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Große Verbundenheit in Tschechien mit der Ukraine. Der Prager Oberbürgermeister Zdenek Hrib hisst die Kiewer Flagge am Rathaus.

Bildrechte: picture alliance/dpa/CTK/Michal Kamaryt
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Was sagen Tschechen zum Krieg in der Ukraine?

Bei Bayerns Nachbarn in Tschechien ist die Bereitschaft in der Bevölkerung groß, den Flüchtlingen aus der Ukraine zu helfen. Was verbindet die Tschechen mit den Ukrainern und in wieweit spielen auch Erinnerungen an den Prager Frühling eine Rolle?

Von
Renate RoßbergerRenate RoßbergerBR24  RedaktionBR24 Redaktion
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Tschechien liegt nicht nur auf der Landkarte näher an der Ukraine als Deutschland. Der Krieg in der Ukraine weckt auch bei vielen Tschechen alte Ängste: vor den Russen und vor einer Rückkehr des Kalten Kriegs. Das erzählen Tschechen in Niederbayern und der Oberpfalz, die für deutsche Firmen oder für grenzüberschreitende Institutionen arbeiten.

Ältere Generation fühlt sich an den Prager Frühling erinnert

Die Tschechin Dana Biskup, 49 Jahre alt, lebt im Landkreis Freyung-Grafenau. Sie ist stellvertretende Geschäftsführerin der Euregio Bayerischer Wald-Böhmerwald-Unterer Inn. Biskup war 17 Jahre alt, als der Eiserne Vorhang zwischen Ost und West gefallen ist, hat seitdem den kompletten Wandel in ihrem Heimatland erlebt. Eine Rückkehr in die alten, bleiernen Zeiten kann sich die überzeugte Europäerin nicht vorstellen: "Ich habe Bedenken, wenn man sagt, wir gehören zum Westen oder zum Osten. Denn wir gehören zu Europa. Ich glaube nicht, dass die Situation, die wir früher hatten, dass Europa in der Mitte geteilt wird, noch ein zweites Mal passieren könnte", so Biskup.

Aber bei ihren älteren Verwandten wie generell bei der älteren Generation in Tschechien weckt der Ukraine-Krieg schlimme Erinnerungen an den Prager Frühling im Jahr 1968. Damals rückten Soldaten und Panzer und Staaten des Warschauer Pakts in die damalige Tschechoslowakei ein, beendeten gewaltsam die als Prager Frühling bezeichneten Reformversuche des Landes. Manche haben seit Beginn des Ukraine-Kriegs Angst, dass sich ein Einmarsch der Russen in ihr Land wiederholen könnte, erzählt Dana Biskup. Viele Menschen wollen wissen, wo die alten Atom-Schutzbunker im Land sind.

"Wir wissen, dass die Russen nur Partner akzeptieren, die stark sind"

Der Tscheche Martin Korinek, 52 Jahre alt, ist Geschäftsführer eines tschechischen Zweigwerks der international tätigen Grammer AG aus Amberg. Er ist verantwortlich für ein Grammer-Werk mit rund 1.500 Beschäftigten im tschechischen Tachov. Korinek setzt auf eine starke Nato, die es verhindert, dass Russland "in einer Salami-Taktik" wieder Einfluss auf Staaten des ehemaligen Ostblocks vom Baltikum bis Tschechien nehmen könnte. Die Tschechen sehen die Russen aufgrund ihrer geschichtlichen Erfahrungen deutlich nüchterner als die Deutschen, sagt er: "Wir wissen, dass die Russen nur Partner akzeptieren, die stark sind, und die auch bei Verhandlungen Stärke zeigen. So ist unsere Erfahrung."

Auch Jan Gregor, 42 Jahre alt, aus Budweis, Projektmanager bei der Europa-Region Donau-Moldau, warnt davor, Russland zu unterschätzen: "Die Europäische Union hat über Jahre eine schöne rosa Welt aufgebaut. Dabei sind die Angriffe von Russland und China auf den mitteleuropäischen Raum schon lange bekannt." Gregor hat Deutsch und Russisch studiert, und ist mit einer Russin verheiratet. Wer Russland intern kennt, sagt er, sei nicht überrascht vom jetzigen Angriffskrieg auf die Ukraine. Er glaubt nicht daran, dass die russische Bevölkerung Putin stürzen wird. Viele Russen seien nach anfänglicher Euphorie enttäuscht von der Demokratie und wollten lieber zurück in die alten Zeiten.

Der Ukraine-Krieg beendet die Europaskepsis vieler Tschechen

In Tschechien passiert genau das Gegenteil: Der Ukrainekrieg scheint die jahrelang spürbare Europaskepsis und das Misstrauen vieler Tschechen gegen Europa zu beseitigen: "Man spürt jetzt den starken Zusammenhalt in Europa und der westlichen Welt," sagt Dana Biskup. Auch Martin Korinek sieht das so: "Ich glaube, dass Europa mehr zusammenwächst und dass wir endlich selbst auf uns aufpassen müssen, nicht nur darauf vertrauen, dass die Amerikaner Truppen in Europa haben."

Der Ukrainekrieg zeigt vielen Menschen, dass Europa nur gemeinsam stark sein und die einzelnen Länder vor Übergriffen schützen kann. Befürworter des Ukrainekrieges scheint es in Tschechien kaum zu geben. Die kommunistische Partei habe es zum Beispiel zum ersten Mal seit 30 Jahren nicht mehr ins tschechische Parlament geschafft, erzählt Jan Gregor.

Bereits mehr als 200.000 Kriegsflüchtlinge in Tschechien

Tschechien, mit 10,7 Millionen Einwohnern kleiner als Bayern, hat bereits mehr als 200.000 Geflüchtete aus der Ukraine aufgenommen. Das ist auch deshalb bemerkenswert, weil sich das Land 2015 noch massiv dagegen gesperrt hatte, Geflüchtete aus Syrien oder Afghanistan zu beherbergen. Gegenüber den Ukrainern dagegen zeigt sich die Bevölkerung sehr hilfsbereit.

Man könne das nicht mit 2015 vergleichen, sagt zum Beispiel Jaroslava Pongratz, 39, die sich als Netzwerkmanagerin Bayern-Böhmen um Kontakte zwischen deutschen und tschechischen Firmen kümmert. Die Menschen aus der Ukraine hätten die gleiche Religion, eine ähnliche, nämlich slawische Sprache und es seien viele Frauen mit Kindern dabei, nicht nur Männer wie bei der ersten Flüchtlingskrise. Zur Ukraine hätten viele Tschechen auch private Kontakte, sagt Pongratz.

Schon vor dem Krieg haben rund 150.000 Ukrainer in Tschechien gearbeitet, oft als Billigarbeitskräfte. Viele von ihnen haben jetzt ihre tschechischen Jobs verlassen, um zuhause für ihr Heimatland zu kämpfen. Martin Korinek sieht deshalb sogar Möglichkeiten, Kriegsgeflüchtete auf dem tschechischen Arbeitsmarkt unterzubringen: "Wir haben eine Arbeitslosigkeit von unter drei Prozent. Aktuell sind landesweit über 300.000 Arbeitsplätze frei." Aber das Land werde Unterstützung von der EU für die Unterbringung der vielen Geflüchteten brauchen.

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