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Kunststoffröhrchen mit Corona-Abstrichen stehen nach dem PCR-Test in einem Labor.

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    Regierung kann Zahl der Corona-Tests nicht willkürlich steuern

    Was sagen Corona-Tests über das Infektionsgeschehen aus? Ein Nutzer behauptet, die Regierung wolle die Infektionszahlen durch Erhöhung oder Senkung der Testzahlen steuern. Der #Faktenfuchs erklärt, warum das falsch ist.

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    Von
    • Bernd Oswald

    Corona-Tests sind das gängige Mittel, um herauszufinden, wie viele Menschen mit dem Coronavirus infiziert sind. Es gibt verschiedene Arten von Tests: Antikörpertests, Antigen-Schnelltests und PCR-Tests. Antigen-Schnelltests durften bislang nur von medizinischem Fachpersonal durchgeführt werden, seit dem 8. März sind eine Reihe von Antigen-Tests auch für die Eigenanwendung von Privatpersonen zugelassen, so genannten Selbsttests. Wenn diese ein positives Ergebnis zeigen, sollen sie durch einen PCR-Test bestätigt werden, wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn und der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI) Lothar Wieler auf der Bundespressekonferenz am 12. März betonten.

    Sechs Prozent aller PCR-Tests waren positiv

    Das RKI bezeichnet den PCR-Test als "Goldstandard", um herauszufinden, ob jemand mit dem Coronavirus infiziert ist. Über die Zuverlässigkeit von PCR-Tests haben wir auch einen #Faktenfuchs veröffentlicht. Seit Beginn der Pandemie haben spezialisierte Labore mehr als 47,5 Millionen PCR-Tests durchgeführt, wie aus einer Corona-Testzahlen-Statistik des RKI hervorgeht. Davon waren knapp sechs Prozent positiv.

    • Alle aktuellen Faktenfuchs-Artikel finden Sie hier.

    Die Anzahl der Coronatests liefert immer wieder Diskussionsstoff, etwa zur Frage, ob die Regierung mit der Testanzahl die öffentliche Meinung in ihrem Sinne beeinflussen will. So wandte sich ein BR24-Nutzer mit der Bitte, folgende Aussage eines Bekannten zu prüfen, an den #Faktenfuchs:

    "Der Rückgang der Infektionszahlen nach Einführung von Maßnahmen wie Lockdown, Maskenpflicht oder Schulschließungen beweist nicht, dass die Maßnahmen wirksam waren, da die Infektionszahlen durch Erhöhung oder Senkung der Testzahlen willkürlich von der Regierung gesteuert werden können. Das macht die Regierung auch, um den Effekt von Maßnahmen zu simulieren und um bei Lockerungen durch Erhöhung der Testzahlen zu zeigen, dass die Lockerungen falsch waren." BR24-User

    Es wird also zum einen behauptet, dass die Regierung die Corona-Testzahlen nach Gutdünken erhöhen oder senken könne. Zum anderen heißt es, dass die Regierung das aus politischen Gründen mache, etwa nach Lockerungen, um durch mehr Tests und ggf. mehr positive Fälle sagen zu können, dass die Lockerungen falsch waren.

    Der BR24-Nutzer stellte uns auch eine Grafik zur Verfügung, in der sein Bekannter für die Kalenderwochen 40/2020 bis 8/2021 die Entwicklung der Corona-Testzahlen einerseits und der positiven Corona-Fälle andererseits aufzeigt. Die Grafik verwendet dabei offenbar die Werte aus der oben erwähnten Corona-Testzahlen-Statistik des RKI.

    Die Formel "Mehr Tests, mehr Infizierte" ist zu kurz gegriffen

    Der Bekannte des BR24-Nutzers interpretiert diese Daten offenbar so: Mehr Test führen zu mehr Infizierten.

    Dass die Aussage "Mehr Tests, mehr Infizierte" so nicht stimmt, hat der #Faktenfuchs erstmals im August berichtet. Schon damals schrieb uns das RKI: "Eine Ausweitung der Testindikationen oder eine Erhöhung der Testzahl kann zu einem Anstieg der Fallzahlen führen, da zuvor unentdeckte Fälle detektiert werden. Das heißt aber nicht, dass umgekehrt die steigenden Fallzahlen nur mit dem vermehrten Testaufkommen zu erklären sind."

    Testzahlen können auch steigen, weil mehr Menschen krank sind und deswegen zum Arzt oder in ein Testzentrum gehen.

    Vergangene Woche sagte RKI-Präsident Lothar Wieler auf der Bundespressekonferenz, der Anstieg der Corona-Infektionszahlen hänge nicht mit vermehrtem Testen zusammen. Es gebe keine "künstliche Erhöhung von Fallzahlen". Anhand verschiedener Monitoring-Werkzeuge könne das RKI immer sehen, “was der Anteil der mehr Getesteten ist und was der Anteil des wirklichen Krankheitsgeschehens Wieler verwies auf klinische Daten und Anstiege bei Covid-19-Intensivpatienten in manchen Bundesländern.

    Er betonte, es sei wichtig, ansteckende Menschen möglichst früh zu isolieren, um andere Personen zu schützen. Das sei "das zentrale Ziel von Testungen".

    Der Bekannte des BR24-Nutzers wählte in seiner Grafik einen Zeitraum, der einen Zusammenhang zwischen steigenden Testzahlen und steigenden Infektionszahlen suggeriert. Auf die vergangenen 52 Wochen gesehen ist das nicht so, wie unsere Grafik zeigt:

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    Ein Vergleich der neuen Corona-Fälle und Testzahlen pro Woche.

    Infektionsgeschehen entwickelt sich unabhängig von Tests

    Dass sich das Infektionsgeschehen unabhängig von den Tests entwickelt, sieht man auch an der sogenannte Positivrate, die ebenfalls in der Testzahlen-Statistik des RKI ausgewiesen wird. Sie gibt an, wie viel Prozent der getesteten Personen tatsächlich infiziert sind. Dieser relative Wert ist in diesem Zusammenhang aussagekräftiger als die absoluten Zahlen an positiven Tests.

    Wären steigende Neuinfektionszahlen nur auf vermehrte Tests zurückzuführen, dürfte sich der Anteil positiver Ergebnisse nicht ändern. Die Positivrate ist aber großen Schwankungen unterworfen: Im März 2020 stieg sie drei Wochen lang, sank dann im April und Mai wieder deutlich, blieb den Sommer über auf sehr niedrigem Niveau, ehe sie im Herbst wieder zu steigen begann und zum Jahresende 2020 den bisherigen Rekordwert von 15,36 Prozent erreichte. In den vergangenen vier Wochen hat sie sich bei etwa sechs Prozent eingependelt. Die folgenden Grafik zeigt, dass es zwischen neuen Fällen und Positivrate eine deutlich stärkere Korrelation gibt als zwischen neuen Fällen und Anzahl der Testungen:

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    Neue Corona-Fälle und die Positivrate pro Woche im Vergleich.

    Die Quote positiver Corona-Tests ist seit einigen Wochen stabil, "so dass der Anstieg [der Infektionszahlen] akut wohl nicht auf vermehrte Testung und Entdeckung von Fällen zurückzuführen ist", erklärte auch die Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Epidemiologie, Eva Grill der Nachrichtenagentur dpa.

    Die Positivrate hat allerdings auch einen Nachteil: Sie wird in der Regel nur für Deutschland und die einzelnen Bundesländer berechnet. Doch vor Ort kann das Infektionsgeschehen sehr unterschiedlich sein. Solche lokalen Unterschiede lassen sich besser mit der 7-Tage-Inzidenz abbilden, die angibt, wie viele Corona-Infektionen pro 100.000 Einwohner es in den vergangenen sieben Tagen in einem Landkreis bzw. einer kreisfreien Stadt gegeben hat. Der 7-Tage-Inzidenzwert gleicht zeitliche Schwankungen aus und macht die Fallzahlen von Städten und Landkreisen mit unterschiedlichen Einwohnerzahlen vergleichbar, wie wir in diesem Faktenfuchs erläutert haben.

    Testkapazität ist kontinuierlich gestiegen

    Falsch ist auch die Aussage, die Regierung könne die Corona-Testzahlen nach Gutdünken erhöhen oder senken. Corona-Tests werden in der Regel entweder beim Arzt, Hausarztpraxen, Kliniken oder in speziell eingerichtete Testzentren durchgeführt - und zwar dann, wenn eine Person mit Symptomen einen dieser Orte aufsucht. Außerdem sollen Personen, die Kontakt mit einer anderen infizierten Person hatten, einen Corona-Test machen. Die Ärzte entnehmen dann Proben von einer Schleimhaut und leiten diese an spezielle Untersuchungslabore weiter, wo die Auswertung stattfindet. Am Ende des PCR-Tests gibt es den Befund positiv oder negativ. Die Testkapazität ist von verschiedenen Faktoren abhängig: Unter anderem Anzahl der Labore, verfügbarem Personal und Verfügbarkeit von Testmaterialien, z.B. Reagenzien. Die Regierung hat darauf keinen Einfluss.

    Die wöchentliche PCR-Testkapazität deutscher Labore ist von 40.950 Tests Mitte März 2020 auf 2,35 Millionen Test Mitte März 2021 gestiegen, wie aus der RKI-Testzahlen-Statistik hervorgeht. Die Zahl der tatsächlich durchgeführten PCR-Testungen ist im gleichen Zeitraum von 128.008 auf 1,25 Millionen gestiegen, der Höchstwert wurde in der Woche vor Weihnachten mit 1,67 Millionen Tests erreicht.

    RKI empfiehlt, wer sich testen lassen soll

    Auf die Testzahlen hat die Regierung nur einen indirekten Einfluss: Das Robert Koch-Institut gibt in der nationalen Teststrategie Empfehlungen ab, wer einen Test machen soll. Das Institut empfahl dabei schon immer, Menschen mit typischen Corona-Symptomen zu testen. Ende April 2020 war diese Empfehlung allerdings gelockert worden, um auch Menschen mit nur leichten Symptomen zu testen. Danach konnte man sich auch bei bloßem Verdacht auf eine Corona-Infektion testen lassen. Um eine drohende Überlastung der Labore zu vermeiden, änderte das RKI im November 2020 erneut seine Empfehlungen: Personen ohne Symptome sollten sich nicht mehr testen lassen.

    Teilweise verfolgen die Bundesländer eine eigene Teststrategie: So hielt Bayern im November entgegen der Empfehlung des RKI an seiner eigenen Teststrategie fest, die vorsieht, dass sich jeder testen lassen kann, auch ohne konkreten Verdacht auf eine Infektion.

    Das RKI räumt in der aktuell gültigen Version der Teststrategie symptomatischen Personen weiterhin die höchste Test-Priorität ein. Bei den asymptomatischen Personen gewichtet das RKI nach dem Ansteckungsrisiko: Zweithöchste Priorität haben Kontaktpersonen bestätigter Covid-19-Fälle sowie bei einem Corona-Ausbruch das Personal in Arztpraxen, Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen, Kitas, Schulen und Asylbewerberheimen.

    Die sogenannte Coronavirus-Testverordnung regelt wiederum, wer wie oft Anspruch auf welche Art eines Corona-Tests hat und wer die Kosten dafür trägt. Auch die Testverordnung wurde mehrmals geändert. Seit dem 8. März 2021 können sich alle Bürger einmal wöchentlich mit einem Antigen-Schnelltest kostenlos testen lassen, zum Beispiel in einer Apotheke oder in einem Testzentrum.

    Die nationale Teststrategie und die Corona-Testverordnung werden aber nicht willkürlich geändert, "sondern immer angepasst sowohl an die epidemiologische Situation als auch an die Verfügbarkeit von Tests", wie RKI-Präsident Wieler am 12. März auf der Bundespressekonferenz sagte.

    Kein Zusammenhang zwischen Lockdowns und Testzahlen

    Der Bekannte des BR24-Nutzers behauptet weiter, dass die Regierung nach Lockerungen die Testzahlen erhöhe, um zu zeigen, dass die Lockerungen falsch waren. Bislang gab es im Wesentlichen zwei Zeitpunkte, an denen die Corona-(Kontakt-)Beschränkungen gelockert wurden. Der erste harte Lockdown endete in der Kalenderwoche 19 im Mai 2020, als die Geschäfte wieder öffnen durften und die Kontaktbeschränkungen gelockert wurden. In der folgenden Woche, KW20, stieg die Zahl der durchgeführten PCR-Tests um 46.000, die Zahl der dabei positiv Getesteten sank aber um 3000 Personen, und damit auch die Positivenrate. In Woche 21 sank sowohl die Zahl der Testungen als auch die der positiven Fälle, in Woche 22 stieg die Testzahl wieder an, die positiven Fälle gingen abermals zurück.

    Über mehrere Wochen blieb die Zahl der durchgeführten Tests auf einem ähnlichen Niveau von etwa 400.000, sowohl vor als auch nach dem Ende des von Mitte März bis Anfang Mai dauernden Lockdowns.

    Diese Entwicklung zeigt zweierlei: Erstens ist die These falsch, dass die Regierung nach Lockerungen die Testzahlen erhöht. Zweitens hängt die Entwicklung der positiv getesteten Personen nicht automatisch von der Anzahl der Testungen ab - sondern davon, wie viele Menschen sich tatsächlich mit dem Corona-Virus infiziert haben.

    Vergleichbare Zahlen zum zweiten, harten Lockdown gibt es noch nicht, da die Eindämmungsmaßnahmen erst ab dem 8. März gelockert wurden.

    In der Mail an den Faktenfuchs wird außerdem behauptet, dass der Rückgang der Infektionszahlen nach der Einführung von Lockdown, Maskenpflicht oder Schulschließungen nicht auf diese Maßnahmen zurückzuführen sei, sondern auf gesenkte Testzahlen. Auch das lässt sich aus den Zahlen nicht ableiten:

    • In der 12. Woche (Mitte März 2020), als der erste strenge Lockdown eingeführt wurde, gab es mehr Tests und auch mehr positive Fälle.
    • In der 45. Woche (Anfang November 2020), als die Gastronomie schließen musste, sank die Zahl der Tests geringfügig, allerdings stieg sowohl die Zahl der Infizierten als auch der Positivenanteil.
    • In der 52. Woche (kurz vor Weihnachten 2020), als zusätzlich der Einzelhandel schließen musste, stiegen alle drei Werte
    • In der zweiten Woche 2021, als man nur noch eine weitere Person außerhalb des Haushalts treffen durfte, sanken alle drei Werte geringfügig.

    Die These, sinkende Infektionszahlen seien auf sinkende Testzahlen zurückzuführen, ist also nicht haltbar.

    Fazit

    Die Behauptung, die Regierung steuere die Corona-Infektionszahlen durch willkürliche Erhöhung oder Senkung der Testzahlen, ist falsch. Die Regierung kann die Zahl der Tests durch Empfehlungen, wer sich testen lassen soll, nur indirekt steuern. Ob ein Test durchgeführt wird, entscheidet in der Regel der Bürger. Zum anderen gibt es keinen direkten Zusammenhang zwischen der Anzahl der Tests und der Anzahl der positiven Fälle. Auch für die Behauptung, dass die Testzahlen nach der Einführung von Corona-Beschränkungen sänken und nach Lockerungen stiegen, gibt es keine statistischen Belege.

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