Streitfall Energiewende: Anwohner gegen LNG im Urlaubsidyll
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Streitfall Energiewende: Anwohner gegen LNG im Urlaubsidyll

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Streitfall Energiewende: Aufstand in Urlaubsregionen

LNG-Terminals neben Urlaubsstränden, Wasserkraftwerke in Alpentälern. Die Bundesregierung will die Energieversorgung umgestalten, auch mit riesigen Infrastrukturprojekten, teils in sensiblen Gebieten. Dagegen wächst der Protest.

Über dieses Thema berichtet: report München am .

Jana Weise steht verzweifelt am Strand von Binz auf Rügen. Der besonders feine Sandstrand hier ist eines der beliebtesten Urlaubsziele Deutschlands. Doch statt sich um Ihre Gäste zu kümmern, kämpft Jana Weise gegen Flüssiggas-Terminals und Tanker, die vor Rügen liegen. Ihre Familie besitzt Ferienwohnungen direkt am Strand, traumhafte Lage - aber jetzt fürchtet Sie, dass die Gäste wegbleiben.

Im Januar ist im 40 Kilometer entfernten Hafen von Lubmin ein schwimmendes Flüssiggas-Terminal in Betrieb gegangen. Seither parken große Tanker vor Rügen, weil sie nicht durch die flache Ostsee fahren können. Das Gas wird in kleinere Schiffe umgeladen und nach Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern gebracht.

Lubmin ist ein Knotenpunkt für die Gasversorgung, weil hier die Endpunkte der Nordstream-Pipelines liegen und Gasleitungen in den Süden bis nach Bayern führen. Deswegen ist für die Bundesregierung Lubmin der ideale Standort für die Anlieferung von Flüssiggas.

Eine Horrorvorstellung für Hoteliers, Vermieter von Ferienwohnungen und die große Mehrheit der Rüganer.

"Wir sehen unsere Existenz bedroht. Man erwartet von uns ein sehr, sehr großes Opfer." Jana Weise.

Neue Pipeline durch sensibles Seegebiet

Das schwimmende Flüssiggasterminal und die Transportschiffe sind erst der Anfang. Der Hafen von Mukran auf Rügen soll zur Drehscheibe für Flüssiggas werden.

Gleich zwei schwimmende Terminals sollen im Hafen festmachen und dort langfristig liegen bleiben. Dort können die Flüssiggas-Tanker dann direkt anlegen.

Das Gas sollen nicht mehr kleinere Transportschiffe zum Knotenpunkt nach Lubmin bringen. Deswegen will die Bundesregierung eine Pipeline quer durch die Ostsee vom Hafen in Mukran nach Lubmin. Fünf Schutzgebiete wären vom Pipeline-Bau betroffen, sagt das Umweltministerium von Mecklenburg Vorpommern.

"Also das Verrückte an der Sache ist, dass man wirklich ein LNG-Terminal genau in ein Urlaubsparadies reinrammen will", sagt Jana Weise. Der Hafen liegt am Ende der Binzer Bucht, in Sichtweite der langen Sandstrände. Seit Monaten laufen die Einwohner Sturm gegen die weitergehenden Pläne, die im Eiltempo durchgedrückt werden sollen.

Beschleunigte Verfahren hebeln Umweltschutz aus

Dazu hat der Bundestag in seiner letzten Sitzung vor der Sommerpause den Hafen Mukran in das LNG-Beschleunigungsgesetz aufgenommen. Die Pipeline soll noch in diesem Jahr fertig werden.

Karsten Schneider, der Bürgermeister von Binz ist darüber nicht erfreut: "Wir haben das Gefühl, dass diese Beschleunigung jede Demokratie killt, denn wenn man ein normales Verfahren durchläuft, ist dieses Projekt einfach zum Scheitern verurteilt."

Olaf Scholz war in Binz. Auch Robert Habeck war da, überzeugen konnten sie weder Gemeindevertreter, noch Bürger auf Rügen. Die Gemeinde will klagen und hat auch das nötige Geld. Das mondäne Ostseebad steht finanziell gut da, betont der Bürgermeister.

Wasserkraftwerk im Naturschutzgebiet

Am südlichsten Zipfel Deutschlands, in Oberstdorf im Allgäu, wird um ein Kraftwerk im Naturschutzgebiet gestritten. In eines der letzten unberührten und streng geschützten Alpentäler soll ein Wasserkraftwerk gebaut werden. Entsetzen bei Michael Finger, dem örtlichen Vertreter des Bund Naturschutzes: "Das ist ein Natura-2000-Schutzgebiet der Europäischen Union, FFH Gebiet, also Flora-Fauna Habitat, wo aussterbende Tierarten leben und kein Industriegebiet."

Doch die Gemeinde sieht das anders, mit nur einer Stimme Mehrheit hat der Gemeinderat beschlossen, eine Machbarkeitsstudie in Auftrag zu geben. Dabei sind die Pläne nicht neu, sie wurden schon im Jahre 2009 geprüft und damals verworfen. Aber jetzt ist alles anders. Ukrainekrieg und Energiekrise haben zu beschleunigten Verfahren geführt, die strenge Naturschutzvorschriften teilweise aushebeln. Das Zeitfenster für Anträge reicht bis Mitte 2024, sagt Bürgermeister Klaus King. Und diese Zeit wollen sie Oberstdorf nutzen: "Zehn Prozent der gesamten Energie des Marktes könnte das Wasserkraftwerk liefern. Damit käme Oberstdorf auf ungefähr 70 Prozent erneuerbare Energien."

Für Michael Finger vom Bund Naturschutz ist das der falsche Weg. Er will in jedem Fall gegen das Vorhaben klagen: "Die Leute brauchen einfach Rückzugsgebiete, die technikfrei sind, wo man nicht ständig an einem Gewerbegebiet, einem Parkplatz oder einem Wasserkraftwerk vorbeiläuft." Michael Finger, Bund Naturschutz

Ob auf Rügen oder in Oberstdorf: in beiden Fällen werden wohl am Ende Gerichte entscheiden.

Mehr dazu im ARD-Politikmagazin report München am 18. Juli ab 21.45 Uhr im Ersten .

Im Video: report München – die Sendung vom 18. Juli

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