Militärkonvoi vor Kiew
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Militärkonvoi vor Kiew

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64 Kilometer langer russischer Militärkonvoi rollt auf Kiew zu

Mit unverminderter Härte rücken russische Truppen in der Ukraine vor. Ein gewaltiger Militärkonvoi rollt auf die Hauptstadt Kiew zu. Auch in anderen Teilen des Landes dauern die Gefechte an. Die Ukraine wehrt sich erbittert gegen die Invasion.

Nach Friedensgesprächen ohne Annäherung setzt Russland den Invasionskrieg in der Ukraine mit unverminderter Härte fort. In der Nacht gab es weitere Angriffe auf die zweitgrößte Stadt des Landes, Charkiw im Nordosten der Ukraine. Auf die Hauptstadt Kiew bewegte sich weiter ein gewaltiger Konvoi aus Panzern und anderen militärischen Fahrzeugen zu. Auch in anderen Teilen des Landes dauern die Gefechte an.

Russischer Vormarsch auf Kiew

Nach Einschätzung amerikanischer Verteidigungskreise will das russische Militär trotz des starken ukrainischen Widerstandes nach wie vor die Hauptstadt Kiew einnehmen. Man habe "alle Hinweise" darauf, sagte ein ranghoher Pentagon-Verantwortlicher dem US-Sender CNBC. "Wir gehen davon aus, dass sie sich weiter fortbewegen und versuchen werden, die Stadt in den kommenden Tagen einzukesseln."

Satellitenbilder, die die Nachrichtenagentur Unian veröffentlichte, zeigen einen russischen Konvoi aus Panzern und anderen militärischen Fahrzeugen, der rund 64 Kilometer lang sein soll - weitaus länger als bisher angenommen. Er erstrecke sich vom Flughafen Hostomel im Nordwesten Kiews bis zum Dorf Prybirsk, das zwischen Kiew und Tschernobyl liegt. Die Lage sei angespannt, so der Generalstab.

Die Bilder des Konvois zeigen Dutzende Fahrzeuge, die auf Straßen in der ukrainischen Landschaft hintereinander aufgereiht sind. Einige der Fahrzeuge stünden "sehr weit voneinander entfernt", teilte Maxar weiter mit. Andere seien "zu zweit und dritt" gruppiert. Auf einigen Bildern sei der Rauch von mutmaßlich brennenden Gebäuden zu erkennen. Das US-Unternehmen veröffentlichte zudem Bilder, die neue Truppenverlegungen von Kampfhubschraubern und Fahrzeugen in Belarus, weniger als 30 Kilometer von der ukrainischen Grenze entfernt, zeigen.

Kämpfe in Charkiw dauern an

Informationen über das Kriegsgeschehen blieben in der Nacht bruchstückhaft und waren nicht unabhängig zu überprüfen. Charkiws Bürgermeister Ihor Terechow sagte der Agentur Ukrinform zufolge, das russische Militär sprenge dort Umspannwerke. Dadurch komme es zu Problemen bei der Strom- und Wasserversorgung. Die Nachrichtenagentur Unian berichtete, die oberen Stockwerke zweier Hochhäuser seien zerstört worden.

Das ukrainische Außenministerium veröffentlichte am Dienstag bei Twitter ein Video, das einen Raketeneinschlag direkt auf dem zentralen Freiheitsplatz zeigt. Zu sehen ist eine gewaltige Explosion vor dem Verwaltungsgebäude, nachdem dort kurz vor dem Einschlag noch fahrende Autos zu sehen waren.

"Russland führt Krieg unter Verletzung des humanitären Völkerrechts", twitterte das Außenministerium. Es warf dem Nachbarland vor, Zivilisten zu töten und zivile Infrastruktur zu zerstören. Das ließ sich nicht unabhängig überprüfen. Russland weist den Vorwurf zurück. Über Opfer wurde zunächst nichts bekannt. Das Ministerium schrieb weiter: "Russlands Hauptziel sind große Städte, die jetzt von seinen Raketen beschossen werden."

Nach früheren Angaben hatte es am Montag bei Angriffen in Charkiw mindestens elf Tote und Dutzende Verletzte gegeben, 87 Wohnhäuser seien zerstört worden. In Videos waren Einschläge und Rauch in der Stadt zu sehen.

Auch andere ukrainische Städte umkämpft

Im Süden ist die Hafenstadt Mariupol nach staatlichen Angaben vom frühen Morgen unter Kontrolle der ukrainischen Armee. Wegen eines Luftangriffs sei die Stadt in der Region Donezk jedoch fast ohne Stromversorgung, meldete der staatliche Informationsdienst der Ukraine unter Berufung auf den Bürgermeister. Es gebe auch Internet- und Mobilfunkausfälle. Am Montag hatte die Stadt noch als umkämpft gegolten.

Bei einem Angriff in der Region Sumy im Nordosten der Ukraine soll es zu großen Verlusten auf beiden Seiten gekommen sein. Das ukrainische Antikorruptionsportal Antikor berichtete von möglicherweise 70 Toten auf ukrainischer Seite und einer großen Zahl von Opfern auf russischer Seite. Russische Artillerie habe eine Militäreinheit getroffen. Laut der Agentur Unian will die ukrainische Armee in der Region Sumy etwa 100 russische Militärfahrzeuge zerstört haben.

Video: Militärexperte Carlo Masala zur die Lage in der Ukraine

Carlo Masala, Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg bei München, schätzt im ARD Brennpunkt die Lage in der Ukraine ein.
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Carlo Masala, Professor für Internationale Politik an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg bei München, zur Lage in der Ukraine.

Ukrainische Armee bekämpft russische Truppen

Die ukrainische Armee schoss nach eigenen Angaben mehrere russische Kampfflugzeuge ab. Insgesamt seien bei Luftangriffen am Montag fünf russische Kampfflugzeuge und ein Hubschrauber zerstört worden, schrieb die "Ukrainska Pravda" unter Berufung auf das ukrainische Verteidigungsministerium. Die Kampfflugzeuge seien während der Luftangriffe auf Wassylkiw und Browary im Kiewer Umland getroffen worden, hieß es. Auch ein Marschflugkörper und ein Hubschrauber seien in der Nähe von Kiew abgeschossen worden.

Darüber hinaus sollen ukrainische Kampfflugzeuge am Montag Raketen und Bomben auf russische Panzer und Truppen bei Kiew und in der Nähe der Großstadt Schytomyr abgefeuert haben. Auch in der nördlichen Region Tschernihiw und in der Nähe der mittlerweile von Russland kontrollierten südukrainischen Stadt Berdjansk seien Bomben abgeworfen worden.

Einsatz verbotener Bomben?

Nach Darstellung der ukrainischen Botschafterin in den Vereinigten Staaten, Oksana Markarova, hat Russland bei seinem Vordringen in die Ukraine am Montag auch eine sogenannte Vakuum-Bombe eingesetzt. "Sie haben heute eine Vakuum-Bombe eingesetzt, was nach der Genfer Konvention verboten ist", sagt Markarova vor dem US-Kongress. "Die Verwüstung, die Russland der Ukraine zufügen will, ist groß".

Eine Aerosolbombe, umgangssprachlich Vakuum-Bombe genannt, verwendet Sauerstoff aus der Umgebungsluft, um eine Hochtemperaturexplosion zu erzeugen, die in der Regel im Anschluss an die Druckwelle eine wesentlich längere Sogwirkung erzeugt als ein herkömmlicher Sprengstoff. Eine russische Stellungnahme lag zunächst nicht vor.

Ukraine öffnet Grenze für freiwillige Kämpfer

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj unterzeichnete indes am Montag ein Dekret, mit dem die Visumspflicht für Ausländer vorübergehend aufgehoben wird, die sich der Internationalen Verteidigungslegion der Ukraine anschließen. Damit öffnet die Ukraine ihre Grenzen für Freiwillige, die an der Seite der Regierungssoldaten gegen die russischen Truppen kämpfen wollen. Das Dekret soll am heutigen Dienstag in Kraft treten und gelten, solange der Kriegszustand in der Ukraine ausgerufen ist.

Weitere Hilfe für Ukraine

Die US-Regierung von Präsident Joe Biden beantragte beim Kongress ein Hilfspaket mit einem Umfang von 6,4 Milliarden Dollar (5,7 Milliarden Euro) für die Ukraine. Darin enthalten sein solle humanitäre Hilfe, wirtschaftliche Hilfe und militärische Hilfe zur Selbstverteidigung der Ukraine, sagte der Mehrheitsführer von Bidens Demokraten im US-Senat, Chuck Schumer.

Australien will die Ukraine mit militärischer Ausrüstung und humanitärer Hilfe in Höhe von 105 Millionen australischer Dollar (68 Millionen Euro) unterstützen. Zwei Drittel der Summe würden für "tödliche und nicht-tödliche Ausrüstung zur Verteidigung" aufgewendet, sagte Premierminister Scott Morrison.

Tausende Festnahmen bei Demos in Russland

In Russland wurden seit Beginn der Anti-Kriegs-Demonstrationen am Donnerstag bislang offenbar 6.440 Menschen festgenommen. Rund die Hälfte der Festnahmen - 3.126 - habe es in der russischen Hauptstadt Moskau gegeben, teilte das Bürgerrechtsportal Owd-Info mit. In St. Petersburg seien 2.084 Menschen festgenommen worden.

Karte: Die militärische Lage in der Ukraine

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