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Tatsächlich nutzen Vektorimpfstoffe Zelllinien, die auf Embryo-Zellen zurückgehen, um Viren darin zu vermehren. Doch in der Impfung selbst sind diese Zellen nicht enthalten – und Föten werden auch nicht extra dafür abgetrieben. Ein #Faktenfuchs. 

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#Faktenfuchs: Enthalten Corona-Impfstoffe Zellen von Embryos?

Tatsächlich nutzen Vektorimpfstoffe Zelllinien, die auf Gewebe von Föten zurückgehen. Man braucht sie, um Viren darin zu vermehren. In der Impfung selbst sind die Zellen nicht enthalten – und Föten werden auch nicht extra dafür abgetrieben.

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Von
  • Julia Ley

Es ist ein Gerücht, das sich schon verbreitete, bevor der erste Corona-Impfstoff überhaupt auf dem Markt war. Und auch jetzt taucht die Behauptung immer wieder auf: Werden für die Herstellung von Corona-Impfstoffen Zellen von Embryos verwendet? Werden eigens dafür sogar Embryos abgetrieben?

Auf Twitter posten Nutzer Fotos von Produktinformationen des Astrazeneca-Impfstoffes. Dazu schreibt ein User:

"Diese Zellen werden von abgetrieben Embryonen entnommen. Einfach selber nachschauen und nachlesen. Steht auch auf dem Papier, das jeder Impfung beiliegt." (Twitter-User)
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Nein, Corona-Impfstoffe enthalten keine Zellen von abgetriebenen Föten. Solche Zelllinien werden aber zur Vermehrung des Vektorvirus genutzt.

Ein anderer schreibt: "Inhaltsstoffe der AstraZeneca-Impfung: unter anderem genetisch modifizierte Zellen aus Embryo-Nierengewebe. Na dann, angenehmes Impf-Erlebnis, allerseits."

Vektorimpfstoffe nutzen menschliche Zelllinien, um das Trägervirus zu vermehren

Richtig ist, dass die Hersteller der Corona-Vektorimpfstoffe bei der Produktion auch auf Zellen zurückgreifen, die ursprünglich einmal menschlichen Föten entnommen wurden. In Deutschland sind das die Impfstoffe von Astrazeneca und Johnson&Johnson.

In einem FAQ auf der Webseite des Paul-Ehrlich-Instituts, der obersten deutschen Impfstoffbehörde, heißt es dazu:

"Da Viren immer eine lebende Zelle benötigen, um sich zu vermehren, ist eine tierische oder menschliche Zellkultur notwendig, um Impfviren zu produzieren. Je nach Virustyp haben sich dafür verschiedene Zelltypen oder Zelllinien als besonders geeignet erwiesen." Paul-Ehrlich-Institut

Masern- und Mumpsviren etwa würden auf Bindegewebszellen von Hühnern vermehrt, weil diese sich besonders gut dafür eignen. Röteln- und Windpockenviren hingegen auf menschlichen Zellen.

Keine Föten extra dafür abgetrieben

In einer Mail an den #Faktenfuchs betont eine Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts:

"Es handelt sich nicht um aktuell abgetriebene Föten und die Abtreibung erfolgte nicht, um daraus Zellen für die Virusproduktion zu gewinnen. Es wurde jeweils einmalig ein Embryo abgetrieben - aus den persönlichen Gründen der betreffenden Frau - und mit den entsprechenden Zellen eine permanent wachsende Zelllinie etabliert, die eingefroren und immer weiterverwendet werden kann." Paul-Ehrlich-Institut

Das bestätigt auch Katja Schenke-Layland, Direktorin des Naturwissenschaftlichen und Medizinischen Instituts an der Universität Tübingen und Mitglied der Zentralen Ethik-Kommission für Stammzellenforschung des Robert Koch-Instituts:

"Werden Föten jetzt zu diesem Zeitpunkt extra getötet, damit diese Impfstoffe entstehen können? Da kann man ganz klar sagen: Nein. Und diese Impfstoffe haben keine fetale DNA oder RNA oder irgendwelche Bestandteile von diesen Zelllinien in ihrer Zusammensetzung." Katja Schenke-Layland, Biologin

Anders als in einem der Tweets behauptet, sind die Zellen also kein "Inhaltsstoff" der Astrazeneca-Impfung. Schenke-Layland erklärt, was es mit den sogenannten "Zelllinien" auf sich hat und wie sie angelegt werden:

"Man entnimmt Zellen und diese Zellen werden dann weiterkultiviert und expandiert, also vermehrt und wieder eingefroren und aufbereitet, so dass man sie weiterverwenden kann. Man kann sie #immortalisieren', das heißt, dass man sie genetisch so verändert, dass sie sich für die nächsten Jahre – teilweise auch Jahrzehnte – vermehren." Katja Schenke-Layland, Biologin

Welche Zelllinien verwendet werden, kann man in der Produktinformation nachsehen

Welche Zelllinie für einen Impfstoff verwendet wurde, kann jeder selbst nachsehen. Die Information findet sich in der Produktbeschreibung der Impfstoffe, man kann sie auch auf der Seite des Paul-Ehrlich-Instituts einsehen: Bei Astrazeneca ist es die Linie 293 HEK. Diese wurde im Jahr 1973 angelegt und geht auf embryonale Nierenzellen zurück. Der Impfstoff von Johnson&Johnson hingegen verwendet die Zelllinie PER-C6. Diese Linie geht auf Netzhautgewebe zurück, das einem Embryo entnommen wurde, der 1985 abgetrieben worden ist.

Anders als einer der Twitter-User behauptet, liegt diese Produktinformation allerdings nicht bei jeder Impfung schriftlich vor, wie eine Sprecherin des Paul-Ehrlich-Instituts mitteilt: "Die Produktinformation muss nicht vorgelegt werden, es muss nur aufgeklärt werden. Entweder im Gespräch oder durch ein Dokument."

Wer in der Apotheke Arzneimittel kauft, bekomme die Produktinformation immer mitgeliefert. "Das ist bei Impfstoffen insofern anders, als nur Privatpatienten sich den Impfstoff selbst kaufen", so die Sprecherin des PEI. "Deshalb ist es so wichtig, dass das Dokument (und noch viele andere) online verfügbar sind, damit alle, die es möchten, sich vorab das Dokument herunterladen können."

Warum werden keine Zellen von Erwachsenen verwendet?

Doch warum verwendet man überhaupt Zellgewebe von Embryos und nicht etwa von erwachsenen Menschen? Die Biologin Katja Schenke-Layland erklärt das so:

"Zellen verlieren über die Dauer das Potential, sich selber zu vermehren. Das geht nach unten, wenn man diese Zelllinie nicht genetisch verändert. Gerade fetale oder sehr frühe Zellen haben noch diese Kapazität, sich zu vermehren." Katja Schenke-Layland, Biologin

Dass nur manche der Corona-Impfstoffe diese embryonalen Zelllinien verwenden, hat mit der Technologie zu tun, mit der sie den Wirkstoff in die menschlichen Zellen transportieren. Die Impfstoffe von Astrazeneca und Johnson & Johnson nutzen dafür sogenannte "Vektorviren" oder Trägerviren, die den Wirkstoff in die Zelle transportieren. In diesem Fall sind es abgeschwächte Erkältungsviren, die sich nicht mehr vermehren und dem Menschen nicht mehr gefährlich werden können. Und um diese abgeschwächten Erkältungsviren in großer Anzahl herzustellen, braucht es menschliche Zellen.

Anders ist das bei den mRNA-Impfstoffen von Biontech oder Moderna. Sie nutzen flüssige Nano-Partikel - also kleine Fetttröpfchen - um die mRNA in die Zellen einzubringen.

Kritik an Nutzung von Zelllinien aus abgetriebenen Föten

Es gibt auch Stimmen, die es durchaus kritisch sehen, dass Emryonalzellen benutzt werden, um Impfstoffe herzustellen. Dazu gehört etwa die Katholische Kirche, die Abtreibungen grundsätzlich ablehnt. Der Vatikan hat im Dezember 2020 eine sogenannte "Note" herausgegeben, mit dem Titel: "Über die Moralität des Gebrauchs einiger Impfungen gegen Covid-19".

Darin wird die Herstellung von Impfstoffen auf Grundlage von Embryonalzellen zwar grundsätzlich verurteilt - in diesem konkreten Fall dürfe der einzelne Gläubige sich aber trotzdem damit impfen lassen. Denn:

"Es gilt also festzuhalten, dass alle Impfstoffe, die als klinisch sicher und wirksam anerkannt sind, in diesem Fall verwendet werden können, mit dem sicheren Gewissen, dass die Inanspruchnahme dieser Impfungen keine formale Mitwirkung an der Abtreibung, aus der die Zellen, mit denen die Impfstoffe hergestellt wurden stammen, bedeutet. Es ist allerdings zu unterstreichen, dass die moralisch zulässige Verwendung dieser Arten von Impfstoffen aufgrund der besonderen Bedingungen, die sie eben rechtfertigen, in sich keine (auch nicht indirekte) Legitimation für die Praxis der Abtreibung darstellen kann und die Missbilligung der Abtreibung seitens jener, die die Impfstoffe nutzen, voraussetzt." Glaubenskongregation des Vatikans

Fazit: Bei der Herstellung einiger Covid-19-Impfstoffe werden embryonale Zellen eingesetzt. Das ist bei den sogenannten Vektorimpfstoffen von Astrazeneca und Johnson & Johnson der Fall. Die Zellen werden gebraucht, um in ihnen harmlose Erkältungsviren zu vervielfältigen, die den Wirkstoff als sogenannte "Träger-" oder "Vektorviren" in die Zellen transportieren. Dafür werden keine Föten extra abgetrieben. Die Zellen stammen aus dem Gewebe von Embryos, die schon vor Jahrzehnten abgetrieben wurden. Aus diesem Gewebe haben Forscher sogenannte "Zelllinien" hergestellt, die seit Jahrzehnten kultiviert und vervielfältigt werden.

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