigsten Kinder in Baden-Württemberg geboren wurden. Eine mögliche Ursache dafür sei, dass künstlich eingeleitete Geburten in den Kliniken auf Anfang der Woche gelegt wurden. Könnten diese künstlich herbeigeführten Geburten die Statistik vielleicht verfälschen? Möglicherweise gäbe es also doch mehr "Mondgeburten", wenn man sie nur zuließe? Nein, so der Zahlenexperte, dieser Aspekt wurde in den Berechnungen natürlich rausgerechnet.

Selektive Wahrnehmung verfälscht das Gesamtbild

Edgar Wunder hat bei seinen Recherchen zur Geburtsrate bei Vollmond immer wieder Krankenschwestern getroffen, die eine Zunahme festgestellt haben wollen. Doch nur eine Einzige war bereit, mit ihm die Daten statistisch auszuwerten. Das Ergebnis: Es gab keinen Zusammenhang zwischen Mondphasen und Geburten - auch wenn die Krankenschwester felsenfest daran geglaubt hatte, eine Häufung bei Vollmond beobachtet zu haben. Wenige, selektiv wahrgenommene Einzelfälle hatten das Gesamtbild verfälscht.

Kein Zusammenhang zwischen Geburtenzahl und Mondphase

Eine Forscherin der südafrikanischen Stellenbosch University wertete auch Geburtenregister der Jahre 1810 bis 1929 aus ländlichen Gemeinden Spaniens aus - aus einer Zeit, in der es noch keine elektrische Beleuchtung gab und der Einfluss des Mondes voll zum Tragen gekommen sein könnte. Das Ergebnis auch hier: kein Zusammenhang zwischen Geburtenzahl und Mondphase.

Vollmond: kein erhöhtes Komplikationsrisiko bei Operationen

Im Übrigen ist auch das "Komplikationsrisiko" bei Operationen nicht höher. Der Tipp, sich nur bei "abnehmenden Mond" operieren zu lassen, ist nicht zu belegen. Das haben rund dreißig empirische Studien belegt: Es ist völlig belanglos, in welcher Mondphase man sich operieren lässt. Niemand muss Angst haben oder den Termin verschieben, wenn er bei Vollmond oder zunehmenden Mond operiert werden soll.

Verbrechen: Der Mond war voll - und nichts passierte

Helles Mondlicht macht aggressiv und lässt die Rate an Verbrechen nach oben schnellen. Diese Hypothese untersuchte ein Team von Wissenschaftlern der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen 2009. Sie setzten die Zahl von angezeigten Körperverletzungen zwischen 1999 und 2005 in Bayern in Bezug zur Mondphase - und fanden keinen Zusammenhang. Auch US-amerikanische Forscher fanden in ihrer Studie keine Hinweise darauf, dass der Mond die Verbrechensrate in einer texanischen Stadt beeinflusst.

Zusammenfassend kann man sagen: Der Mond war voll - und nichts passierte. So betitelten bereits in den 1980er-Jahren drei Forscher aus Kanada und den USA eine Überblicksstudie zum Einfluss des Mondes auf menschliches Verhalten.

© picture-alliance/dpa/Gerard Lacz

Unser Mond - Mythen und Fakten