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Matthias Egersdörfer
© BR/Konzertagentur Friedrich GmbH/Stephan Minx

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Matthias Egersdörfer

So kennen und lieben Kabarettfreunde Matthias Egersdörfer: Laut, cholerisch, ein Berserker und Kraftmeier auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Aber Egersdörfer kann auch ganz anders:

"Ich bin nicht mehr gewesen als die erste verschwommene Silbe einer Ahnung. Als feines Fuzzelchen einer Schuppe von einem Nichts schwebte ich körperlos in der fernen Weite des Nirgendwo. Aber allein das Wort ‚schweben‘ ist schon maßlos übertrieben. Mir fehlte alles, und ich bemerkte es nicht einmal." Romantext

So beginnt Egersdörfer sein Buch "Vorstadtprinz. Roman meiner Kindheit". Und so spürt er seiner eigenen Zeugung nach. - ein Philosoph auf der Suche nach der Geworfenheit in die Existenz – mit dem Handwerkszeug eines Kabarettisten und dem Sprachschatz eines Poeten:

"Wenn man den geringen Dreck unter dem kleinen Fingernagel eines Verwaltungsangestellten einer Firma, die Büroklammern herstellt, hervorholen und auf ein Fensterbrett legen würde und dann für einen kurzen Moment die Sonne zwischen den Wolken auftaucht und der kleine Schmutz einen Schatten wirft, dann war ich ein Hauch davon." Romantext

Sensibler Wortdrechsler und fränkischer Phantast

Immer wieder erweist sich Egersdörfer als sensibler Beobachter und Wortdrechsler sowie als fränkischer Phantast. Denn dass er im Buch auch erfindet, übertreibt, zuspitzt, das macht Egersdörfer schon im Interview deutlich, wenn er über seine Eltern sprechen soll:

"Ich möchte eigentlich gar nicht so viel erzählen, wie es wirklich war. Ich habe – schlau, wie ich bin – ‚Roman‘ drauf geschrieben, und ob die jetzt wirklich so waren und ob das nicht ein Amalgam aus verschiedenen Müttern und Vätern ist, da möchte ich eigentlich lieber die samtene Steppdecke des Schweigens drüberhängen." Matthias Egersdörfer

Ein Kachelofen voll Liebe

Die Kindheit und das Leben des kleinen Matthias im Roman sind ein Abenteuer. Er wird hineingeboren in eine mittelfränkische Kleinstadt, in eine Vorstadtfamilie mit zwei lebensfrohen Schwestern, die ihn nach Herzenslust triezen, mit einem Vater, der sein Leben nach protestantischer Arbeitsethik zurechtstutzt und einer vollbusigen Mama, die ihren Prinzen verhätschelt. Gegenpol in dem Tohuwabohu ist seine Oma, bei der er sich in andere Welten träumen kann und von der Egersdörfer schreibt: Sie strahlte Liebe ab wie ein Kachelofen Wärme.

Bei ihr steht etwa eine Vitrine mit Andenken an den Opa, und jeder Gegenstand raunt Geschichten aus fernen Welten: Die Wohnung der Oma ist ein Wurmloch, durch das der kleine Matthias in andere Zeiten und Orte fallen kann. Die brave fränkische Pegnitz wird dann zum Amazonas, der Bub zum Zeitreisenden und Weltbürger, der aus dem allzu engen Zuhause fliehen kann.

Die Freiheit des Fahradfahrers

Ein Kapitel freilich fehlt in dem Buch, aber wenn es je eine Fortsetzung geben sollte, dann will Egersdörfer es nachtragen:

"Das Fahrrad wird ihn dann irgendwann retten, um von dem ganzen Irrsinn wegzufahren. Da fehlt eigentlich noch - das muss ich eigentlich auch noch schreiben - eine große, lange Lobhymne auf das Fahrrad, das es ermöglicht, ohne Benzin und weitere Kosten einfach davonzufahren. Er versucht halt, in seiner Phantasie zu fliehen, also, das sind Fluchten, in die er sich begibt." Matthias Egersdörfer

Die Wie-sagt-man-Arie in der Gelbwurstfalle

Wer wissen will, wie in den 70er Jahren Kinder erzogen worden sind in der Provinz, der kann das jetzt nachlesen bei Egersdörfer, denn was er da festhält, ist allgemeingültig, knallig, witzig und zugleich melancholisch verdichtet. Etwa wenn er beschreibt, wie er immer wieder an der Hand seiner Mama in die Metzgerei Pristownik geführt wird und dort gefragt wird, ob er noch eine Scheibe Gelbwurst möchte. Egersdörfer beschreibt genau die Seelennöte des kleinen Matthias. Der will die Wurst, aber er will auch seine Selbstachtung behaupten:

"Immer wieder wurde ich aus Forschung und Wissenschaft gerissen und musste die Mutter als stumme Geisel auf ihren Karawanen durch den drögen Einzelhandel begleiten. Immer wieder endete diese sinnlose Strapaze in der Metzgerei Pristownik, und immer wieder landete ich in der Gelbwurstfalle. Jedes Mal wurde ich gefragt, ob ich Wurst haben wollte. Jedes Mal sagte ich ja. Jedes Mal sang meine eigene Mutter die Wie-sagt-man-Arie. Allzu gern hätte ich einmal auf die Frage der Pristownik nein geantwortet: ‚Nein, liebe Frau. Ich weiß Ihr Angebot und Ihre Wurstwaren im Allgemeinen sehr zu schätzen. Aber ich möchte heute lieber kein Stück von der Gelbwurst. Es dürfte Ihnen ja nicht entgangen sein, dass meine Mutter gerade dabei ist, Wurst und Fleisch bei Ihnen einzukaufen. Ich nehme an, dass dabei auch mein Bedarf bedacht wurde. Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich Ihre exzellenten Erzeugnisse lieber erst zu Haus verzehren.‘ Ich habe das leider nie hinbekommen." Romantext

Leise Schreie beim Gedanken-Schneiden

Das Gefühl, ein Stück weit Geisel der familiären Erziehungsgemeinschaft zu sein, verstärkt sich noch in der Pubertät:

"Der Vater stand auf der Leiter und schnitt mit der Heckenschere die langen Zweige ab, die herausragten. Meine Mutter und ich hielten wechselweise die Leiter und klaubten die abgeschnittenen Zweige von der Straße auf, um sie in große Säcke zu stopfen. Kein Ast durfte zu weit aus dem Grundstück ragen. Der Vater schnitt die abstehenden Zweige ab. Der Vater schnitt der Mutter die abstehenden Gedanken ab. Die Mutter schnitt dem Vater die Gedanken ab, die zu weit aus seinem Kopf herausragten. Vater und Mutter schnitten dem Sohn die wuchernden Gedanken ab. Wenn die Mutter zu laut brüllte, während ihr die Gedanken vom Kopf geschnitten wurden, schloss der Vater die Fenster und forderte die Mutter auf, ein bisschen leiser zu schreien, damit es die Nachbarn nicht mitbekämen. Die Tauben gurrten in der Tanne. Die Großmutter lag am Friedhof. Der Nachbar zersägte Holz mit der Kreissäge. Ich meldete mich vom Gymnasium der Vorstadt ab. Ich wollte das Gymnasium in der Großstadt besuchen. Die Eltern nahmen meine Entscheidung hin mit der gleichen Begeisterung, wie wenn mir ein sechster Finger an der rechten Hand gewachsen wäre." Romantext

Widerstand gegen Schulmeisterei

In dieser Befremdung liegen Wurzeln des Widerstands, wie sie Egersdörfer als Kabarettist kultivierte. Auch die Institution Schule lässt Egersdörfer nicht ungeschoren. Die Großstadt Nürnberg bringt ein Stück Befreiung, doch den Schulunterricht erlebt Matthias wie zuvor als vertane Zeit, in der seine Phantasie und Erkenntnislust unterdrückt und niedergepresst werden.

"Die Schule war ein Zirkus ohne Vorstellung und Publikum. Man trainierte uns in Fertigkeiten, deren Zweck uns verborgen blieb. Wir erlebten am eigenen Leib, wie unendlich die Zeit sich dehnen ließ. Ich fühlte mich wie eine Fliege, die in ein großes Becken mit Honig gefallen war und im Versuch, sich aus ihrem klebrigen Schicksal zu befreien, immer tiefer in die Schmiere geriet. Ich wunderte mich, wie es dem Schulmeister gelang, dass er nicht selbst beim Absondern seiner grauen Vorträge, die so abwechslungsreich waren wie eine Raufasertapete, einfach mitten im Satz einschlief. Die vergilbten Manuskripte, von denen die Lehrer ablasen, deuteten darauf hin, dass mit diesem zähfließenden Gedankenkleister schon Dutzende Male unzählige Ohren vergipst und das Bewusstsein zahlloser Gymnasiasten verödet worden waren. Manche Lehrer waren wie Köche, die in ihrer Routine vollkommen vergessen hatten, dass Essen auch etwas mit Geschmack zu tun hatte. Ihre Worte hatten mit nichts etwas zu tun. Nichts würde sie verändern. Statt diese Worte zu sprechen, hätte der Lehrer seinen Vortrag auch dreißig Goldfischen in kleinen Aquarien vorbellen können." Romantext

Volles Buch bis zum Abi

Bis zum Abitur erzählt Egersdörfers Roman sein Leben, dann war das Buch voll, wie er sagt. Es geht um Freundschaft und Liebe, um Bevormundung und um Opposition und Widerstand dagegen. Zuletzt endet dieser Kampf seiner Jugend mit einer Flucht aus Franken hinaus in die Welt.

Ob es eine Fortsetzung geben wird, darüber will Egersdörfer noch nachdenken. Ein bisschen hängt es wohl auch davon ab, wie gut sein erster Roman ankommt.

Matthias Egersdörfers‘ Buch "Vorstadtprinz. Roman meiner Kindheit" ist erschienen bei Rowohlt und kostet 20 Euro. Er stellt es in mehreren Städten vor, zum Beispiel im September in Fürth und im Oktober in Gunzenhausen.